Buchautorin Natalie Zemon Davis

"Manchmal gehe ich auf Demos"

Natalie Zemon Davis ist die Grande Dame der Mentalitätsgeschichte. Ein Gespräch über Islam und Christentum, Amphibienvögel und Trickster-Geschichten.

Natalie Zemon Davis: Ihr jüngstes Buch handelt von Leo Africanus, einem Kulturvermittler des 16. Jahrhunderts. Bild: privat/verlag klaus wagenbach

Natalie Zemon Davis, 1928 in Detroit geboren, ist Historikerin und eine der wichtigen Vordenkerinnen der interdisziplinären Kulturwissenschaft. Sie unterrichtete in Berkeley, Oxford und Princeton. Seit ihrer Emeritierung 1996 lebt sie als freie Schriftstellerin in Toronto und ist dort weiter an der Universität tätig. Im Zentrum ihrer Forschung steht die Sozial- und Kulturgeschichte des 16. Jahrhunderts und der frühen Neuzeit in Frankreich und Europa. Die faszinierende Lebensbeschreibung "Leo Africanus. Ein Reisender zwischen Orient und Okzident" ist 2008 im Berliner Klaus Wagenbach Verlag erschienen.

taz: Frau Zemon Davis, Ihr letztes Buch hat Sie vom Europa der frühen Neuzeit in die arabische Welt geführt, nach Nordafrika. Wie sind Sie Ihrem Protagonisten auf die Spur gekommen?

Natalie Zemon Davis: Als ich in den späten Fünfzigerjahren über protestantische Drucker im Lyon des 16. Jahrhunderts forschte, stieß ich auf eine wundervolle illustrierte Ausgabe der "Beschreibung Afrikas" von al-Hasan al-Wazzan. Es handelte sich um eine französische Übersetzung von 1556, angefertigt in der Werkstatt eines dieser Protestanten. Mich faszinierte daran, dass der Text aus der Feder eines Afrikaners stammte. Doch dachte ich damals noch nicht im Traum daran, einmal ein Buch über ihn zu schreiben.

Warum nicht?

Damals kam ein neues Modell der Sozialgeschichte auf. Die Reformationsstudien hatten sich in erster Linie mit den Lehren Luthers oder Calvins beschäftigt. Was fehlte, waren tiefergreifende Lokalstudien. Warum traten zum Beispiel katholische Handwerker und Frauen im Frankreich der Reformationszeit plötzlich zum Protestantismus über? Wir wollten herausfinden, worin die Anziehungskraft protestantischer Ideen im Alltag dieser Menschen bestand. Die Geschichte des Leo Africanus zu erforschen - als eine Erzählung entlang der großen historischen, kulturellen und räumlichen Grenzlinien zwischen Europa und Nordafrika, Christentum und Islam -, das erschien damals einfach noch nicht so dringlich.

Heute aber schon?

In den Neunzigerjahren, also noch vor dem 11. September, begann man plötzlich öffentlich, von "reinen" Identitäten zu sprechen - unter nationalen und ethnischen Gesichtspunkten und solchen des Geschlechts. Ethnische Säuberungen waren an der Tagesordnung. Parallel dazu gewannen in der wissenschaftlichen Welt die postkolonialen Studien an Bedeutung, die Europäer und Nichteuropäer nebeneinander stellten. 1995 fiel mir al-Wazzan plötzlich wieder ein. Ich untersuchte ihn als ein Beispiel für kulturelle Überschreitungen: Mein Held war kein Europäer, der sich amerikanische Indianer anguckt, sondern ein Nichteuropäer, der die Europäer anschaut. Außerdem war es auch Zeit für mich selbst, mehr über den Islam zu lernen.

Einige Fakten aus dem Leben des Leo Africanus sind bekannt: Er war ein nordafrikanischer Moslem, ein Diplomat, der von christlichen Piraten gefangen genommen wurde, er lebte einige Jahre in Rom und konvertierte zum Christentum. Außerdem hat er ein Buch über Afrika geschrieben, das veröffentlicht und in viele Sprachen übersetzt wurde. Was fanden Sie noch heraus?

