Ein Bett in Berlin (Teil 1)

Die Jugend der Welt, gestapelt

Millionen Touristen strömen jedes Jahr nach Berlin. Die Sparsamen nächtigen in Hostels wie dem A&O am Zoo. Hier langweilen sich Schulklassen aus dem Schwabenland. Und blondierte Schwedinnen nutzen das Zehn-Bett-Zimmer als Ankleideraum für die Nacht.

Es ist Sommer. Alle fahren in den Urlaub. Weg aus Berlin. Oder gerade dorthin. Denn längst ist Berlin zur Touristenstadt mutiert. Allein im Monat Mai übernachteten 728.300 Gäste in Berliner Herbergen. Die taz hat sich ihnen angeschlossen - und eine Reihe von Schlafplätzen in Berlin getestet.

In unserer Serie "Ein Bett in Berlin" berichten wir den Sommer über von knarzenden Betten, Luxussuiten und den Menschen im Hotel.

Mindestens zehn junge Frauen müssen sich hier für einen Disko-Abend aufgestylt haben. Der Laminatboden des Zimmers 210 im A&O Hostel am Zoo ist bedeckt mit zerknitterten Klamotten, Koffern und Deospray-Dosen. Dreckige Socken ragen wie kleine Inseln aus dem Kleidermeer. Dazu schwarz lackierte Stöckelschuhe. Slips. Wahrscheinlich haben pubertär-hysterische Mädchen verzweifelt Kleidungsstück um Kleidungsstück anprobiert, um dann Röcke und Tops achtlos wegzuwerfen und panisch zu rufen: "Was ziehe ich bloß heute an?" Nur zwei Asiatinnen scheint das Chaos in dem hellgelb gestrichenen Zehn-Bett-Zimmer nicht zu kümmern: Sie liegen schon seit 21 Uhr schnarchend in den Betten aus Aluminium. Sie sehen aus wie Gefängnisinventar und knarzen bei jeder Bewegung wie Hölle.

Es ist halb elf. Eine laue Sommerbrise weht durch das offene Fenster. Draußen dämmert es, das Zimmer mit den fünf Etagenbetten und den abgenutzten Wänden ist in ein halbdunkles Licht getaucht. Durch das Fenster dröhnt der Verkehr vom Kudamm. Von den unbekannten weiblichen Mitbewohnern für diese Nacht fehlt jede Spur.

In der Lobby des Hostels ist dagegen viel los. Wer hier Ruhe und Entspannung sucht, ist fehl am Platz. Schulklassen und gestresste Lehrer bevölkern die schwarzen Ledersessel und den Billardtisch. Vor der Rezeption stehen die Gäste Schlange. Dahinter steht Roland Glitsch, der als studentische Aushilfe im Hostel arbeitet. Gerade erklärt er zwei jungen deutschen Touristinnen, wie sie zur Diskothek Q-Dorf kommen. Derweil können sich zwei Freunde aus Amerika nicht entscheiden, welchen Schokoladenriegel sie kaufen wollen. Ein asiatischer Jugendlicher hat kein Schlafzeug dabei - und versteht wegen mangelnder Englischkenntnisse nur schwer den Hinweis von Glitsch, dass Bettwäsche bei A&O Pflicht ist und dass er sich, wenn er keine eigene dabei hat, Bett- und Kissenbezug ausleihen muss.

"Im Sommer ist hier am meisten los", sagt Glitsch. "Dann sind wir schon nachmittags voll." Das Hostel am Zoo hat 550 Betten. Der Besucher kann sich aussuchen, ob er im Einzel-, Doppel- oder Mehrbettzimmer nächtigen möchte. In den sogenannten Dorms schlafen bis zu zehn Leute. Für eine Nacht im Zehn-Bett-Zimmer mit Bad bezahlt der Gast 11 Euro. Bettwäsche kostet 3 Euro extra. Ein einfaches Frühstück in Büfettform mit Brötchen, Müsli und Aufschnitt ist für 6 Euro zu haben. Die Zimmerpreise schwanken je nach Saison und Nachfrage, sagt Glitsch. "Wir haben auch noch ein 16-Bett-Zimmer für die ganz Harten." Darin gibt es einen Platz für die Nacht schon für 10 Euro. Reservieren kann man den Massenschlafraum aber nicht: "Wenn es voll ist, ist es voll."

