Agrarpolitik in Burkina Faso

Afrikas giftgrüne Revolution

Burkina Faso, eines der ärmsten Länder der Welt, krempelt seine Landwirtschaft um. Es setzt auf Biodiesel und Gentechnik.

Gentechnisch veränderte Pflanzen sollen künftig noch mehr Baumwollerträge bringen. Bild: reuters

OUAGADOUGOU taz | Zeichnungen von Löwen und Büffel schmücken die Palastmauern, der traditionelle Führer empfängt im weiß-blauen Festgewand. Der seit 19 Jahren amtierende "Kriegsminister" des traditionellen Königs des Mossi-Volkes in Burkina Faso, dessen Titel in lokaler Sprache "Larle Naba" lautet, ist ein Abkömmling jenes afrikanischen Kriegers, dessen Reiterstatue noch heute vor den Jatrophabäumen am Eingang steht. Mit bürgerlichem Namen Victor Tiendrébéogo, sieht sich der Larle Naba als Vorreiter der Moderne: Er sitzt für Burkinas Regierungspartei im Parlament, und er ist Geschäftsmann. Sein Traum: eine Agrarrevolution in einem der ärmsten Länder der Welt. Schon 62.000 Bauern würden mit ihm zusammenarbeiten, behauptet er, und 350 Dörfer hätten sich seiner "Nationalen Union zur Förderung des Jatrophaanbaus" angeschlossen.

Gentechfreie Zone: Noch können die meisten afrikanischen Staaten so bezeichnet werden. Nur in drei Staaten wird gentechnisch verändertes Saatgut für den kommerziellen Anbau genutzt: Südafrika, Ägypten und Burkina Faso.

Südafrika: Dort darf seit 1998 die mit einem Insektengift ausgestattete Baumwolle Bollgard von Monsanto angebaut werden. Später kamen herbizid- und insektenresistenter Mais sowie Gensoja hinzu. Nach Angaben der Biotech-Lobby-Organisation ISAAA betrug 2007 der Gentech-Anteil an der Gesamtanbaufläche von Baumwolle in Südafrika 90 Prozent.

Burkina Faso, Ägypten: Im Vergleich zu Südafrika war der Gentechanbau bisher marginal: In Burkina Faso waren es 2008 laut ISAAA 8.500 Hektar mit Bollgard-Baumwolle. In Ägypten wurde 2008 auf 800 Hektar erstmals insektenresistenter Mais ausgebracht. Bei der Gentech-Industrie wurde das schon als "Erfolg" gefeiert. WLF

Der eigentlich aus Zentralamerika stammende Jatrophabaum gilt als die Zukunftshoffnung der afrikanischen Agrarindustrie: Aus seinem Öl kann man unter anderem Flugbenzin herstellen. Nun prescht Burkina Faso beim großflächigen Anbau dieses Biokraftstoffes vor - mit dem Larle Naba an der Spitze. 67.000 Hektar Land sind in Burkina dieses Jahr mit Jatropha bepflanzt worden. Damit überholt Burkina seinen großen Nachbarn Mali, wo Jatropha-Öl immerhin in 700 Gemeinden Stromgeneratoren antreibt.

Angestoßen wurde die Begeisterung des "Kriegsministers" für Jatropha in Deutschland. Ende 2007 hatte Tiendrébéogo die Manager der Berliner Firma Deutscher Biodiesel getroffen, die ihn überzeugen konnten, dass sein Land für den Jatropha-Anbau ideal sei. Burkinas Bauern sind davon allerdings keineswegs überzeugt. Jatropha wurde in der französischen Kolonialzeit eingeführt - und wegen seiner Giftigkeit in Hecken angepflanzt, um Felder vor wilden Tieren zu schützen. Bis heute wird Jatropha in Burkina Faso deswegen mit Gift assoziiert. Es jetzt in großen Mengen anzubauen, statt mehr Nahrungsmittel oder auch das größte Exportprodukt Baumwolle zu pflanzen, ist umstritten. "Man muss sich diese deutschen Industriellen genau anschauen", sagt Jean-Didier Zongo, Genetikprofessor an der Universität der Hauptstadt Ouagadougou. "Ich fürchte, dass wir uns in ein Abenteuer stürzen, ohne vorher die Auswirkungen eines großflächigen Anbaus auf Mensch und Umwelt zu kennen."

