Zwei Brüder im Landesparlament

Endlich auf Augenhöhe

Die Brüder Mario und Sebastian Czaja sind jetzt beide Vize-Fraktionschefs - einer für die CDU, der andere für die FDP.

Sebastian (links) und Mario Czaja Bild: Abgeordnetenhaus

"Ach, der Bruder von Mario." Sebastian Czaja hat dieses Etikett mit sich herumgetragen, seit er Politik macht. Das sind inzwischen elf Jahre, obwohl Czaja erst 25 ist. Ob Schüler-Union, Junge Union, CDU, Bezirksparlament - der ältere Bruder war immer schon da und oft als Chef. Später wechselte Sebastian Czaja zur FDP. Als er im Jahr 2006 ins Abgeordnetenhaus einzog und auf die hintersten Bänke der Liberalen kam, saß sein acht Jahre älterer Bruder längst vorn bei der CDU-Fraktionsspitze. Seit Sonntag ist Czaja ebenfalls Vize-Fraktionschef - und steht erstmals in seinem politischen Leben auf Augenhöhe mit seinem Bruder.

Die Czajas sind ein Unikat. In keinem anderen der 16 deutschen Landesparlamente sitzen zwei Brüder. Die Czajas sind damit so etwas wie die Vogels der Berliner Landespolitik. Denn in zwei Parteien standen sich auch Hans-Jochen und Bernhard Vogel gegenüber, das erfolgreichste Brüderpaar der bundesdeutschen Polit-Geschichte. Bundestagsabgeordnete beide, der eine später Fraktionschef, Kanzlerkandidat und Minister für die SPD, der andere Ministerpräsident für die CDU.

Sebastian Czaja will weniger von Wettbewerb sprechen und davon, dass er endlich mit seinem Bruder gleichgezogen habe. "Das ist wohl eher ein Nebeneffekt", sagt er, "ich habe ja nicht für den Fraktionsvorstand kandidiert, weil ich auf einer Ebene mit meinem Bruder stehen wollte."

Das mit dem bloßen Nebeneffekt sehen manche anders. Denn Czaja verließ nach Meinung vieler 2005 nicht nur aus inhaltlichen Gründen die CDU - die angeblich Bildung, Familie und Soziales vernachlässigte - und trat bei der FDP ein. Kurz zuvor hatte er vergeblich versucht, bei der Kreis-CDU Vizechef zu werden. Chef war damals wie heute: Mario Czaja. "Der wollte aus dem Schatten seines Bruders raus", heißt es in der CDU. Und: "Mit Mario vor der Nase hätte der nie weiter kommen können."

Viel war damals zu lesen vom Bruderstreit; von zweien, die sich nichts mehr zu sagen hätten. Dass das Verhältnis länger belastet war, bestreitet keiner der beiden. Man hat sich inzwischen arrangiert. Das Verhältnis sei inzwischen gut, sagen sie. Offenbar zahlt sich eine Vereinbarung aus: "Politik ist tabu zwischen uns, wenn wir uns privat treffen", sagt Mario Czaja. Über seinen Bruder erzählt er inzwischen offiziell nur noch Nettigkeiten: dass der politisches Talent und die Gabe habe, andere zu überzeugen und mitzunehmen. Früher hörte sich das anders an: Politische Menschen, die die Partei der Karriere wegen wechseln, seien ihm suspekt, zitierte ihn eine Zeitung vor der letzten Abgeordnetenhauswahl.

Auch in der FDP waren manche gar nicht glücklich über den Neuen. Sebastian Czaja hatte dank seines Mandats als Bezirksverordneter, das er von der CDU mitnahm, sofort großes Gewicht. Mit ihm wuchs die FDP im Bezirksparlament auf Fraktionsstärke, Czaja wurde dort bald ihr Chef. Langjährige Liberale sahen sich ins Abseits gedrängt, meckerten öffentlich über ihn.

Nichtsdestotrotz sieht sich Sebastian Czaja bei der FDP am richtigen Platz: "Die CDU wird für mich immer mehr eine große Masse, bei der keine zentrale Botschaft mehr zu erkennen ist." Die Botschaft, die bei ihm stets durchklingt: Hilfe für die, die sich nicht selbst helfen können, ansonsten die Eigeninitiative stärken.

Das Besondere an dem Brüderpaar ist, dass sie ihre Karriere im Osten machen - dort, wo ihre Parteien wenig bis gar nichts zu melden haben. Mario Czaja hält in Marzahn-Hellersdorf den einzigen CDU-Direktwahlkreis in Ostberlin überhaupt. Und im Grunde ist es kein CDU-Wahlkreis - es ist ein Czaja-Wahlkreis. Bei den Zweitstimmen dominierte dort im Ortsteil Mahlsdorf-Kaulsdorf bei der jüngsten Abgeordnetenhauswahl die SPD. Bei der Erststimme aber, jener für den Wahlkreiskandidaten, lag Mario Czaja mit 33,8 Prozent mehr als 9 Prozentpunkte vor seiner SPD-Gegenkandidatin. Und die war nicht irgendwer, sondern die renommierte SPD-Finanzpolitikerin und Kreischefin Iris Spranger, inzwischen Staatssekretärin in der Senatsverwaltung für Finanzen.

