Web 2.0 erfordert neuen Unterricht

Blogs geben Lernen wieder Sinn

Computer und Web 2.0 passen nicht in den alten Unterricht. Sie erzwingen ein neues, partizipatives Lernen, das nicht mehr lehrerzentriert ist.

Neues Lernen: Die Epoche der Buchkultur wird abgelöst durch Interaktivität.  Bild: dpa

Auf den Suchbegriff "Lernen + Neue Medien" liefert Google inzwischen über eine Million Hits. Der Computer tritt in der Schule nicht mehr bloß in den Informatik-Kursen der Oberstufe in Erscheinung. Immer deutlicher wird dabei, dass der Computer mit Internet und Web 2.0 eben nicht in den alten Unterricht hineinpasst. Vielmehr erzwingt er geradezu einen neuen Unterricht.

"Neues Lernen + Medien" bringt immerhin schon 68.000 Treffer. Auf die Frage jedoch, worin das Neue am Neuen Lernen besteht, das durch das das Internet ausgelöst wird, gibt es viele Antworten. Vieles von dem, was "Neues Lernen mit Medien" genannt wird, sind Varianten des Alten Lernens unter Nutzung neuer Instrumente.

Neues Lernen und Neue Medien stellen nicht zwei verschiedene, voneinander unabhängige Dinge dar, die zusammenzubringen wären. Es gibt einen inneren Zusammenhang.

Erstens ist das Internet das Leitmedium der heraufdämmernden neuen Epoche der Wissensgesellschaft -- oder anders: der "Lernkultur". Das Internet ist nicht einfach ein zusätzliches Medium. Es ist das Kommunikations- und Informationsmedium der Epoche - im Unterschied zum Druckerzeugnis als dem Leitmedium der Epoche des Buchdrucks. Das Leitmedium bestimmt die Art und Weise der Informationsverbreitung und der Kommunikation in der jeweiligen Gesellschaft. Es weist älteren Medien einen veränderten Platz in der Informationsbeschaffung und Wissensproduktion zu.

Zweitens sind Medium und Werkzeug zu unterscheiden. Ein Kommunikations-Medium ist nicht einfach nur ein Instrument, ein Gerät wie Radio oder Filmapparat, das relativ folgenlos durch ein anderes ersetzbar ist. Ein Kommunikations-Medium beeinflusst die Kommunikation und die Kommunizierenden selbst! "The medium is the message" (Marshall McLuhan). Die Botschaft des Mediums sind die Auswirkungen, die es insgesamt auf Individuum und Gesellschaft hat. McLuhan verwendet den Begriff "Botschaft" gleichbedeutend mit "Wirkung".

Zu fragen ist also, welche "Message" das Internet für uns enthält. Machen wir uns noch einmal den Unterschied von Web 2.0 gegenüber Web 1.0 klar: War das Web 1.0 "nur" ein unbegrenzter Speicher von Informationen, so ist das Web 2.0 darüber hinaus ein Wissensgenerator, ein Produktions"raum", in dem jeder Benutzer als Produzent von Wissen auftreten kann. In Wikis und Weblog-Gemeinschaften können Schüler in Netzteams Spezialwissen erzeugen, sammeln, verbreiten und gemeinsam an Problemlösungen arbeiten.

Drei zentrale Elemente der "Botschaft" Web 2.0 unterscheiden dieses Medium von früheren:

1. Das Netzprinzip: Überall kann jeder jederzeit mit jedem verknüpft werden und der potientielle Austausch mit allen ist möglich. Dadurch wird sowohl der Austausch von Verschiedenem zu einem Prinzip, als auch die Möglichkeit gegeben, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. So können sich Netzwerke und Praxisgemeinschaften bilden.

2. Das Prinzip der Selbststeuerung (User generated content): Die Vernetzung provoziert die Selbststeuerung und setzt sie zugleich voraus.

3. Das Prinzip des persönlichen Sinns: Das Subjekt und seine individuelle Perspektive auf die Welt erhält ausschlaggebende Bedeutung.

Diese Prinzipien erfordern und ermöglichen nicht nur ein völlig neues Lernen von Individuum und Gesellschaft. Sie verlangen zugleich auch die Entwicklung eines bedeutenden Merkmals demokratischer Gesellschaften - der Partizipation. Um in der "Lernkultur" partizipieren zu können, brauchen die Menschen mehr als die alten Sekundärtugenden.

Die neuen Schlüsselkompetenzen sind die Fähigkeit zur eigenen Sinnbildung und zur Kommunikation in heterogenen Gruppen. Menschen müssen in der Lage sein, selbständig Probleme zu identifizieren und zu lösen. Sie brauchen die Fähigkeit, selbstbestimmt zu handeln.

