Debatte Boykottaufruf von Naomi Klein

Die dritte Kraft

Wer wie Naomi Klein einen Boykott gegen Israel fordert, ist noch lange kein Antisemit. Dass sie damit in Deutschland auf den schärfsten Widerspruch stößt, lässt tief blicken.

Naomi Klein hat Erfahrung damit, wegen ihrer Meinung zu Israel angefeindet zu werden. Als sie noch in Toronto aufs College ging, schrieb sie in einer Zeitung der Hochschule einen Artikel, der die israelische Besatzungspolitik kritisierte. Dafür erntete sie böse Briefe und sogar Bombendrohungen, und der stramm zionistisch orientierte jüdische Studentenverband der Universität berief ein Treffen ein, um zu beratschlagen, wie er auf den Artikel reagieren sollte. Da keiner der Anwesenden wusste, wer sie war, mischte sich Naomi Klein einfach unter das Publikum. Nach einer Stunde erregter Debatte, in der ihr eine Sitznachbarin den Tod gewünscht hatte, stand sie auf und outete sich als Verfasserin des umstrittenen Beitrags. Das Schweigen im Saal danach sei unbeschreiblich gewesen, erinnerte sie sich noch viel später, und beschreibt diese Erfahrung als eine Art Initiationserlebnis. "Ich war damals 19, und es hat mich stark gemacht".

Sie hätte wohl kaum zu träumen gewagt, auch in Deutschland eines Tages einmal aus ähnlichen Gründen an den Pranger gestellt zu werden. Doch nachdem sie im Januar im britischen Guardian zu einer Boykottkampagne gegen Israel aufgerufen hatte, wurde ihr daraufhin in der Zeit und der taz Antisemitismus vorgeworfen und ihr Guardian-Aufruf auf eine Stufe mit der Nazi-Parole "Kauft nicht bei Juden" gestellt. Aber was genau hatte Naomi Klein geschrieben? Sie hatte behauptet, dass nur internationaler Druck Israel dazu bewegen könne, die Besatzung zu beenden und einen Frieden mit den Palästinensern zu suchen. Und sie hatte in bester Aktivistenmanier argumentiert, dass ein Boykott nach dem Muster der Sanktionen gegen Südafrika, die zum Fall des Apartheidsregimes beigetragen hätten, dafür ein brauchbares Mittel sei.

Nun lässt sich dagegen einiges einwenden: dass die Situation in Israel eine andere ist als in Südafrika, zum Beispiel, weil niemand im Ernst die Legitimität der israelischen Regierung in Frage stellt. Oder, dass Sanktionen zumeist die Falschen treffen. Doch der reflexhafte Vorwurf des Antisemitismus dient nur dazu, von solchen Fragen abzulenken. Es ist schon erstaunlich, dass dieses Muster der Diffamierung, das man sonst nur von extrem rechten jüdischen oder neokonservativen Kreisen in den USA kennt, gerade in Deutschland so bereitwillig aufgegriffen wird. Im Fall von Naomi Klein trifft es definitiv die Falsche: Nicht, weil sie selbst Jüdin ist, sondern weil sie oft genug davor gewarnt hat, Antisemitismus zu bagatellisieren und das Bedürfnis vieler Linker kritisiert, sich in Konflikten auf eine, vermeintlich "richtige" Seite zu schlagen.

Es ist vermutlich genau dieses tief empfundene Bedürfnis, endlich einmal auf der "richtigen Seite" zu stehen, warum die Empathie während des Gazakriegs in vielen deutschen Medien recht ungleichmäßig verteilt zu sein schien. Zu Recht wird es hierzulande skandalisiert, wenn bei Demonstrationen gegen das Blutvergießen in Gaza antijüdische Parolen gerufen worden sein sollen. Aber warum war es ein Beinahe-Skandal, als Polizisten in Duisburg Anwohner dazu nötigten, eine israelische Fahne aus dem Fenster zu nehmen? Hätte es auch so viel Aufhebens gegeben, wenn es sich um eine russische Fahne gehandelt hätte - und bei den Demonstranten um Tschetschenen? Wohl kaum.

