Kommentar Phänomen Hoffenheim

Mein Klub? Der am schönsten spielt!

FC Bayern München spielt am Freitag gegen die TSG 1899 Hoffenheim. Doch es geht dabei nicht um die Gegenwehr des Bonzen-Dorfvereins gegen den Angeberklub aus Schickimicki-City.

Die Bundesliga platzt vor Stolz. Die ganze Welt schaut an diesem Freitag nach Deutschland. Wenn der FC Bayern München gegen die TSG 1899 Hoffenheim spielt, können Fußballfreunde in 168 Ländern das Spiel live im TV miterleben. Wer hierzulande ein Premiere-Abo hat, wird wohl nicht allein vor seinem Bildschirm sitzen. Die einschlägigen Fußballkneipen werden gut gefüllt sein. Würde in Berlin zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor eine Fanmeile abgezäunt für das vorentscheidende Spiel um den Ehrentitel des Herbstmeisters - der Zuspruch wäre gewiss nicht übel. Ein deutsches Ligaspiel wird zum Event.

Und das Erstaunliche: Es geht nicht um den ach so faszinierenden Kampf des superreichen David gegen den wohlhabenden Goliath. Es geht nicht um die Gegenwehr des Dorfvereins eines Bonzen gegen den übermächtigen Angeberklub aus Schickimicki-City. Es geht nicht um die Liebe zu einem erfolgreichen Emporkömmling, nicht um den Hass auf die ewig Erfolgreichen. Es geht - um Fußball.

Das Spiel der Bayern gegen Hoffenheim, es elektrisiert die Fußballinteressierten, weil sie sich großen Sport versprechen. Mit Hoffenheim soll die Schönheit des Spiels Einzug halten in den deutschen Fußballalltag, der oftmals allzu trist daherkommt. Ein typisch deutscher Ligakick ist nur noch denen zu verkaufen, die ihre Seele dem Verein, der gerade vor sich hin stümpert, verschrieben haben, den Unverbesserlichen. Jetzt öffnet sich die Szene auch denen, die nicht mitfiebern, die keine Fanchoräle brüllen, keine Fahnen schwenken wollen.

Mit der Art, wie sich die Hoffenheimer an die Spitze der Liga gespielt haben, ist ein großes Versprechen abgegeben worden: Fußball als ästhetische Bereicherung des Lebens. Sport wird zum Kulturereignis für Genießer. Der geilste Verein muss nicht mehr automatisch der Heimatverein sein, nicht der mit dem größten Trophäenschrank, nicht der mit der längsten Geschichte. Es kann der Klub sein, der am schönsten, am schnellsten spielt. Die Hoffenheimer haben gezeigt, dass sie das können. Die Bayern können zeigen, dass sie mithalten, dass sie genauso schön sein können. Die Genießer werden es ihnen danken.

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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