Pleite für das private Lokal-TV FAB

Ende einer Formatschmiede

Das "Fernsehen aus Berlin" sollte Privatfernsehen mit Anspruch machen - so der Plan. Am Ende war FAB schlimmer als Privatfernsehen je war. Jetzt folgt auch die finanzielle Pleite.

Es sind genau 0,011 Prozent, die Holger Wegemann noch mit dem Fernsehen aus Berlin verbinden. Er lacht ein bisschen bitter, wenn er sich daran erinnert, wie das alles anfing damals. 1990, die Mauer gerade gefallen. Sie hatten große Pläne, sie wollten ein anderes privates Fernsehen machen, eines mit Anspruch. Sie fürchteten, dass Sender wie RTL und Sat.1 das Programm immer weiter verflachen würden. Dagegen wollten sie ihren eigenen Leuchtturm setzen. Die 18 ersten Gesellschafter, die Produzenten, Kameramänner und Filmemacher, meinten das politisch, als sie FAB gründeten. Sie nahmen Geld in die Hand, 5.000 Mark fast jeder, und legten es auf den Tisch. In bar. Im August 1990 entstand so das Fernsehen aus Berlin (FAB). Sie meldeten es als Aktiengesellschaft an. Alles sollte öffentlich sein, transparent. Am 1. Februar 1991 ging FAB auf Sendung.

19 Jahre später ist die Diagnose des Dokumentarfilmers Wegemann vernichtend. Ein Großteil des FAB-Programms bestehe aus "verbrämten Werbesendungen". Firmen würden gewissermaßen dafür bezahlen, dass sie ins Fernsehen kämen. "Das Schlimmste, was man machen kann", sagt er. Die meisten Inhalte findet er grauslich: "Manches hat vielleicht noch einen Trash-Wert." Grundsätzlich muss er feststellen: "Es ist schlimmer geworden, als wir uns Privatfernsehen jemals vorgestellt hätten." 0,011 Prozent, das ist das, was von seinem Anteil übrig geblieben ist.

Was der FAB-Geschäftsführer Manfred Meier-Hormann im Nadelstreifenanzug mit rosa Einstecktuch Ende Januar in der hauseigenen Sendung "Hallo Berlin aktuell" verkündete, hat Wegemann deshalb kaum erschüttert: Das Fernsehen aus Berlin ist pleite und muss Insolvenz anmelden. Es war die letzte Amtshandlung Meier-Hormanns, am nächsten Tag unterschrieb er den Insolvenzantrag und entmachtete sich damit faktisch selbst. Auch er hatte Großes mit dem Sender vorgehabt, in den er sich nach und nach hineingekauft hatte. Auch er war gescheitert. "Man muss manchmal ein kleines Vermögen verbrennen, um ein großes zu verdienen", soll er einmal gesagt haben. Einen Größenwahnsinnigen nennen ihn Altgesellschafter aus den Gründungstagen. Einer der herrschte, nicht führte, sagen manche aus dem Haus.

"Realsatire" ist das Wort, das für seinen Auftritt bei "Hallo Berlin" am häufigsten verwendet wird. Nachdem der Moderator sich zunächst nach Meier-Hormanns gebrochenem Bein erkundigt hatte, leitete er zum eigentlichen Thema über: Es sei ja nicht nur eisig auf der Straße, sondern auch in der Wirtschaft - und beim FAB. Daraufhin begann der Geschäftsführer die öffentliche Insolvenzerklärung mit dem erstaunlichen Satz: "Die guten Nachrichten sind, dass FAB relativ gut aufgestellt ist." In den folgenden Minuten wand er sich verbal langsam in Richtung Wahrheit.

Klaus Juli hat das alles kommen sehen. In den vergangenen Monaten hatten Baufirmen und auch Mitarbeiter des FAB immer wieder bei ihm angerufen und sich erkundigt, was denn da los sei. Ob sie mit ihrem Geld wohl noch rechnen könnten? Juli hat mit dem FAB selbst eigentlich wenig zu tun. Seine Firma Media Entertainment Networks, kurz M.E.N., betreut die Internetauftritte für manche Sendungen - und sie sitzt im selben Haus wie das Fernsehen aus Berlin. Das Haus ist Teil der großen Träume des Mike Meier-Hormann. Gleichzeitig ist es eine Metapher für deren Scheitern. Lediglich die erste und die dritte Etage seien ausgebaut, sagt Juli: "Der Rest ist im Rohbauzustand." Die Klingelanlage funktioniere überhaupt nicht. M.E.N. sind die einzigen Mieter in dem Haus, das die FAB GmbH an die Genthiner Straße gestellt hat. Miete muss FAB aber für das ganze Gebäude bezahlen. Ursprünglich hatte Meier-Hormann vor, an den Mieteinnahmen zu verdienen. Als er das plante, hatten die Investoren die Macht noch nicht übernommen.

Erfahrung mit ausländischen Investmentfonds gab es schon in den Gründungstagen, als sie noch "Fernsehen von unten" machen wollten, erinnert sich Pierre Kutzner. Er ist einer der wenigen Altgesellschafter, die bis heute dabei geblieben sind. Kutzner produziert das Automagazin "fun and drive", das als eine der wenigen "rein journalistischen Sendungen" gelte, sagt er. Damals, erzählt Kutzner, seien Anteile an einen Investmentfonds auf den Bahamas gefallen und, weil der bankrottgegangen sei, schließlich an die Krone von England.