Für erstaunlich wenig Aufsehen sorgte dagegen, dass die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, ihre Ansprache auf der Solidarität-mit-Israel-Kundgebung mit einem zynischen Golda-Meir-Zitat beendete: "Wir können den Arabern nicht vergeben, dass sie uns zwingen, ihre Kinder zu töten" (die Rede ist auf der Webseite der Gemeinde dokumentiert). Was wäre wohl passiert, hätte sich ein Deutsch-Palästinenser ähnlich selbstgerecht über Israelis geäußert? Sicher ist es infam, wenn die israelischen Angriffe auf Gaza mit dem Holocaust verglichen werden, wie mancherorts auf Protestplakaten zu lesen war. Fragwürdig ist es aber auch, Irans Präsident Ahmadinedschad als neuen Hitler zu bezeichnen, der "den Judenmord der Zukunft" plane, wie jüngst im Berliner Tagesspiegel stand.

Dass Israels Außenministerin Tzipi Livni vor einer "Welle wachsenden Antisemitismus" warnte, als die Bombenangriffe auf Gaza noch im vollen Gange waren, erscheint darum überzogen. Doch dieser amtliche Alarmismus hat einen doppelten Sinn. Erstens soll er die Kritik an Israel kontern. Und zweitens sucht er, unter Juden in aller Welt die Reihen zu schließen, indem er deren latente Ängste schürt. Solche Empörungsroutinen dienen nur dazu, von eigener Verantwortung abzulenken - von der Blockade etwa, mit der Israel noch immer den Gazastreifen abriegelt.

Es ist schon traurig genug, wenn manche Juden anderen Juden, die Israel nicht ganz so bedingungslos unterstützen wie sie selbst, "Antisemitismus" vorwerfen. Für Nichtjuden gibt es keinen Grund, bei diesem Spiel mitzumachen. Und wenn ausgerechnet deutsche Publizisten eine jüdische Globalisierungskritikerin darüber belehren wollen, was Antisemitismus ist, entbehrt das nicht eines gewissen Hautgouts. Ist das schon die Gnade der späten Geburt? Naomi Klein kann sich immerhin damit trösten, dass sie in guter Gesellschaft ist: Auch Jimmy Carter, Alfred Grosser oder Steven Spielberg (für seinen Film "München") wurden schon mal als Antisemiten bezeichnet.

Auf eine "dritte Kraft", die zwischen den Fronten vermittelt, hat Martin Altmeyer in der taz (23. 1.) seine Hoffnung gesetzt. Diese Kraft gibt es bereits. Das sind zum einen Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, Human Rights Watch, Oxfam oder Medico International, die Israel vorwerfen, in Gaza unerlaubte Waffen eingesetzt und zu wenig getan zu haben, um Zivilisten zu schützen. Diese Kritik bedeutet nicht, sich auf die Seite der Hamas zu schlagen oder deren Verbrechen zu ignorieren. Auch eine Boykottkampagne gegen Israel zu fordern, wie es Naomi Klein gemacht hat, ist so legitim, wie für Sanktionen gegen den Iran, Kuba oder die Fidschi-Inseln einzutreten. Es wird aber so lange eine hilflose Geste bleiben, wie sie auf der Ebene internationaler Politik keinen Widerhall findet.

Es würde ja schon reichen, wenn Europa und die USA ihren Verbündeten im Nahen Osten nicht mehr ganz so vorbehaltlos unterstützen würden, wie sie das bisher tun. Erst im Dezember hat die Europäische Union ihr Assoziierungsabkommen mit Israel aufgewertet, um den gemeinsamen Handel anzukurbeln. Angela Merkel hat sich hinter die Angriffe auf den Gazastreifen gestellt, indem sie allein die Hamas für das Desaster verantwortlich machte. Und Deutschland liefert U-Boote an Israel, stellt sich aber in der EU quer, wenn es um eine unabhängige Untersuchung von mutmaßlichen Kriegsverbrechen während des Kriegs gegen Gaza geht. All das ist sicherlich nicht dazu angetan, in Jerusalem ein Umdenken zu fördern. Es müssen ja nicht gleich Sanktionen sein. Aber warum nicht die nächste Waffenlieferung an Israel an Bedingungen knüpfen: etwa, den Bau weiterer Siedlungen zu stoppen oder die Gazablockade zu lockern? DANIEL BAX

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Jahrgang 1970, ist seit 1998 bei der taz. Er schreibt über Migration und Minderheiten, über Politik und Popkultur. Sein Buch "Angst ums Abendland. Warum wir uns nicht vor Muslimen, sondern vor den Islamfeinden fürchten sollten" ist gerade im Westend Verlag erschienen.

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