So weit ist Sebastian Czaja noch lange nicht. Sein Erststimmenergebnis lag nur unwesentlich über dem Zweitstimmenergebnis. Aber das war 2006, als Czaja gerade mal etwas mehr als ein Jahr bei der FDP war.

Die beiden Brüder, häufig lächelnd und im Parlament fast durchweg nur in gut sitzendem Anzug mit passender Krawatte zu sehen, gleichen sich nicht nur äußerlich. Auch ihr Politikstil ist ähnlich. Beide wissen, dass sie wenig erreichen, wenn sie nur große Strategien aus dem Konrad-Adenauer-Haus oder der FDP-Zentrale verkünden. Beide wissen, dass sie nichts gewinnen können, wenn sie grundsätzlich auf die Linke einprügeln.

"Es gibt zwischen uns keine Unterschiede im unideologischen Umgang mit allen demokratischen Parteien vor Ort, die Gestaltungswillen beweisen", sagt Mario Czaja. Als sein Bruder mit gerade mal 18 Jahren ins Bezirksparlament kam, tat er sich schnell mit zwei anderen Jung-Mitgliedern aus der SPD und der damaligen PDS in der Kinder- und Jugendarbeit zusammen. Ihr Engagement fiel auf, der Regierende Bürgermeister lud sie zu sich ein, später auch der Bundespräsident.

Und genauso wie sich sein Bruder Mario haarklein um die Erschließungskosten der vielen Eigenheimbesitzer vor Ort kümmert, um Straßenausbaubeitragsgesetz und Kanalisationsanschlüsse, so setzt auch Sebastian Czaja aufs Kleinteilige, Bürgernahe. Er entdeckte für sich unter anderem das Schornsteinfegermonopol als Thema. Das klingt wenig sexy. Aber als er dazu eine Diskussionsveranstaltung organisierte, kamen rund 300 Zuhörer. In den großen Westbezirken träumt die CDU von solcher Resonanz.

Mario Czajas eigenständiger Kurs, sein pragmatischer Umgang mit Linken, hat ihm in der CDU Feinde gemacht, seit er 1999 ins Abgeordnetenhaus kam. Bis heute ist er für manchen Unionskollegen eine Reizfigur. Als seine Fraktion ihn bei der jüngsten Neuwahl zu einem der stellvertretenden Vorsitzenden machte, gab es 22 Ja-Stimmen und 13-mal Nein.

Dass er überhaupt noch in der Spitze ist, ist auf den ersten Blick überraschend. Denn Czaja, immer dem liberalen Parteiflügel um die Bundestagsabgeordnete Monika Grütters und den Ex-Finanzsenator Peter Kurth zugeordnet, stand politisch nah beim zeitweiligen Fraktionschef Friedbert Pflüger. Doch statt im Herbst 2008 mit Pflüger zu stürzen, blieb Czaja vorn - Partei und Fraktion brauchen sichtlich ihren Vorzeige-Mann im Osten.

Auch Sebastian Czaja hat Machtkämpfe hinter sich, sowohl in seinem Kreisverband wie jüngst auf Landesebene zwischen Fraktions- und Parteichef. Der neue Fraktionschef Christoph Meyer machte ihn zu einem seiner Stellvertreter. "Er ist ein absoluter Leistungsträger mit unglaublichem Arbeitseinsatz", sagt Meyer. Auch jemand, der mit Kritik nicht zurückhalten würde, meint, er habe sich hervorragend eingearbeitet.

Interessanterweise bringt das Sebastian Czaja weit weniger Öffentlichkeit, als er sie vor ein paar Jahren auf andere Weise hatte. Da schrieben vor allem Boulevardblätter ausführlich über seine Liaison mit einer früheren Miss Ostdeutschland, die sich auch nackt ablichten ließ. Mit 21 war das, einem Alter, in dem andere sich dadurch höchstens den Ärger ihrer Eltern zuziehen. Sebastian Czaja hingegen musste sich diplomatisch dazu äußern, was denn seine Partei davon halte.

Doch das ist schier Lichtjahre entfernt, als am Donnerstag im Abgeordnetenhaus erstmals beide in den vorderen, den entscheidenden Reihen saßen. Um noch annähernd weit zu kommen wie die Vogel-Brüder, liegen beide noch im Zeitplan. Bernhard, der Jüngere, kam mit 32 in den Bundestag, Hans-Jochen erst mit 46 - zuvor war er allerdings schon zwölf Jahre Oberbürgermeister von München.

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