US-Wissenschaftler Ayers über Obama

"Links war er nie"

Als Obamas Terror-Freund wollten die Republikaner Bill Ayers im Wahlkampf vorführen. Die Kampagne blieb ohne Erfolg. Im taz-Interview freut sich Ayers über Obamas Sieg.

Die Vorbereitungen für Obamas Amtseinführung laufen auf Hochtouren. Bild: dpa

taz: Herr Ayers, mancher US-Linker mag Sie nicht besonders. Man nennt Sie einen Terorristen und ihre militanten Aktionen im Weather-Underground lächerlich. Was sagt das über die US-Linke?

Bill Ayers, 64, stand während des US-Wahlkampfs im Mittelpunkt einer Schmutzkampagne gegen Barack Obama. Die Republikaner warfen Obama vor, mit Terroristen befreundet zu sein - und meinten damit William ("Bill") Ayers. Im Vorwahlkampf hatte bereits Hillary Clinton versucht, Obama wegen seiner Kontakte mit Ayers zu diskreditieren. Ayers war in den 60er-Jahren Vietnamkriegsgegner und Mitgründer der militanten Untergrundorganisation Weathermen, die mehrere Anschläge auf Regierungsgebäude verübte. Heute ist Ayers ein angesehener Professor für Erziehungswissenschaft an der University of Illinois in Chicago. Obama und Ayers trafen sich erstmals Mitte der 90er-Jahre und hatten danach sporadisch Kontakt. Sie leben im gleichen Stadtviertel und engagierten sich vor rund sieben Jahren für dieselbe Wohltätigkeitsorganisation.

Für die Vereidigungsfeierlichkeiten für Barack Obama gibt das Komitee 40 Millionen US-Dollar aus; 432 Mitarbeiter entscheiden wofür, und 15.000 Freiwillige helfen dabei. Erwartet werden am Dienstag bis zu drei Millionen Anhänger, 20.000 Sicherheitskräfte, 13.000 Teilnehmer an der Parade, 20.000 Journalisten, 5.000 Klohäuschen auf der "National Mall" vor dem Kapitol in Washington, 2.000.000 extra U-Bahnpläne für die Gäste. Die 5.000 Tickets waren per Internet in weniger als 60 Sekunden verkauft. (boe)

Bill Ayers: Komische Frage. Ich bin doch kein Terrorist. Das ist eine falsche und unsinnge Darstellung, die im Wahlkampf von Hillary Clinton und John McCain erhoben wurde. Wer das nachplappert, bedient eine konservative Interpretation der Bewegung gegen den Vietnamkrieg. Aber die meisten Linken nennen mich auch nicht einen Terroristen.

Kann man überhaupt von einer US-Linken sprechen?

Natürlich kann man nicht von einer einheitlichen Bewegung sprechen. Die pazifistische Linke ist sehr vielschichtig und lebendig. Von Seiten der Rechten wird aber immer wieder versucht, diese Bewegungen auf provokante Schlagworte festzunageln. So geschehen, als im Wahlkampf versucht wurde, die gesamte schwarze Freiheitsbewegung wegen eines einzigen Zitates des Reverends Jeremiah Wright zu diskreditieren. Das diente nur dazu, Obama zu dämonisieren. Dazu brauchten sie den Terroristen, den separatistischen Pfarrer und den antisemitischen Gelehrten.

Es klingt so, als habe Sie das, als mittlerweile angesehener Professor in Chicago, doch noch ziemlich persönlich getroffen.

Nein. Ich gucke kein Fernsehen, und mich interessiert das nicht so. Ich habe drei erwachsene Söhne, die haben die Nachrichten für mich gefiltert und mir dann ein bisschen davon erzählt. Da ich nicht sah, wie ich diese Propagandamaschinerie stoppen konnte, hatte ich ohnehin beschlossen, das zu ignorieren. Aber ich bin ansonsten weiterhin aktiv in der Friedensbewegung und lehre an der Universität.

Kann Obama einem insgesamt recht konservativen Land wie den USA noch als linker Politiker durchgehen?

Obama ist überduchschnittlich smart, er hat herausragende Qualitäten und seine Wahl ist ein geradezu vernichtender Schlag gegen den Überlegenheitsglauben der Weißen. Er wird einer der intelligentesten Präsidenten sein. Als er während des Wahlkampfes gefragt wurde, wen Martin Luther King, wäre er noch am Leben, unterstützen würde, lachte Obama nur und sagte: King wäre auf der Straße und würde Gerechtigkeit fordern, er würde keinen von uns unterstützen. So etwas verstehen nur sehr wenige Politker. Dafür müssen wir Obama beglückwünschen. Aber links war er nie. Er ist ein Moderater.

