Nachruf Wolfgang Scheffler

Urgestein Deutscher Forschung ist tot

Der Historiker Wolfgang Scheffler ist im Alter von 79 Jahren gestorben. Er galt als der Nestor der deutschen Holocaustforschung, seine Kolloquien galten als legendär.

Am Dienstagabend ist der Historiker Wolfgang Scheffler im Alter von 79 Jahren gestorben, einer der bedeutendsten deutschen Holocaustforscher. In der Öffentlichkeit ist er nur wenig bekannt geworden, umso mehr jedoch unter denen, die sich besonders für die Geschichte des Menschheitsverbrechens an den Juden interessieren.

Wolfgang Scheffler ist am 22. Juli 1929 in Leipzig geboren worden. Seine streng protestantischen Eltern standen dem Nationalsozialismus fern und waren der Bekennenden Kirche verbunden. Diese Erfahrung, wie auch der Anblick geschundener KZ-Häftlinge in der Endphase des Krieges, prägten den Sohn zeit seines Lebens. So war es nur konsequent, dass er sich 1950 den Zumutungen der neuen Diktatur in Leipzig entzog, in den Westteil Berlins.

An der Freien Universität setzte er sein Studium fort. Geprägt von seinem Lehrer Ernst Fraenkel, promovierte Scheffler 1956 mit einer Dissertation über Parlamentarierdiäten. Doch schon bald fand er zu seinem eigentlichen Lebensthema: die Verfolgung der Juden im Dritten Reich. Nach Forschungen zur Verfolgung der Juden Berlins machte er sich schnell einen Ruf als Experte auf diesem Feld. 1960 erschien seine Broschüre zum Thema Judenverfolgung, für lange Zeit die maßgebliche Darstellung in Deutschland, die schließlich - auch in erweiterter Form - eine Auflage von an die 150.000 Exemplaren erreichte. Kurz danach entsandte das Auswärtige Amt ihn als Beobachter zum Eichmann-Prozess nach Jerusalem.

Im Jahre 1965 begann dann Schefflers lange und entsagungsvolle Zeit als historischer Sachverständiger in den NS-Mordprozessen. Mit Gespür für die juristischen Erfordernisse, vor allem aber mit der ihm eigenen Akribie machte er sich ans Werk. Bald schon sollte er für lange Zeit der einzige Experte in diesen Fragen sein. Nach dem kurzen öffentlichen Boom der NS-Prozesse in den Sechzigerjahren wurde es leer in den Gerichtssälen. Scheffler war zum Einzelkämpfer geworden, materiell auf seine Gutachtertätigkeit angewiesen und zugleich des Öfteren von rechtslastigen Verteidigern mit wüsten Attacken überzogen, die er freilich souverän abwehrte.

Aus dem Prozessgutachter wurde immer mehr der Historiker Scheffler. In unzähligen Expertisen legte er die historischen Hintergründe der Morde frei, ihre Organisation und die Verantwortlichkeiten von Tätern. Die Spannweite seiner Themen reichte von der Deportation der Juden aus Frankreich und Deutschland bis hin zu fast allen zentralen Tatorten in Osteuropa: Ghettos, Zwangsarbeitslager, Vernichtungslager. Wie kein Zweiter verwies Scheffler die Behauptung vieler Angeklagter, sie hätten unter Befehlsnotstand gehandelt, ins Reich der Legende.

Dabei verlor er nie den Blick auf das Ganze, auf das Herrschaftssystem des Nationalsozialismus, auch auf die moralische Katastrophe. Vor allem aber waren seine Analysen unbestechlich, immer auf eine genaue Beweisführung bezogen. Scheffler war einer der Ersten, die bereits in den 1970er-Jahren die Prozessmaterialien auswerteten oder nach Polen in die Archive fuhren. Die einfühlsame Zusammenführung aller damals erreichbaren Erkenntnisse führte ihn immer wieder zu Analysen, die auch heute, nach Jahrzehnten der Detailforschung, noch Bestand haben. Man wird kaum übertreiben, wenn man Wolfgang Scheffler als den führenden deutschen Holocaustforscher bis in die 80er-Jahre hinein bezeichnet.

Erst allmählich fanden seine Ergebnisse Eingang in die Zeitgeschichtsforschung, durch Vorträge und seine Honorarprofessur an der FU. Zugleich sorgte Scheffler für die wissenschaftliche Betreuung der Gedenkstätte in der Wannsee-Villa. Nicht selten meldete er sich wortgewaltig in der Presse, um Spekulationen über den Massenmord entgegenzutreten. Mit seiner Ernennung zum Professor am Zentrum für Antisemitismusforschung 1983 begann Scheffler eine späte zweite Laufbahn. Seine Kolloquien galten als legendär und haben die ganze deutsche Holocaustforschung seither beeinflusst. So beklagte er immer wieder, dass es keine umfassende wissenschaftliche Edition zum Holocaust gebe, ein Projekt, das schließlich 2004 in Angriff genommen wurde. Mit der kleinen Schar seiner Doktoranden gelang es ihm, die Grundlagen für die neue Täterforschung zu legen, so etwa durch Christian Gerlachs monumentale Studie zur deutschen Vernichtungspolitik in Weißrussland.

Scheffler selbst war es nicht vergönnt, alle seine zahlreichen Projekte zu verwirklichen. Zusammen mit Diana Schulle schuf er jedoch ein zentrales Referenzwerk, das Gedenkbuch für die Juden, die 1941/42 aus Mitteleuropa ins Baltikum verschleppt wurden. In den letzten Jahren wurde es still um Scheffler. 2003 traf ihn der Tod seiner zweiten Frau Helge Grabitz, die als Oberstaatsanwältin in Hamburg eine der engagiertesten Ermittlerinnen in Sachen NS-Verbrechen gewesen war. Mit ihr hatte er auch zwei grundlegende Dokumentationen zum Warschauer Ghetto herausgegeben.

Vielen wird Wolfgang Scheffler, der jetzt infolge eines Unfalls starb, als Urgestein deutscher Zeitgeschichtsforschung in Erinnerung bleiben, mit seinem imposanten Auftreten, seiner tiefen Stimme und seiner kategorischen Bestimmtheit. Dass in der Erforschung der schrecklichsten Verbrechen der Geschichte kein Raum für Oberflächlichkeit und Spekulationen bleiben darf, ist sein Vermächtnis.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben