Lesbische Hiphop-Gruppe

Derber wird's nicht

Die Mädels der lesbischen Hiphop-Combo "Yo! Majesty" rappen über ihre "Cryptonite Pussy" und werden dafür von Hardcore-Rapfans und Pop-Feministinnen gleichermaßen geliebt.

Yo! Majesty ziehen auf der Bühne auch gerne mal ihr T-Shirt hoch. Bild: promo

Preisfrage: Wer profitierte eigentlich von den neuen Tausch- und Sichtbarkeitsverhältnissen im Netz? Die Plattenfirmen, weil sie sich die PR sparen können, wo die virtuellen Promi-AGs jetzt ihre Öffentlichkeitsarbeit über Youtube und Myspace selbst erledigen? Oder den Bands, weil sie ein potenziell weltweites Publikum jenseits der Label- und Anzeigenstrukturen erreichen? Schaut man sich Yo! Majesty an, ein lesbisches, afroamerikanisches Trio aus Tampa Bay, Florida stimmt beides. Yo! Majesty sind das vielleicht derbste Hiphop-Phänomen des Jahres und haben nach großzügiger Song-Verbreitung im Web, einer Support-Tour für die Band The Gossip und einer Handvoll Youtube-Links gerade einen Vertrag bei der Edel-Indierockplattenfirma Matador unterschrieben.

Dass sie ausgerechnet mit der Punkband The Gossip zusammen getourt sind, liegt nicht nur daran, dass diese Gruppe mit der charismatischen Beth Ditto ebenfalls eine lesbische Sängerin hat - der Körpereinsatz auf der Bühne ist das, was die beiden verbindet, die Rapperinnen von Yo! Majesty entblößen auf der Bühne regelmäßig mit der gleichen aggressiven Selbstverständlichkeit ihren Oberkörper wie ihre männlichen Kollegen. In der Geschichte des Musikvertriebs schließt sich gerade ein Kreis. Die Auratiker kommen zurück. Zu Beginn des Musikmarktes existierte sie schon mal, die Zeit der Auratiker, die durch ihre Performances das Live-Publikum begeisterten. Danach, in Zeiten des Radios und des Studios, war die Zeit der Techniker, die als Angestellte von Labelproduktionen ihr Brot verdienten. Seit Filesharing, MP3 und Internethypes die Musik bestimmen, sind die Auratiker wieder dran, die ein Publikum durch ihre Performativität überzeugen, während die Plattenaufnahme ihren Wert verliert. Eine Entwicklung, die Bands entgegenkommt, die mit so hohem Körpereinsatz spielen wie The Gossip oder Yo! Majesty.

In dieser Zeitung hatte einmal Diedrich Diederichsen die These aufgestellt, dass das Rap-Genre aufgrund seines sexistischen Ideologiegehalts nicht mehr zu retten wäre. Nun kann man Hiphop und Rock als strukturelle Urformen des Pop-Maskulinismus verstehen. Doch schon länger vermehren sich die Ausnahmen von dieser Regel. Frauen erobern sich den Hiphop: In Berlin gab es vor einigen Wochen nicht nur dicke Beats und Videos beim popfeministischen Festival "FemmesRUs" im Radialsystem, sondern auch beim Breakdance-Event "We B-Girlz", in dem weibliche Stars aus der internationalen Szene Tanzböden rocken.

Während sich in Deutschland die weibliche Hiphop-Szene gerade mit Selbstvergewisserung und Vernetzung beschäftigt, stehen in den USA die neuen Stars des Female Hiphop hingegen schon bereit. Yo! Majesty sind ein derartiger Traum für Hardcore-Rapfans wie Pop-Feministinnen, Beat-Liebhaber und PC-Nerds. Für Argumente brauchen sie dabei, in den zahlreich im Internet kursierenden Tracks, Youtube-Clips und Minidokus, wenig Anlaufzeit. Diesseits der Rapperin und Produzentin Missy Elliott, der Überfigur des weiblichen Hiphop, muss man schon bis zu Achtzigerjahre-Legenden wie Roxanne Shante zurückgehen, um derartige mächtige Beats, feministische Körperinszenierungen und kompromisslose Raps von einem Frauentrio zu hören und zu sehen.

Die geouteten Lesben beschränken sich trotz ihrer Bündnisse mit der queer-feministischen Subkultur jedoch nicht auf identitätspolitische Distinktion. Sie knallen dir lieber ihren Sound vor den Latz, der neben (Frauen-)Geschichten im täglichen Ghetto-Survival auch zahlreiche Party-Oden an die weiblichen Genitalien enthält. Ihre neue EP heißt nicht umsonst "Cryptonite Pussy". Das klingt wie Lady Ray ohne Bitch und Homophobie oder wie M.I.A. ohne Kunstschulabschluss und Multikulti-Exotik.

Ohne Londoner Connection machen es aber auch Yo! Majesty nicht. Das Produzentenduo Hard Feelings UK beliefert sie mit typisch britischen Beathybriden, mischt Einflüsse von Miami Bass mit Drum & Bass, Grime mit Electro und Hiphop. Das knallt, ohne zu langweilen, geht in Kopf, Bauch und Arsch - und lässt einen zu der Frage meditieren, ob die vermeintlich proletarischen Männer-Genres von Rock und Hiphop gerade von Frauen gerettet werden können. Ähnliches tut derzeit auch die kanadische Electrorockband Lesbians on Ecstasy mit prolligem Stadion-Rave und Hardrock. Die Sichtbarkeit dieser Phänomene ist für queere Popfeminstinnen sicher ein Weg zu neofeministischer Pop-Politik.

.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de