40 Jahre Knastzeitung "Lichtblick"

Die Redaktion hinter Gittern

Der "Lichtblick", Deutschlands einzige unzensierte Gefangenenzeitung, feiert Jubiläum. Doch nun ist die Druckmaschine in der JVA Tegel kaputt.

Jahrelang hat die Heidelberg GTO 46 durchgehalten. Ausgerechnet zur Jubiläumsausgabe der Tegeler Gefangenenzeitung Lichtblick gibt die Druckmaschine ihren Geist auf. Doch die Justizverwaltung hat Erbarmen. Deutschlands einzige unzensierte Gefangenenzeitschrift wird ausnahmsweise in der anstaltseigenen Druckerei produziert. Mit sieben Wochen Verspätung liegt die 337. Ausgabe heute bei den Abonnenten im Briefkasten.

Am 25. Oktober 1968 ist der Lichtblick erstmals erschienen. 40 Jahre später gibt es die Zeitung in der Justizvollzugsanstalt Tegel immer noch. Der liebevoll gemachte Mix aus Knastnews, Rechtsinformationen, Kontaktbörse, Fundgrube und Allerlei wird nicht nur im mit rund 1.500 Insassen größten Männerknast der Republik gelesen. In allen deutschsprachigen Knastbüchereien ist der Lichtblick ein Muss. Auch Vollzugsbedienstete, Richter, Anwälte, ja selbst Menschen, die nichts mit der Justiz zu tun haben, beziehen das Heft. Mit je 5.000 Exemplaren erscheint die Zeitung sechsmal im Jahr - kostenlos gegen Spenden. Von den 10.000 Euro, die die Anstaltsleitung jährlich dazugibt, könnte der Lichtblick nicht existieren.

Verglichen mit der Jubiläumsausgabe, die auf 58 vierfarbigen Seiten brilliert, war die Erstausgabe ein bescheidenes Heftchen. 1968 war Tegel noch ein Zuchthaus. Die Legende besagt, die Zeitung sei die Idee des damaligen Anstaltsleiters Wilhelm Glaubrecht gewesen.

In den ersten Jahren wurden die Artikel auf Schreibmaschine getippt und mit Matrize abgezogen. Das Papier der Nummer 1 ist brüchig, manche Buchstaben sind kaum noch zu lesen. Mühsam entziffert man einen Artikel "Über den Sinn und Zweck des Lernens während der Haft". Oder die Rubrik: Der Leser fragt, die Anstaltsleitung antwortet.

Das Interview mit dem Anstaltsleiter war bis zu Glaubrechts Ausscheiden Anfang der 80er-Jahre fester Bestandteil jeder Ausgabe. Erst sein Nachfolger, Klaus Lange-Lehngut, brach mit der Tradition. Der heutige JVA-Leiter Ralf Adam wiederum gewährte dem Lichtblick nach seinem Antritt 2007 zwar ein Interview, an einer festen Rubrik zeigte aber auch er kein Interesse. Das würde den Eindruck erwecken, die Redaktion sei zu nah an der Anstaltsleitung, soll Adam abgewehrt haben.

Sonderlich anstaltskonform hört es sich nicht an, was die Redaktion zu Papier bringt. Früher wurde das Blatt von einem hauptamtlichen Redakteur und acht ständigen Mitarbeitern produziert. Heute lastet die ganze Arbeit von der Recherche bis zum Versand auf zwei Leuten: Volker Walter (Name geändert) und Maik Moses (Künstlername).

Walter, ein 52-jähriger Bauingenieur, verbüßt in Tegel eine Haftstrafe mit Open End. Seit vier Jahren ist er hauptamtlicher Redakteur. Der 40-jährige Bankkaufmann Moses ist erst seit einem Jahr dabei. In einer 25 Quadratmeter großen Doppelzelle im Haus III sitzen sich die beiden an einem Schreibtisch gegenüber. Einen Stock tiefer, in einer Einzelzelle des Gebäudes für Langstrafer, steht die kaputte Heidelberg GTO 46.

"Wir haben den Anspruch, Misstände offenzulegen", sagt Walter. Die Hoffnung, dass die Misstände auch abgeschafft werden, sei im Schwinden, räumt Moses ein. Aber man gebe nicht auf. "Wir verbuchen auch Erfolge", sagt Walter. So sei die Gesundheitsversorgung jetzt deutlich besser als früher. "Wenn jemand dazu beigetragen hat, dann der Lichtblick."

Dass sich der Lichtblick mit dem Zusatz "unzensierte Gefangenenzeitung" schmückt, bedeutet nicht, dass die Redaktion machen kann, was sie will. Die Haftanstalt ist dafür verantwortlich, dass im Knast keine Straftaten passieren. Das gilt auch für das geschriebene Wort. Unzensiert heißt aber immerhin, dass die Redakteure den Lichtblick der Anstaltsleitung nicht vor Erscheinen vorgelegen müssen.

"So eine Zeitung funktioniert nur unzensiert", sagt Lars Hoffmann von der Anstaltsleitung. "Die Berichte sind oft tendenziös. Es gab schon diverse Gelegenheiten, wo wir hätten sagen können: Jetzt ist Schluss." Das wolle man aber nicht. "Der Lichtblick ist ein Ventil zum Dampfablassen für die Gefangenen."