Dazu sagt der Larle Naba, er sei selber Bauer und kenne sich aus. Anders als in Indien, wo es bereits Jatropha-Monokulturen gibt, will er Jatrophabüsche zusammen mit Lebensmitteln anpflanzen, als Mischkultur. Da Jatropha sehr dürreresistent sei, könnten die Bauern auf diese Weise Trockenperioden überstehen. Außerdem könne man Saatgut und Seife daraus herstellen. Der Larle Naba wird von den anderen traditionellen Königen des Landes unterstützt, und er zeigt stolz einen Brief des Staatspräsidenten Blaise Comapaoré vom September 2008, in dem dieser ihn ermutigt.

Der erste Agrosprit aus Jatropha soll in Burkina Faso schon dieses Jahr fließen. Eine 50.000 Euro teure Pilotanlage, die 30 Tonnen Jatropha pro Tag verarbeiten kann, ist im Bau. Sie gehört der Firma Belwet Biocarburant, die selbstverständlich dem Larle Naba gehört. 2011 soll eine größere Anlage dazukommen, für zwei Millionen Euro. Das Ziel: bis 2020 50.000 Tonnen Öl jährlich auf 200.000 Hektar. Weitere 100.000 Hektar Anbaufläche könnten als Vegetationsgürtel im Norden des Landes im Kampf gegen die Wüstenausbreitung dazukommen. Eine von der deutschen Entwicklungshilfe finanzierte Studie empfiehlt Burkina Faso, 30 Prozent seines Treibstoffbedarfs durch Agrosprit zu decken.

Jatropha ist nicht die einzige Innovation, mit der Burkina Faso seine Landwirtschaft umkrempeln will. Als einziges Land Afrikas südlich der Sahara außer Südafrika investiert Burkina Faso massiv in genveränderte Baumwolle. Mit 500.000 Tonnen Ernteertrag in der letzten Saison ist Burkina ohnehin der größte Baumwollproduzent Westafrikas; dieses Jahr sollen 450.000 Hektar Baumwollfelder mit genveränderten Varianten bepflanzt werden - mehr als 60 Prozent der Gesamtfläche. 2008 waren es nur 15.000 Hektar.

Genutzt werden die Varianten Bollgard I und Bollgard II des US-Unternehmens Monsanto sowie die Sorte VIP (Vegetative Insecticidal Protein) der Schweizer Firma Syngenta. Diese Baumwollarten haben Gene eingesetzt bekommen, die die Baumwolle für Heuschrecken giftig machen - ein großer Schutz in einem Land, das regelmäßig von Heuschreckenplagen heimgesucht wird.

Aus Sicht der Baumwollindustrie Burkina Fasos, schwer in Bedrängnis geraten durch US-Subventionen, die afrikanische Baumwolle vom Weltmarkt drängen, gibt es dazu keine Alternative. Die Weltmarktpreise seien im letzten Jahrzehnt um 25 bis 30 Prozent gesunken, der Schädlingsbefall nehme zu und man habe die Wahl zwischen Gentechnologie oder immer teureren Pestiziden, sagt Célestin Tiendrébégo, Leiter der Sofitex, eines der drei Privatunternehmen, die den Baumwollsektor beherrschen. Nach einer Studie des burkinischen Agrarforschungsinstituts Inera sind die Ernten pro Hektar mit Genbaumwolle um 4 bis 48 Prozent höher als mit traditioneller Baumwolle. Die Sofitex spricht von 30 Prozent: 1,5 Tonnen pro Hektar statt wie bisher 1,2 Tonnen. Man müsse außerdem die Pflanzungen nur noch zweimal pro Erntezyklus mit Pestiziden spritzen statt wie bisher sechsmal, was den Bauern Geld spart und ihre Gesundheit schützt.

