Retrospektive Herlinde Koelbl

Was am Ende des Tages bleibt

33 Jahre lang hat Herlinde Koelbl Menschen fotografiert und ist mit einfühlsamen Porträts berühmt geworden. Eine Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt jetzt ihr Gesamtwerk.

Sie wolle "nicht auf vertrauten Wegen bleiben", sagt Herlinde Koelbl, "nicht satt sein. Ich habe noch viel vor." Bild: dpa

Das Bild liegt jetzt doch auf dem Boden. Es zeigt den Busen einer Frau, der früher einmal straff war und glatt. Ihre Hand ruht vor dem Dekolleté, aber sie berührt es kaum. Das Foto gehört zu einer Serie, die Herlinde Koelbl "Lebensspuren" nennt. Lebensspuren einer Frau, die sich erst als elegante Dame zeigt in dunklem Kleid und mit Hut, die das Kinn anhebt und die Augen geschlossen hat, selbstbewusst, erwartungsvoll. Das letzte Bild der Serie ist ebenfalls ein Portrait, diesmal ist der Mensch nackt und der Blick ernst.

Herlinde Koelbl sieht zu den Bildern, die hängen geblieben sind, und zu dem, das sie gerade aussortiert hat. "Es wird sonst zu voll", sagt sie, leise zwar, aber es sieht nicht so aus, als würde sie zweifeln.

In den letzten Monaten hat Herlinde Koelbl nichts anderes gemacht. Sie ist ihr Archiv durchgegangen, hat Fotos aussortiert und andere wieder einsortiert, jeden Tag. Es müssen tausende Bilder gewesen sein, die sie für ihre Ausstellung und den Katalog wieder und wieder in die Hand genommen hat. Sie stand selbst im Labor, überwachte, wie die Gesichter von Angela Merkel, Gerhard Schröder und Joschka Fischer trockneten, jeden Quadratzentimeter betrachtete sie genau. Manchmal ließ sie den Abzug ein zweites Mal machen. Vor sechs Wochen kamen die Bilder mit einem Laster nach Berlin, seitdem verschiebt sie kleine Abzüge der großen Fotos solange auf dem Parkett des Martin-Gropius-Baus, bis sich das richtige Gefühl einstellt. Erst dann dürfen die Museumstechniker den Bohrer ansetzen.

Angekündigt als erste Ausstellung ihres Gesamtwerks, werden im Martin-Gropius-Bau in Berlin Koelbls Bilder-Serien gezeigt wie die "Jüdischen Porträts", "Haare", die "Schlafzimmer" oder "Spuren der Macht", die sie zur bekanntesten Porträtfotografin in Deutschland machten. Aber Herlinde Koelbl spricht lieber von "Zwischenbericht" oder dem "Stand der Dinge", den sie ausstellt, nicht von Gesamtwerk. Das klingt nicht danach, als würde sie sich jetzt, mit 69 Jahren, zurücklehnen und auf ihr Leben zurückschauen, im Gegenteil. Sie wolle "nicht auf vertrauten Wegen bleiben", sagt sie, "nicht satt sein. Ich habe noch viel vor."

Zu ihrem Stand der Dinge gehören nicht mehr nur Porträts, sondern 130 Münder, die auf kleinen Bildschirmen über Geld reden, eine Videoinstallation namens "Goldmund". Es gibt Nahaufnahmen von Asphalt und Details aus einer brennenden Fabrik, Flammen und Glut und Holz, das sich in Asche verwandelt. Es sind Bilder von Spuren, die Feuer hinterlässt, nicht mehr die des Lebens in Menschen. Es sieht so aus, als sei Herlinde Koelbl von der Tiefe ihrer Porträts nun doch an die Oberfläche gekommen.