US- Linke debattieren bereits, ob Obamas Pragmatismus zu einer kleinen oder einer großen Enttäuschung führen wird. Ist das klug?

Viele amerikanische Linke schauen in die falsche Richtung. Barack Obama ist doch kein Monarch, sondern nur der Präsident. Er wird auf politischen Druck reagieren. US-Präsident Lyndon B. Johnson war kein Mitglied der Bürgerrechtsbewegung, aber hat konstruktiv auf sie reagiert. Auch Abraham Lincoln war kein Gegner der Sklaverei, ebenso wie Franklin Roosevelt kein Mitglied der Arbeiterbewegung war. Dennoch bleiben die drei vor allem für ihren jeweiligen unterstützenden Beitrag zu diesen Bewegungen in Erinnerung. Sie reagierten auf den Druck von unten. Von daher sollte die Linke, damit anfangen sich für die Durchsetzung ihrer Ideen zu organisieren.

Wie zum Beispiel?

Bürger sollten eine Massenbewegung für Frieden und Nachhaltigkeit in Gang bringen.

Nach Vietnam ist das doch nie wieder gelungen.

Es gibt zwei problematische Tendenzen in der amerikanischen Linken, die sie selbst bremst: Die eine ist, dass sie denken, der Antriebsmotor der Geschichte sei der Präsident. Falsch. Es waren die sozialen Bewegungen. Man muss als Bewegung den dominierenden Diskurs ändern. Die zweite ist, dass wir stets denken, wir seien eine winzige Minderheit. Falsch. Wir fühlen uns unterlegen, selbst wenn wir es eigentlich gar nicht sind.

Die Linke in den USA ist keine Minderheit?

Ich bin für Frauenrechte, für die Gleichstellung Homosexueller, die Abschaffung der Todesstrafe und der staatlichen Überwachungsgesetze, etcetera. Und die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung denkt ebenso - zumindest in Chicago! Es ist Blödsinn zu denken, wir seien eine Minderheit.

Ist die Wahl Obamas ein Sieg der Linken?

Die Wahl Barack Obamas ist vor allem Resultat der Ablehnung der rechten Politik. Und des Engagements der jungen Generation. Für mich persönlich hat die Linke erst gesiegt, wenn wir eine Friedensbewegung schaffen, die nicht mehr kleinzukriegen ist.

Um Obama herum gibt es bereits so etwas wie eine Graswurzelbewegung. Wird das die neue Linke?

Das hat Potenzial. Was daraus wird, hängt von uns ab. Obama war community organiser; er versteht daher, was sich einfache Leute erhoffen. Ich glaube, dass die Obama-Leute mit diesen Millionen von Freiwilligen, die während des Wahlkampfes für sie an Türen klopften, weiterhin in Kontakt bleiben wollen.

Aber es gab auch in der Bush-Zeit etliche Mobilisierungsversuche. Passiert ist wenig. Die Anti-Kriegs-Bewegung hatte kaum Wirkung. Wie können Sie da so optimistisch sein?

Was? Das stimmt doch gar nicht. Die Friedensbewegung hat erreicht, dass Millionen von Amerikanern den Irakkrieg mehr und mehr ablehnten. Und das ist unserer Bewegung trotz der Lügenmaschinerie der Mainstream-Medien gelungen. Das nenne ich einen Erfolg.

Eine andere Befürchtung, die die Linke umtreibt, ist die, dass es ihr doppelt schwer fallen wird, ihren Präsidenten Obama so hart zu kritisieren, wie es vielleicht geboten sein wird.

Das könnte durchaus passieren. Gleichzeitig weiß die Linke ziemlich genau, was sie will: Nämlich die Schließung von Guantanamo, ein Ende der Folter und der aggressiven, auf Eroberung fixierten Außenpolitik, die Abschaffung der Todesstrafe, bessere Gesundheitsversorgung, Bildung und so weiter. Aber Obama wird uns nicht ins Paradies führen. Und selbst wenn er das täte, sollten wir ihm nicht folgen. Denn nach ihm kommt einer, der uns da auch wieder hinausführen will.

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