Die Genbaumwolle ist in Burkina Faso noch umstrittener als Jatropha. In Houndé, 250 Kilometer südwestlich der Hauptstadt, gehört der Bauer Kambi Gnado zu den harten Gen-Ablehnern. Seine Gewerkschaft Syntap (Nationale Gewerkschaft der Agrararbeiter) habe ihm gesagt, das sei schädlich für die Natur. Er will lieber Hirse anbauen. In Houndé demonstrierten schon 2005 über 1.000 Bauern gegen die Genbaumwolle.

Aber als Bauer die Gentechnik abzulehnen, ist nicht so einfach, denn Sofitex und die beiden anderen Baumwollunternehmen Fasocoton und Socoma haben das Monopol auf die Vergabe von Saatgut und Pestiziden. Dao Bassiaka, Generalsekretär des größten burkinischen Bauernbunds CFB, sagt resigniert: "Der Staat hat die neue Baumwolle eingeführt, und niemand steht über dem Staat." Selbst er hat Probleme mit Monsanto. Wie überall auf der Welt zwingt das multinationale Unternehmen die Bauern dazu, per Vertrag Monsantos Patentrechte anzuerkennen. Bassiaka findet, die Bauern selbst sollten die Technologie besitzen. Weil das genveränderte Saatgut Monsantos Eigentum bleibt, darf man es nicht weitergeben - in der afrikanischen Landwirtschaft ist Saatgut aber Teil des dörflichen Naturalientausches. Monsanto beansprucht Eigentumsrechte sogar an Pflanzungen, die ohne Wissen des Bauern mit der genveränderten Variante verseucht worden sind. In Kanada wurde ein Bauer deswegen zu 200.000 Dollar Geldstrafe verurteilt.

Jean-Didier Zongo ist der profilierteste Gegner der Gentechnik in Burkina Faso. Der Genetiker von der Universität Ouagadougo hat die "Koalition der Wachsamkeit gegen genveränderte Organismen in Burkina Faso" gegründet, um - vergeblich - ein Moratorium für die neue Technologie zu fordern, bis deren Auswirkungen auf andere Pflanzen und die menschliche Gesundheit erforscht sind. In Westafrika ist Baumwolle nicht nur Teil der Textilindustrie, sondern auch Teil der Nahrungskette: Das Öl wird genutzt, die Schalen werden zu Viehfutter verarbeitet. "Genveränderte Pollen können andere Pflanzen befruchten und sich in der Natur ausbreiten", warnt Zongo.

Experten bezweifeln, dass die Gentechnik den Pestizideinsatz verringert. Die Heuschrecken könnten Resistenzen entwickeln - in Indien, wo Monsantos Baumwolle bereits angebaut wird, ist der Schädlingsbefall auf den Monsanto-Pflanzungen sogar höher als früher. Im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh soll die Baumwollernte pro Hektar nicht gestiegen, sondern um 35 Prozent gesunken sein.

Der Streit ist weitreichend. Sofitex-Chef Tiendrébégio weist darauf hin, dass laut einem Vertrag mit Monsanto der burkinische Staat Koeigentümer der genveränderten Baumwollarten ist. 72 Prozent der Patentgebühren würden dadurch an die Bauern zurückfließen. Er fragt sich außerdem, ob die Gengegner nicht von Pestizidherstellern finanziert werden. "Wer so etwas sagt, ist von Monsanto finanziert", erwidert Zongo.

Burkina Faso ist nun Testfall für ein globales Experiment. Andere westafrikanische Länder beobachten es genau, denn Baumwolle gilt international als "trojanisches Pferd" der Verbreitung von Gentechnik in anderen Bereichen der Landwirtschaft.

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