Eine Fotografin, die sich drei Jahrzehnte lang Menschen gewidmet hat in Porträts, in Reportagefotografie und Gesellschaftsstudien, wendet sich jetzt Gegenständen und Abstraktem zu. Wie geht das? Herlinde Koelbl lächelt geduldig, die veilchenblauen Augen blitzen zwischen den Sommersprossen. Sie beugt sich über ihre weißen Sneakers und beschreibt mit den Armen ein Rechteck über dem Boden. "Auch das wäre mein Blick", sagt sie, ein halber Quadratmeter abgewetztes Parkett. Dann richtet sie sich wieder auf und dreht sich um, zu ihren Bildern an den Wänden. "Das ist alles mein Blick."

Die Ausstellung zeigt mehr als 400 Fotos, die Kuratorin der Ausstellung ist die Fotografin selbst. Herlinde Koelbl hat ihre Bilder zu zwölf Themenblöcken zusammengefasst, die jeweils eine Geschichte erzählen. Da gibt es ihre Amerikareise von 1981, die sie hier zum ersten Mal zeigt, eine Reportage, die mit dem Blick aus dem Greyhound-Bus beginnt, über Momentaufnahmen von unterschiedlichen Menschen in alltäglichen Situationen bis zu einem Schild führt, das einen schönen Tag wünscht.

Gegenüber hängen die "Feinen Leute", ihre Begrüßungsrituale mit Wangenküssen und Champagnerflöten; das Buffet als Schaufenster, an dem die fröhlichen Grimassen der Damen heller strahlen als die Steine, die sie um den Hals tragen; die jungen Frauen, die ihre tiefen Dekolletés über einen Alten mit dicker Zigarre beugen, aber beim Tanz dann doch lieber auf Abstand gehen. Zum Schluss das, was am Ende bleibt, Aschenbecher mit Zigarettenstummeln und ausgehöhlte Hummerscheren. Es sind auf Fotofilm gebannte Augenblicke aus einem Buch von 1986, die jetzt an der Wand die Geschichte eines Abends erzählen. Sie sind einfach und deshalb immer noch wahr.

Nach solchen Augenblicken hat Herlinde Koelbl gesucht, seitdem sie 1976 die Kamera ihres Mannes für sich entdeckte und ihr ein Freund beibrachte, wie man Filme entwickelt. Da war sie 37 Jahre alt und Mutter von vier Kindern. Herlinde Koelbl ist spät Fotografin, aber früh mit einfühlsamen Porträts berühmt geworden. Sie nimmt sich Zeit, um dem Menschen, den sie trifft, das abzunehmen, was sie "seine Maske" nennt. Der Oberflächlichkeit setze sie Tiefe entgegen, schreibt Hans-Michael Kloetzle im Ausstellungskatalog. Ein gutes Foto müsse Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in sich tragen, sagt Herlinde Koelbl. "Es muss über den Moment hinausweisen, in dem es entstanden ist."

Wie Herlinde Koelbl das schafft, davon kann man schon bei der ersten Begegnung einen Eindruck bekommen. Sie steht zwischen Schaumstoffrollen, Meterbändern und Kreuzlinienlasern, mit denen die Techniker ihre Bilder an der Wand justieren, und wirkt irgendwie zeitlos, in schmaler Jeans und weißem Top. Sie beantwortet nicht nur Fragen, die man ihr stellt, sie fragt auch selbst. Sie hält Pausen, abwartend, ob vom anderen noch etwas kommt.

Während sie wartet, legt sie den Kopf etwas zu Seite und nickt dann. Nicht abschneidend, eilig, eher aufmunternd. Selbst jetzt, da kaum Zeit bis zur Eröffnung bleibt, noch nicht alle Bilder hängen und sie gerade feststellt, dass doch noch zwei fehlen. "Beim Aussortieren war ich wohl zu streng mit mir", sagt sie. Jetzt muss sie die Assistentin in München bitten, die Bilder zu finden, die irgendwo im Münchner Stadtmuseum verpackt herumstehen müssten, und die Registrarin des Gropiusbaus, Transport und Versicherung zu organisieren. Herlinde Koelbl spricht kurz mit ihr, nicht gehetzt, sondern ruhig. Das, was sie will, hat sie bisher immer mit Zurückhaltung erreicht.