Das Kommunikationsmedium hat seine eigenen Gesetze, seine eigene Dynamik.

Selbstverständlich kann man ein Weblog auch einfach nur als Werkzeug benutzen und dabei seinen Mediencharakter (seine "Botschaft") ignorieren. Aus den Anfängen der Computerbenutzung kennt fast jeder die Stufe, in der er zunächst den Computer bloß als vorteilhaftere Schreibmaschine mit Speicherfunktion benutzte.

Analog dazu wäre die Verwendung eines Weblogs als digitales Notizbuch anstatt eines Schreibheftes zu sehen - als unterste Stufe der Mediennutzung als Werkzeug. Das Weblog in seinem Mediencharakter genutzt, kann jedoch Lernen nach den neuen Prinzipien ermöglichen: nach dem persönlichen Sinn, selbstbestimmt und interaktiv vernetzt.

Einige Beispiele der Anwendung von Weblogs in Unterricht und Schule gibt es bereits. Sie zeigen verschiedene Stufen der Verwirklichung der neuen Lernmöglichkeiten.

Die Lehrerin einer 2. Grundschulklasse hat ein wunderschönes Blog für ihre Schüler gestaltet. Die Schüler schrieben in dieses Klassentagebuch bis zum Ende ihrer Grundschulzeit hinein, was sie im Unterricht erlebten. Erfreulich, dass die Lehrerin die Beiträge offenbar NICHT vorkorrigiert hat! (http://elefantenklasse.de/startseite/home..../ Elefantenklasse.)

Konrad Glogowski, Englischlehrer in Canada, hat die Schüler seiner 7. Klassen eigene Blogs kreieren lassen. Die Schüler wurden angeleitet, ihr echtes eigenes Blog "hochzubringen" und in der Blogosphäre zu verankern. Das Medium wird dabei nicht pädagogisch verzweckt, als Gerät benutzt, um eine schon vordem bestehende Unterrichtsaufgabe mit neuen Mitteln auszuführen, sondern die Aufgabe ist das Blog selbst.

Die Schüler bloggen nicht zu Unterrichtsthemen, sondern zu einem selbst gewählten (Lern-) Gegenstand, der sie wirklich interessiert und begeistert. Es gab ein Tierschutzblog, ein Afrikablog, ein Menschenrechtsblog und viele weitere.

Die Schüler recherchieren zu ihrem Thema, posten Beiträge, sammeln Links in ihrer Blogroll und besuchen andere Seiten im Netz, die zum selben Gegenstand arbeiten. Dort nehmen sie neue Hinweise und Ideen auf und hinterlassen eigene Kommentare und Trackbacks. Sie werden zu Experten ihres Gegenstands, sie lernen, ein Blog als ihr persönliches Tor zur Welt zu führen und sich mit anderen Experten zu vernetzen. (http://www.teachandlearn.ca/blog/2007/10/27/how-to-grow-a-blog/)

Das Herrman-Vöchting-Gymnasium Blomberg hat sich 2005 seine Homepage (http://gymnasium-blomberg.de) als Weblog eingerichtet. Als ich sie im Netz zum ersten Mal besuchte, war noch wenig los. Man konnte nur ein paar Mitteilungen des Administrators sehen. Inzwischen ist die Seite voller Traffic. Sie ist zum öffentlichen Marktplatz der Schulgemeinde geworden, dient der inneren Kommunikation ebenso wie der Außendarstellung der Schule und enthält mit eingebautem Wiki und anderen Applikationen auch eine Menge Unterrichtsergebnisse.

An diese Beispiele, die sich ständig erweitern, lassen sich viele Fragen stellen: Worin besteht hier das Neue Lernen? Wird hier der Mediencharakter - also die Prinzipien des Web 2.0 - optimal genutzt oder bloß ein instrumenteller Aspekt? Kann es seine Potenziale für eine neue Art des Lernens entfalten? Welche Folgen hat die Mediennutzung für die alte Unterrichtsgestaltung? Worin gerät sie mit ihr in Widerspruch - z.B. was die Raumbedingungen und die Zeitorganisation angeht?

Wo das neue Medium vorerst als bloßes Tool in den Traditionsbetrieb der Schule eingepasst wird, bedeutet das nicht, dass das nicht sinnvoll ist. Denn wir sind notgedrungen im Stadium des Experimentierens. Und auch wenn das Weblog "nur" als Werkzeug genutzt wird, um allen Schülern jederzeit den Zugang zur schriftlichen Formulierung der Aufgabenstellung und des Unterrichtsmaterials zu verschaffen: Es ist im Unterricht angekommen und kann vielleicht wie das Trojanische Pferd seine "Message" herauslassen.

 
15. 10. 2008

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