Die Geburt eines Bühnenbildes

Grünlich-transluzente Plastikbälle

Schorsch Kameruns "MS Adenauer" feiert am Kölner Schauspiel Premiere. Constanze Kümmel hat das Bühnenbild dazu entworfen und beschreibt die Entstehung.

Auch eine Kümmel-Kreation: "Das Kalte Herz"- Bühnenbild in Hannover. Bild: dpa

Wenn ich für Schorsch Kamerun ein Bühnenbild entwerfe, gibt es anfangs oft noch gar kein Stück. Keine Figuren, die schon in einem Text leben und denen wir auf der Bühne einen Raum geben könnten. Es gibt nur ein Thema, Assoziationen und Freiraum.

Das ist, wie in eine leere Schachtel zu schauen. Nach und nach füllt sie sich mit Materialien und Objekten, mit Bildern und Symbolen, bis eine eigene Welt entstanden ist. Bei "Biologie der Angst" für das Schauspielhaus Zürich etwa war das Thema anfangs weit gefasst: Angst. In unserem Konzeptionsgespräch einigten wir uns auf das Schlagwort "Angstklinik". Aber eine konkrete Idee hatte ich deshalb noch nicht. Alles kann eine Angstklinik sein, auch ein Wald, man muss es nur behaupten.

In dieser Zeit schrieben die Zürcher Zeitungen über die Sorge, dass Deutsche in die Schweiz kämen und ihnen die Jobs streitig machten wie ein Kuckuck, der Eier aus einem fremden Nest wirft. Da hatte ich die erste Idee für das Bühnenbild, und ich entschloss mich, diesen Gedanken eins zu eins umzusetzen.

Ich übertrage die Idee erst in einen leeren Bühnenkasten, ein Modell im Maßstab eins zu dreiunddreißigeindrittel, und nach und nach wird dieser erste Gedanke zu einem Raum. Für dessen Atmosphäre suche ich Farben, Oberflächen, Stoffe. Ich rufe Firmen an, lasse mir Materialmuster zeigen, die in Theaterwerkstätten vielleicht noch nicht bekannt sind. Eine tolle Arbeit, bei der es allerdings Einschränkungen gibt. Die meisten schönen Materialien brennen leider auch sehr gut, weshalb ich dann andere finden muss, die dieselbe Atmosphäre erzeugen. Kompromisse fallen mir nicht leicht, aber das sind Probleme der Umsetzung, mit denen ich den Regisseur gar nicht belasten will.

Wenn Regisseur und technische Leitung dem Entwurf zugestimmt haben, beginnen die Konstrukteure und Theaterwerkstätten mit der Umsetzung. Manchmal erfordert es lange Diskussionen mit dem technischen Direktor, wenn ich mir etwas vorstelle, das er erst für unrealisierbar hält. Dann muss ich fünfzig Jahre Erfahrung überzeugen und ihn vielleicht bei der Ehre packen. In Zürich zum Beispiel sollte das Nest erst aus Styropor hergestellt werden, eine pragmatische Lösung. Aber letztlich hatte ein Theatermaler doch im Wald Äste gesammelt und sie zwei Wochen lang zusammengeflochten, zu einem wirklichen, echten Nest.

Aus einem Gespräch am Anfang erwächst das Bühnenbild, zeitgleich mit dem Stück, eine sehr unhierarchische Arbeitsweise. Schorsch Kamerun entwickelt sein Stück während der Proben in mein Bühnenbild hinein. Er bedient sich meiner Bilder, arbeitet sich an ihnen ab, aber er benutzt sie nicht unbedingt so, wie ich sie gedacht hatte. Der Kuckuck in "Biologie der Angst" etwa tanzte über die Bühne, während im Vogelnest Angstpatienten saßen, Laiendarsteller, die tatsächlich wegen Panikattacken therapiert wurden. Das Nest stand inmitten eines Pools aus grünlich-transluzenten Plastikbällen, in die sich die Schauspieler stürzen konnten. So legte sich ein Bild über das andere, und es entstand eine poetische Dichte. Schorsch entwickelte schließlich zu Probenbeginn den Text aus Interviews mit den Angstpatienten, aus aktuellen Ereignissen und Aufsätzen von Hirnforschern.

Constance Kümmel, 1974 in Göppingen geboren, arbeitete zunächst in der Landwirtschaft und studierte dann von 1998 bis 2003 Architektur und Bühnenbild an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Sie arbeitete für Johann Kresnik und assistierte von 2003 bis 2005 der Bühnenbildnerin Barbara Ehnes.

In dieser Zeit lernte sie Schorsch Kamerun, Regisseur, Aktionskünstler und Mitglied der Hamburger Punkband Die Goldenen Zitronen, kennen. Das erste Bühnenbild für Kamerun entwarf Constanze Kümmel bei den Wiener Festwochen 2005, für das Stück "Draußen tobt die Dunkelziffer". Seitdem arbeitet sie kontinuierlich mit Schorsch Kamerun zusammen. "MS Adenauer" am Schauspiel Köln ist ihre zehnte gemeinsame Produktion. Constanze Kümmel lebt in Berlin.