Er schrieb nicht nur dieses eine Buch, sondern viele: über den Islam, über arabische Dichtung. In Rom unterrichtete er Europäer in Lateinisch und Italienisch. Er erzählte ihnen von der Welt, die er zurückgelassen hatte, beschrieb Städte und ethnische Gruppen in Afrika, darunter auch Juden. Zwei seiner engsten Gefährten in Italien waren Juden.

Womit wir ein Lehrstück über den Dialog der Religionen vor uns haben?

Wir konstruieren heute ständig sinnlose Kategorien: Ein monolithischer Islam steht einem monolithischen Westen gegenüber. Es irritiert mich, wenn der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern als Kampf der "Juden gegen die Araber" oder "aller Israelis gegen alle Palästinenser" beschrieben wird. Und es frustriert mich, weil ich mich in politischen Bewegungen für Gerechtigkeit und Frieden engagiere. Ich habe ja selbst einen jüdischen Hintergrund. Hier haben wir nun eine Gestalt aus dem 16. Jahrhundert vor uns; und es ist eine Gestalt mit unscharfen Konturen. Jemand, der zu einer Zeit Grenzen überschritt, in der das weiß Gott nicht einfach war.

Welchen Gefahren hat sich Leo Africanus damit ausgesetzt?

Die Päpste riefen zu einem neuen Kreuzzug gegen die Muslime auf. Der osmanische Sultan Selim hatte Ägypten erobert. Er verstand sich als Welteroberer, wollte in die Fußstapfen Alexanders des Großen treten. Wenn zwei Seiten zur Gewalt aufrufen, gibt es Krieg. Hier hat Leo Africanus Grenzen überschritten - in einer höchst gewalttätigen Zeit. Das ist aus heutiger Sicht ein hoffnungsvolles Signal.

Sehen Sie denn gegenwärtig Entwicklungen, die vergleichbar wären?

Wenn der Literaturwissenschaftler Edward Said und der Musiker Daniel Barenboim ein Orchester gründen, dann ist das zwar kein Friedensvertrag, aber doch eine Form der Kommunikation. So wie es Leute gibt, die nach Israel gehen und Olivenhaine anlegen. Das sind Gesten. Sie zeigen die Möglichkeit einer anderen Konfliktlösung auf, jenseits des Tötens.

Während Said und Barenboim aus freien Stücken handelten, war Leo Africanus unter Zwang zum Überlebenskünstler geworden - ein großer Unterschied?

Ich möchte keine schrägen Vergleiche anstellen. Al-Wazzan kommt nach Europa, weil er von Korsaren gekidnappt wird. Aber dennoch ist da ein Moment der Wahl. Al-Wazzan ist geblieben, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wurde, und dann konvertiert. Mir scheint, er hätte ebenso gut nach Afrika zurückgehen können. Nachdem Papst Leo X , sein wichtigster Gönner, gestorben war, war er ein freier Mann. Er besaß Reisefreiheit, und wir wissen, dass er davon auch Gebrauch machte. Wenn er es wirklich gewollt hätte, hätte er Europa wohl verlassen und zum Islam zurückkehren können.

Warum blieb er dann in Rom?

Zum einen weil er vom Glanz dieser Welt fasziniert war. Er genoss es, an wichtigen Orten empfangen zu werden. Vor allem wollte er aber Bücher schreiben. Bücher, die ein differenziertes Bild jener Welt zeichneten, die hinter ihm lag. Er wollte einen Islam zeigen, der nicht dämonisiert wird. Viele der europäischen Texte sind voll von dieser Dämonisierung, sogar bei denen, die den Nahen Osten, oder zumindest bestimmte Seiten an ihm, liebten. Sie haben immer die Religion dämonisiert. Auf der anderen Seite wurde das Christentum dämonisiert. Allerdings nicht von allen: Die nordafrikanischen Sufis haben das zum Beispiel nicht getan, sie waren sehr mystisch. Ähnlich gab es auch in Europa andere Religionen, die ökumenisch denken.