Es lief ohnehin alles recht chaotisch zu der Zeit. Aber sie seien auch äußerst kreativ gewesen, sagt Kutzner, eine "Formatschmiede". Umweltsendungen, Anglermagazine, Eisenbahner-TV. Tita von Hardenberg habe ihre Karriere beim FAB begonnen, Mariella Ahrens. Erst hätten die Leute geübt und dann ihre Demo-Tapes zu großen Sendern geschickt.

Damals allerdings war das Programm des Senders noch ein anderes. Heute besteht es dem Medienjournalisten Stefan Niggemeier zufolge "weitgehend aus Schleichwerbung". Anfang der Neunziger hatten die FAB-Produzenten ein "Fenster aus Berlin" bei RTL. Dokumentarfilmer Wegemann war dort Redaktionsleiter. "Wir konnten sehr anarchisch arbeiten", sagt er.

Das FAB der Anfangstage zog die Kreativen der Stadt an. Regisseur Rosa von Praunheim erfand das erste Schwulenmagazin im TV namens "Schrill, schräg und schwul", das später ohne ihn als "Andersrum" weiterlief. Eine Sendung für Lesben und eine für Frauen folgten. Altgesellschafter Kutzner verbrachte viel Zeit im Europacenter, wo er mit dem "Kabelrat", der Aufsichtsbehörde, darüber streiten musste, ob es in Ordnung ist, morgens um 11 Uhr nackte Penisse in einer Schwulensauna zu zeigen.

Nach der Anfangseuphorie verabschiedete sich allerdings nicht nur Rosa von Praunheim, auch Holger Wegemann merkte bald, dass es schwierig war, mit ihren hohen Ansprüchen Geld zu verdienen, und zog sich zurück. Zwischenzeitlich stieg der "Spiegel-TV"-Produzent und spätere Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust bei FAB ein und linderte kurzzeitig die Geldsorgen. Branchenüblich habe man nie verdient, sagt Kutzner. Der freiberufliche Zulieferer hat seine Sendung immer als "Hochglanzvisitenkarte" betrachtet, um Kundschaft zu werben. Für Unternehmen macht er als Selbstständiger außerdem Imagefilme, auch mal einen "über Flachdachabdeckung". Beim Sender habe sich aus der Finanznot aber das entwickelt, was er "Mischfinanzierung" nennt und Niggemeier "Schleichwerbung". Irgendwann habe sich das Ding gedreht, sagt Kutzner, weg von der Anfangsutopie. "Wir müssen es kommerzialisieren", habe es geheißen.

Verschiedene neue Investoren, die ein- und wieder ausstiegen, erhöhten regelmäßig das Kapital von FAB. Die Anteile der Gründungsgesellschafter sanken, wenn sie nicht bereit waren, auch etwas zuzuschießen. 2006 war es dann so weit: Die Sperrminorität fiel. Gemeinsam mit einem Kompagnon hatte Meier-Hormann über 75 Prozent der Anteile erworben. Die Altgesellschafter hatten nichts mehr zu sagen. Sie konnten zwar murren, als der neue Geschäftsführer seine Pläne vom Bau eines Event-Zentrums in der Genthiner Straße verkündete und durchsetzte. Etwas dagegen unternehmen konnten sie nicht. Vielleicht hätte tatsächlich etwas daraus werden können, wenn einer der Geber für den Bau nicht mittendrin unfähig geworden wäre, Geld zu geben. Vielleicht würde ohne die Immobilienkrise wirklich ein zufriedener Meier-Hormann in einem ausgebuchten Medienhaus sitzen. Nun war es aber so, dass die fehlenden Gelder einer beteiligten Firma dazu führten, dass die Immobilie, die die Zukunft des FAB sichern sollte, an eine Investorengruppe verkauft werden musste, zur Ruine wurde und den Sender in den Ruin trieb.

"Zahlungsunfähigkeit wegen der Schwierigkeiten beim neuen Sendegebäude", teilt ein Sprecher des Insolvenzverwalters mit. Immerhin: "Die Fortführung des Betriebs ist bis Ende März gesichert." Für die Zukunft gibt es jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder es findet sich jemand, der den Sender kauft. So billig, hatte Meier-Hormann FAB in "Hallo Berlin" angepriesen, bekomme man so etwas nicht noch einmal. Oder es gibt einen Insolvenzplan und man einigt sich mit den Gläubigern. Auch manche Altgesellschafter rechnen gerade durch, ob sie es sich leisten könnten, ihr Fernsehen aus Berlin zurückzuerobern.

Pierre Kutzner hofft, "dass sich den Laden jemand krallt, der Ahnung davon hat". Vom Fernsehen, meint er. Er hatte seine Anteile einmal als Altersversorgung betrachtet: "Jetzt sind sie nur noch meine Alterssorge." Es ist auch bei ihm nicht mehr viel übrig: exakt 0,844 Prozent.

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