Eingegangenes Hochglanzmagazin "Vanity Fair"

Das Warten und das Ende

Die beste Zeit von "Vanity Fair" war noch Vorbereitung unter Chefredakteur Ulf Poschardt. Schon als die deutsche Ausgabe erschien, war fraglich, wer sie überhaupt lesen sollte.

Hochglanz drauf ohne Hochglanz drin: die deutsche Ausgabe der "Vanity Fair". Bild: dpa

Als vor zwei Jahren die Hochglanzmagazin sein sollende Vanity Fair endlich erschien, waren quälende Jahre der Vorbereitung verstrichen. Letztlich wurde diese Zeitschrift länger geplant und angekündigt als gemacht. Und doch waren genau diese Jahre der geheimnisvollen Vorbereitung die gute Zeit des ehrgeizigen Condé-Nast-Projekts.

Ulf Poschardt war der designierte Chefredakteur der deutschen Ausgabe, genialer Kommunikator und selbst ein wandelnder Mythos der Popkultur. Dazu blendend im Aussehen, jung und hochsympathisch. Auch galt Poschardt damals als einer der bestbeleumundeten Journalisten des Landes. Er verkörperte Vanity Fair, er war Vanity Fair, und Vanity Fair war Ulf Poschardt. Bis die erste Ausgabe erschien.

Ein vollkommen enttäuschendes, ja die Freunde entsetzendes, kleinteiliges Blättchen. Es stand Hochglanz drauf, aber es war kein Hochglanz drinnen. Glanz gab es nur in der Hütte, also in den supereleganten, rundum schneeweiß gestalteten Redaktionsräumen Unter den Linden in Berlin, wo man seit Ewigkeiten neugierige Gäste empfangen hatte, um den Hype hochzuköcheln.

Ohne Not machte Poschardt eine Vanity Fair, die aussah wie die Auto Bild. Echte Insider hätten sich nicht wundern müssen: Vorher hatte der Mann die bis dato seriös anmutende, sauber und streng layoutete Welt am Sonntag auf das ästhetische Niveau der BamS gebracht. Es brauchte Jahre, bis die schlimmsten Vulgarisierungen wieder getilgt waren. Die Branche, oder die Popfraktion davon, wenn es so was gibt, interessierte sich aber nicht für die Welt am Sonntag, und so fiel es keinem auf. Und auch beim expliziten Lifestyle-Titel Vanity Fair litten die Poschardt-Fans eher stumm. Niemand wollte Spielverderber sein. Oberster Fan war übrigens der Schriftsteller Rainald Goetz, dessen Protest sich darauf beschränkte, seinen die Printausgabe begleitenden Blog Klage zu nennen.

Natürlich schlug die Form auch auf den Inhalt durch. Intelligente Beiträge prominenter Autoren verpufften zwischen Geschenktipps, Promo-Beiträgen für Kosmetikfirmen, Service-Beiträgen für Gastronomie und einem bunten Allerlei nach Art dämlicher Frauenzeitschriften - alles immer gesetzt in einem wuseligen Durcheinander von Bilderflut und Buchstabensuppe. Die briefmarkenkleinen Fotos waren ebenso wie der Lauftext nur mit der Lupe zu erkennen. Kein Mensch kaufte diesen Quatsch, und Ulf Poschardt wurde hochkantig rausgeworfen, ziemlich genau vor einem Jahr.

Von da an ging es etwas bergauf. Das Blatt wurde eleganter, die Schrift größer. Aber die besten Poschardt-Leute gingen, die Gemeinde löste sich auf. Die Auflage des Magazins, das der bessere Stern sein wollte, verharrte bei 200.000 Exemplaren. Fast die Hälfte davon machten Sonderverkäufe aus (etwa mit beliebten Umsonst-DVDs und Billy-Wilder-Filmen). Die Branche wartete auf das endgültige Ende. Eine Verengung der Popkultur auf die Klatschspalte konnte, bei so peinlichen Stars wie den deutschen, nicht gut gehen.

Am 19. Februar 2009 erschien die letzte Ausgabe. Sie liegt noch bis Mittwoch an den Kiosks und widmet sich fast ausschließlich der Berlinale, also dem langweiligsten Event der Welt. Eigentlich schade, denn zuletzt machte es durchaus Spaß, in der Vanity Fair zu blättern und manch klugen Autor zu lesen, beispielsweise Moritz von Uslar über seine Dauerpräsenz im schweineteuren Restaurant Borchardt. Aber, jetzt in der Zeit der Wirtschaftskrise, waren die Anzeigenerlöse zusammengebrochen. So dass es am Ende wirklich kein Halten mehr gab.

Auch das bei Gruner + Jahr erscheinende Personality-Magazin Park Avenue entschlummerte in diesen Monaten. Aber schlimm ist das nicht. Die Welt wird nichts vermissen. Schon das Konzept der Klatschpostille stammt aus den 50er-Jahren und gehört am Ende auch dorthin (Farah Diba: doch ein Baby?). Welcher Trottel kam nur auf die Idee, die politisierten Menschen von heute könnten sich für die privaten Banalitäten von deutschen Stars interessieren? Wir haben keine Stars. Wir sind glamourtechnisch Provinz. Ob Iris Berben eine Erkältung hat oder nicht - egal. Ob eine Wohltätigkeitstombola oder ein saudummer Preis in Bayern oder in Österreich verliehen wird - egal. Den ganzen Preise- und Charity-Schwindel überlässt man nun getrost Bunte und Neue Revue wie gehabt. Oder sind die auch schon pleite? Egal. Popjournalismus wäre wirklich etwas anderes gewesen.

Darauf warten wir jetzt wieder. Wie damals, in den erwähnten guten Zeiten der deutschen Vanity Fair, als sie nichts mehr war als ein Gerücht.

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