Weltwasserforum in Istanbul

Zu wenig

3 Milliarden von 6,5 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. Im Befund sind sich die Teilnehmer des Weltwasserforums einig, nicht aber in den Lösungen.

Welch ein Glück: Bei uns gibt es Wasser im Überfluss. In großen Teilen der Welt nicht. Bild: dpa

ISTANBUL taz Die Botschaft des 5. Weltwasserforums in Istanbul ist eindeutig: "Easy water is over", formuliert es Gerard Payen, der Präsident der Internationalen Vereinigung der privaten Wasserwirtschaft. Er meint: Die Zeiten, in denen Wasser in ausreichendem Maße verfügbar war, sind vorbei. Von der UNO über die anwesenden Politiker und Sprecher der privaten Wasserkonzerne bis zu den aus aller Welt angereisten NGOs sind sich alle einig: Die Welt steuert auf eine veritable Wasserkrise zu.

Gleich am ersten Tag der Veranstaltung, der bislang größten zum Thema Wasser, legte die UNO ihren 3. Bericht zur Situation des Süßwassers vor. Der Befund, an dem 27 UN-Unterorganisationen mitgearbeitet haben, ist dramatisch: Infolge des Bevölkerungswachstums, des Klimawandels und des nach wie vor verschwenderischen Umgangs mit Wasser drohen ernste Krisen. Krisen, die wie im Sudan zu Bürgerkriegen führen können oder wie im Nahen Osten das Potenzial zu zwischenstaatlichen Konflikten haben. Schon jetzt, so schreiben William Cosgrove und Olcay Ünver, die Autoren der Studie, hätten 3 Milliarden von 6,5 Milliarden Menschen auf der Welt keinen gesicherten Zugang zu sauberem Wasser. Das derzeitige Bevölkerungswachstum (die UNO geht von 9,5 Milliarden bis 2050 aus) werde gerade in den weniger entwickelten Ländern dazu führen, dass immer weniger Menschen Zugang zu Wasser haben würden.

So einig sich alle Experten auf dem Weltwasserforum über den Befund sind, so sehr unterscheiden sich die Konsequenzen, die daraus abgeleitet werden. Anders als die meisten NGOs fordert sowohl die UNO als auch fast alle in Istanbul anwesenden Minister, Staatssekretäre und Parlamentarier aus mehr als 120 Ländern sowie die Vertreter der Privatwirtschaft großtechnische Lösungen: "Wir brauchen mehr Staudämme", rief der bei der Unesco zuständige Direktor für Hydrologie, András Szöllösy-Nagy, ins Publikum. "Das ist einfach Fakt, auch wenn viele NGOs das nicht einsehen wollen." Anders seien die bis zum Jahr 2050 zu erwartenden weiteren 3 Milliarden Menschen nicht mit Wasser zu versorgen.

Die UNO hat auch keine Berührungsängste vor der Privatwirtschaft. Die Privaten, so forderte William Cosgrove, müssten viel stärker als bisher in die Wasserinfrastruktur, in Staudammbauten, die Wiederaufbereitung von Schmutzwasser oder in Meerwasserentsalzungsanlagen investieren. Die Staaten allein könnten die kommenden Herausforderungen auf keinen Fall meistern.

Der Appell wird von der privaten Wasserwirtschaft mit Genugtuung zur Kenntnis genommen. Das wiederum ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, wie eng UNO und Privatwirtschaft miteinander verknüpft sind. So ist Verbandspräsident Gerard Payen zugleich ein führender Berater von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon.

Im Gespräch mit der taz wehrt er sich gegen den Vorwurf, die Privaten wollten mit einem elementaren Bedürfnis Profite machen. Auch die Kommunen verdienten mit Wasser Geld, und die Staaten seien eben oft nicht in der Lage, die Menschen zu versorgen. Sein Lieblingsbeispiel sind die großen Slums ohne Wasser. Die Menschen dort müssten Wasser in Flaschen kaufen. Viel billiger wäre es, wenn ein Unternehmen das Viertel an eine Wasserleitung anschließen würde.

Am kommenden Sonntag soll zum Abschluss des Weltwasser-Forums eine Istanbul-Deklaration verabschiedet werden, die vor allem ein Ziel hat: Neben Klimawandel und Energiekrise muss Wasser oben auf die politische Agenda gesetzt werden. Am selben Tag wollen etliche NGOs zum Abschluss ihrer Alternativveranstaltung eine eigene Erklärung veröffentlichen.

 

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