"Es ist ein Ritt auf der Rasierklinge", sagt Redakteur Volker Walter. Nicht jeder Information ist zu trauen. Schlechte oder gar falsch recherchierte Artikel können dem guten Ruf der Zeitung schaden oder, noch schlimmer, das Blatt in seiner Existenz gefährden. Es reicht schon, wenn sich ein Beamter von einer Darstellung beleidigt fühlt.

Im März 2006 war das der Fall. Nach einem Verdachtsfall von Körperverletzung gegen Gefangene durch Beamte hatte die Redaktion die Szene eines Computerspiels auf die Titelseite gesetzt. Sie zeigte, wie ein Beamter auf einen Insassen einprügelt. Die Ausgabe lag schon zur Auslieferung auf dem Lastwagen, als sie von der Anstaltsleitung angehalten wurde.

Die Redaktionszelle ist klein, aber gut ausgestattet. Die Regale sind mit Nachschlagwerken und Zeitungen vollgestopft. Der Verein Freiabos für Gefangene sorgt für die regelmäßige Lieferung von Süddeutscher, FAZ, taz, Tagesspiegel, Zeit, Freitag und Neues Deutschland. Dazu kommen juristische Fachjournale. "Wenn man vorher kein Rechtsexperte war - hier wird man es", sagt Moses. Auch einen Thriller hat der Mann schon veröffentlicht. Der nächste ist in Vorbreitung.

Telefon als Privileg

Moses wird seine fünfeinhalbjährige Haftstrafe Anfang 2010 verbüßt haben. Dann bekommt Walter ein Problem. Einen Nachfolger zu finden wird nicht einfach. Dabei genießen Lichtblick-Redakteure Privilegien, von denen normale Knastinsassen nur träumen. Sie haben zwar keinen Zugang zum Internet, aber ein eigenes Telefon, mit dem sie ungehindert nach draußen telefonieren können. Und sie haben einen Läuferausweis, mit dem sie sich innerhalb der Anstalt frei bewegen können. "Die Insassen schreiben uns über die Hauspost, und wir besuchen sie auf der Zelle", erzählt Walter. "Wir genießen großes Vertrauen", sagt Moses. Nicht nur die Gefangenen redeten sich ihren Kummer und ihre Nöte von der Seele, auch von Bediensteten würden sie angesprochen.

Die Redaktionsräume sind im Knast fast so sakrosankt wie die Kirche. Das Justizpersonal hat keinen Zutritt. Der Spezialschlüssel wird nachts in einem Tresor verwahrt. Die Anstalt verlasse sich darauf, dass in der Redaktion keine Drogen versteckt oder anderweitige krumme Geschäfte gemacht würden, sagt Moses. Auch das macht es so schwer, zuverlässigen Nachwuchs zu finden.

Wenn im Blatt zum hundertsten Mal das vitaminarme Essen im Knast beklagt wird oder die "menschenunwürdige" Besuchsregelung in der Haftanstalt Charlottenburg, dann haben die Redakteure eine Adressatin vor Augen: Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD). "Nachgehakt. Guten Morgen, Gisela!" heißt eine in der Jubiläumsausgabe neu eingeführte Rubrik. In der Kolumne werde man die offenen Fragen immer wieder thematisieren, sagt Moses. Sie seien die Beteuerungen der Anstaltsleitung leid, dass es in Tegel keine Rechtsbrüche gebe. "Es gibt sie, und wir können sie belegen."

Exekutiver Ungehorsam

Wenn ein Gefangener etwa vor Gericht Vollzugsvergünstigungen durchsetzt, diese von der Anstalt aber nicht in die Tat umgesetzt werden, ist das ein Rechtsbruch. Lars Hoffmann von der Anstaltsleitung bestreitet eine solche Praxis: "Wir können Gerichtsbeschlüsse gar nicht ignorieren." Deren Umsetzung aber dauere zum Teil einige Zeit, "sodass bei Gefangenen der Eindruck entstehen mag, die Anstalt halte sich nicht an Beschlüsse". Ein entschiedenes Dementi hört sich anders an.

Der Anwalt des Lichtblicks, Matthias Zieger, kennt es zur Genüge, dass Haftanstalten Urteile ignorieren. "Exekutiven Ungehorsam" nennt er das. Wenn ein normaler Bürger einen Prozess gegen den Staat gewinnt, wird mit der Androhung eines Zwangsgeldes sichergestellt, dass der Staat das Urteil auch umsetzt. Bei Klagen, die den Knast betreffen, gebe es aber keine Zwangsvollstreckung, erklärt Zieger. Im Klartext: Weil der Druck fehlt, passiert nichts. Den Insassen widerfahre so grobes Unrecht, weiß der Anwalt. Zieger hat im Jubiläums-Lichtblick ein Grußwort geschrieben. Er ist ein großer Fan der Zeitung. Das hat nicht nur mit den fundierten Beiträgen zu Rechtsprechungen zu tun. "Außenstehende erfahren, was im Knast los ist."

So wichtig das Lob für die Redaktion ist - die GTO 46 wird davon nicht wieder flott. Selbst der Waffenspezialist von den Hells Angels, der bis zu seiner Verlegung in den offenen Vollzug jedes Problem an der Druckmaschine behoben hat, wäre an der Reparatur gescheitert. Die Greiferwelle ist kaputt. Kostenpunkt: rund 3.500 Euro inklusive Monteurstunden. Der Aufruf - "Vom Jahresanfang bis zum Ende, der Lichtblick bittet um eine Spende" - ist aktueller denn je.

.

„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de