Im Original heißt Ihr Buch "Trickster Travels". Der Trickster ist ein Täuscher, eine listige Figur, mal gut und mal böse, oft verkleidet und eloquent.

Trickster-Geschichten gibt es nicht nur in der europäischen, sondern, wie ich festgestellt habe, auch in der arabischen Tradition. Dort heißen die Geschichten Maqamen. In einem seiner Bücher erfindet al-Wazzan die Geschichte von einem verwandlungsfähigen Amphibienvogel, der sowohl fliegen als auch schwimmen kann. Damit veranschaulicht er seine eigene Rolle zwischen den Kulturen. Und schließlich kennt der Islam die Taqiya - eine Doktrin, die die Verheimlichung des eigenen Glaubens und der Religionsausübung unter erzwungenen Umständen erlaubt. Sie spielte für die Mauren in Spanien eine große Rolle.

Sie blicken auf ein langes Leben als Historikerin zurück - worin besteht der Nutzen der Geschichte?

Geschichte zeigt Möglichkeiten auf, über die Gegenwart nachzudenken. Ich bin mir nicht sicher, ob die Leute während der Friedensmärsche in Leipzig geahnt haben, dass das, was sie taten, so einen großen Einfluss auf den Fall der Mauer haben würde. Das Erzählen der Vergangenheit spielt mit der Möglichkeit, dass die Dinge auch anders sein könnten. Ich habe von al-Wazzan erzählt, um unsere Gegenwart besser begreifbar zu machen. Aber die Kriege gehen trotzdem weiter. Letztlich hat der Historiker keine große Macht.

Trotzdem engagieren Sie sich auch politisch.

Ich glaube an den öffentlichen Intellektuellen. Es kostet viel Zeit. Einer meiner Freunde, ein Historiker und Kenner des Iran und der Geschichte Ägyptens im 19. Jahrhundert, sieht seine Bestimmung im Moment als Blogger. Ich unterzeichne Petitionen und versuche, auf möglichst vielen Gebieten wach zu sein. Manchmal gehe ich auf Demos und halte Transparente hoch. Obwohl ich vielleicht schon ein bisschen zu alt bin für solche Dinge. Mein Mann geht allerdings immer auf die Straße. Und der ist jetzt 82.

In den Fünfzigerjahren wurde Ihr Mann, Chandler Davis, Opfer der Kommunistenhetze unter McCarthy.

Und trotzdem glaube ich, dass unsere Situation in den Fünfzigern nicht so schlimm war, wie die Dinge, die heute geschehen. Wir waren zwar in der Friedensbewegung aktiv, haben aber eigentlich kaum mit einem Atomkrieg gerechnet, trotz des Kriegs in Korea. Es gab aber nicht diese unerwarteten Terroranschläge oder diese schrecklichen ethnischen Säuberungen. Als mein Mann ins Gefängnis musste, wurde er dort nicht gefoltert. Er musste später bloß nach Kanada übersiedeln, um einen guten Job zu bekommen. Mir scheint, der Einsatz ist heute viel höher.

Ihr Mann ist Mathematiker und Science-Fiction-Autor. Hat er Ihr Denken beeinflusst?

Wir sind dauernd miteinander im Gespräch. Sobald wir mit diesem Interview fertig sind, werde ich ihn anrufen. Der wichtigste Rat, den er mir je gegeben hat, war, wissenschaftlichen Standards zu genügen, aber nicht zu akademisch zu schreiben. Wir Ethnologen und Historiker denken jedoch anders als Mathematiker. Im Moment arbeite ich an einem Theaterstück, zusammen mit einem Dramatiker. Mein Mann träumt aber davon, dass wir gemeinsam einen Roman schreiben.

 

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