Man beginnt zu ahnen, wie sie den Menschen begegnet ist, die sie fotografiert hat. Sie erzählten ihr von Erlebtem, an das schwer fällt, sich zu erinnern, weil es schmerzhaft ist, wie die Erinnerungen der Frauen ihrer "Jüdischen Porträts". Sie stellten sich immer wieder vor ihre Kamera, wie die Politiker und Wirtschaftsbosse, die sie für "Spuren der Macht" fotografierte und interviewte, obwohl das Ergebnis dieser Treffen nicht immer so aussah, wie sich ein Mensch gern selbst sehen und sogar zeigen würde. Ihr ist gelungen, Angela Merkels Veränderung über Jahre hinweg einzufangen, die in ihrem Gesicht und die ihrer Körperhaltung. Anfangs schien sie nicht zu wissen, wohin mit ihren Armen und Händen. Irgendwann hat sie einen Weg gefunden, bei öffentlichen Auftritten ihre Glieder aufzuräumen. Heute sieht man, dass sie die Arme vor dem Oberkörper abwinkelt und die Hände an den Fingerspitzen gegeneinander presst, zum Merkel-Dreieck.

Mit manchen Menschen hat Herlinde Koelbl erst lange Gespräche geführt, bevor sie fotografierte, andere gaben ihr nur wenig Zeit. "Da muss ich während des Interviews die Kamera wie im Schlaf aufbauen." Wann sie den Auslöser drückt und wann sie sich mit einer Frage an eine Grenze wagt, entscheide sie dann doch intuitiv. Einem Prinzip ist sie aber immer gefolgt, es ist so einfach wie wirksam. "Ich begegne den Menschen mit Respekt." Herlinde Koelbl sucht nach einem anderen Wort, eines, das ihre Haltung besser trifft. Augenhöhe.

Herlinde Koelbl will den Menschen auf Augenhöhe begegnen. Auch den Kindern. Auf ihren Porträts lachen sie nicht. Sie stehen da mit verschränkten Armen und angehobenem Kinn, manche blicken direkt in die Kamera. Sie haben etwas Ernsthaftes, Eigenwilliges, zeigen etwas, das sie von anderen Kindern unterscheidet, Persönlichkeit. "Sie haben noch keine Maske, die sie aufsetzen", sagt Herlinde Koelbl. Damit auch sie in den Augen der Kinder auf gleiche Höhe kommen kann, hat Herlinde Koelbl die Mütter vor den Aufnahmen weggeschickt.

Hat sie auch ihre eigene Veränderung auf Bildern festgehalten, gibt es Selbstporträts? Herlinde Koelbl zögert, man weiß nicht, ob sie nur über die Frage nachdenkt oder sie nicht zulässt. Statt zu antworten sieht sie in den Raum hinein. Sie hat ihm das Thema "Sein und Schein" zugeordnet, hier hängt der aufgerüschte Rudolph Moshammer mit seiner Mutter und Hund Daisy neben einer Asiatin in Uniform und in zivil, dieselbe Frau in zwei Rollen.

In der Mitte des Raumes sieht man die Fotos der Serie Lebensspuren, aus der Herlinde Koelbl noch bei der Hängung eines aussortierte. Und es gibt neue Bilder in diesem Raum. Vielleicht bilden sie eine Zäsur, wie vor dreiunddreißig Jahren, als sie das Fotografieren für sich entdeckte. Das sind keine Bilder mehr, die ein Stück Realität erzählen, etwas, das all die Fotos aus den letzten drei Jahrzehnten verbindet. Es sind auch keine Oberflächen, nichts Abstraktes wie die Feuerspuren und Asphaltdetails.

Herlinde Koelbl hat Gegenstände mit, wie sie sagt, "Spuren von Menschen" zu zweiteiligen Bildern kombiniert, eine altmodische Gardine, daneben ein Frauenbein in Highheels. "Dieser Frauenschritt", sagt Herlinde Koelbl, "Frauen sind so oft im Aufbruch." Das Knie durchgestreckt, die Wadenmuskeln angespannt, die Fußspitze angehoben, es sieht eilig aus. Man kann sich fragen, wohin sie will.

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