"MS Adenauer"

Zwischen Kaminuhr und Kapitänen will das neue Stück von Schorsch Kamerun, das am Donnerstagabend am Schauspiel Köln seine Premiere feiert, grundlegende Fragen stellen. Was ist übrig geblieben vom Streben nach der totalen Freiheit? Welches sind heute Autoritäten, wo sind Orientierungspunkte?

Was hat den "Dampfer Adenauer", die "Planierwalze Strauß" und die "S-Klasse Kohl" ersetzt? Heidi Klum und ihre Jury? Und welches sind gemeinsame Feindbilder, wenn Interessengemeinschaften sich auflösen in Individueneinheiten und keiner mehr irgendwo wirklich dazugehören will? Diese Fragen packt Kamerun in eine Familiengeschichte um einen autoritären Vater, gegen den sich seine Kinder auflehnen, um ein "Mütterchen Bankrott", zwei Fotomodelle und einen Lehrerchor.

Weitere Aufführungen: 10. 3, 11. 3., 17. 3. , 18. 3., 16.-19. 4. Halle Kalk, Köln

Bei unserer ersten gemeinsamen Produktion, vor vier Jahren bei den Wiener Festwochen, erschien mir diese Arbeitsweise erst etwas ungewöhnlich. Schorsch Kamerun gibt mir nichts vor, keine Handlung, keine Atmosphäre. Ich muss allein einen Ansatz finden, was ein schwieriger Prozess sein kann, aber ich brauche diesen Freiraum auch. Als ich Architektur studierte, mussten wir den Querschnitt von Regenrinnen berechnen und Fäkalienhebeanlagen in Kellern anlegen. Auch wichtig, aber mit eigenem, mit freiem Denken hat das nichts zu tun. Deshalb gab ich das Studium nach einem Jahr wieder auf, bewarb mich an der Kunstakademie Stuttgart und studierte Bühnenbild.

Ich will erst denken dürfen, bevor ich etwas umsetze. Das darf ich am Theater, und das klappt besonders gut mit Schorsch Kamerun, weil bei ihm am Anfang aller Arbeit die gemeinsame Assoziation steht. Viele andere Regisseure haben dagegen schon eine genaue Vorstellung, und der Bühnenbildner muss genau die umsetzen.

Ich will atmosphärische, fantasievolle Räume schaffen, mit denen sich die Schauspieler auseinandersetzen müssen, auch körperlich. Diese Räume können durchaus der Realität entlehnt sein, aber ich ändere den Kontext, stelle sie in einen neuen Zusammenhang. Ich baue gern Räume, die sowohl baulich als auch inhaltlich auf mehreren Ebenen funktionieren. Bei "Peter Pan" an den Münchner Kammerspielen zum Beispiel entwickelte ich eine zweistöckige Bühne. Unten einen mehrfach deutbaren Raum; Kneipe, Schiffsbauch, Wohnzimmer und Meer. Oben, hinter einer weißen Reling, gab es einen runde Fensterfront, die den Blick auf einen Urwald freigab, links ein Tipi, in dem man sich verstecken konnte. Beide Ebenen waren mit einer Leiter verbunden und einer Klappe, so wie sie in manchen Häusern zum Dachboden führt.

Obwohl das Theaterstück oft noch nicht existiert, bevor es ein Bühnenbild gibt, ist es noch nie vorgekommen, dass Schorsch Kamerun einen Entwurf abgelehnt hat. Beim Konzept für "MS Adenauer", das Donnerstag am Schauspiel Köln Premiere hat, wusste ich zuerst nur, dass es Schauspieler geben wird, zwei Fotomodels und das Thema "Autorität". Ich ging in die Bibliothek und wälzte Bücher. Irgendwann stieß ich in der Recherche auf Bildbände mit altem deutschem Mobiliar. Bei einer Kaminuhr aus der Biedermeierzeit blieb ich hängen. Diese Uhren sind eingebettet in eine Art Triumphbogen mit Säulchen, Miniatur-Architekturen. Das Symbol der Uhr konnte ich gut in Zusammenhang bringen mit klischeehaft deutschen Tugenden: Pünktlichkeit, Handwerk, Genauigkeit, Stechuhr.

Es lag auch nahe, wegen des Titels um den Begriff Schiff herum zu assoziieren, obwohl es in dem Stück nicht um ein Schiff geht. Es geht auch nicht um Konrad Adenauer, sondern um eine Familiengeschichte, eine Familie, die ein autoritärer Vater dominiert. Für das Bühnenbild habe ich nun - grob gesagt - Uhr und Schiff miteinander verwoben. Die überdimensionale Uhr steht auf dem Schiffsdeck, aus dem kunstvollen Gehäuse neben ihrem Zifferblatt ragen Schornsteine heraus. Schorsch Kamerun nutzt diesen Raum für die Figuren nun wie ein Wohnzimmer. Wenn ich mir die Aufführung in der Premiere ansehe, bin ich immer glücklich, wie sich letztlich aus einem bloßen Begriff Theater entfaltet. Ideen und Bilder sind zusammengewachsen.

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