A&O ist eine deutsche Hostel- und Hotelkette mit Angeboten in Berlin, Hamburg, Leipzig, Dresden, Düsseldorf, München, Prag und bald auch in Wien. In Berlin gibt es neben dem Hostel am Zoo zwei weitere in Mitte und in Friedrichshain.

Von außen sieht das Hostel aus wie eine Mischung aus Plattenbau und hässlichem Betonklotz. Im Erdgeschoss haben sich Dönerladen, Sex-Shop und Spielothek eingerichtet. Die Gedächtniskirche ist gleich nebenan. Das Hostel gibt es hier seit sechs Jahren, erklärt Glitsch. Vorher habe hier, in der ersten Etage des Gebäudes, ein Discounter residiert. "Manchmal kommen immer noch Leute zu uns und fragen nach Aldi", erzählt er. Dabei ist das Einzige in der Lobby, was an einen Supermarkt erinnern könnte, die Größe des Raums. Nicht nur die Ledersessel und der Billardtisch, auch eine Bar, Fahrräder und ein Internetbereich haben hier Platz.

Inzwischen haben es sich vier Jungs auf den Ledersesseln in der Lobby bequem gemacht. Sie mampfen Fastfood. "Ist alles ziemlich spießig hier", meint der eine. Er heißt Lars. Der 16-Jährige trägt ausgewaschene Jeans. Seine bunte Baseball-Kappe sitzt verkehrt herum auf dem Kopf. Das soll ihn älter, cooler machen - er wirkt dennoch wie 13.

Sein Kumpel Tobi erzählt, dass sie aus Stuttgart hierhergekommen sind. Klassenfahrt. Er deutet auf einen Mann im grau-schwarz gestreiften T-Shirt, der an der Bar sitzt. "Das ist unser Lehrer. Wegen dem müssen wir abends schon um elf Uhr im Hostel sein - und das in Berlin!" Nicht einmal zu den Mädchen dürften sie heute aufs Zimmer. "Die machen so ne blöde Mädchenparty", sagt Lars und verdreht die Augen.

Es kommen viele Schulklassen ins A&O, sagt der Rezeptionist Glitsch. Das Hostel sei eine "hochwertigere" Alternative zur klassischen Jugendherberge: "Wir schließen nicht einfach nachts um zwölf die Tür ab. Unsere Rezeption ist rund um die Uhr besetzt." Im Sommer kämen vornehmlich Backpacker zum Übernachten. Ältere Leute ließen sich hier nur selten blicken.

Nach abenteuerlustigen Backpackern sehen die Gäste in der Lobby aber nicht aus. Wer nicht gerade zu einer Schulklasse gehört, unterhält sich dezent oder liest ein Buch. Die Lobby mit ihren sonnengelben Wänden und terracottafarbenen Fliesen hat den Flair einer Arztpraxis.

Die wenigen Abenteuerurlauber haben sich auf die Dachterrasse im zweiten Stock zurückgezogen. In kleinen Grüppchen sitzen sie zusammen, unterhalten sich. Andere wiederum genießen die Aussicht - von der Terrasse kann man direkt auf den Bahnhof Zoologischer Garten gucken. Drei Kanadier aus Toronto sind seit drei Monaten unterwegs in Europa. Nun tauschen sie sich über ihre Lieblingsorte in Berlin aus. "Das Sony Center war cool", sagt Jonah. "So viel Glas. So modern."

Im Treppenhaus lungern Lars und seine Freunde aus Stuttgart herum. Es ist mittlerweile 1 Uhr nachts. Seine lässige Jeans hat der Teenager ausgezogen - er trägt Boxershorts. "Wir wollten gerade ein paar Mädchen aufreißen", sagt er missmutig. "Hat aber nicht geklappt."

Im Zimmer 210 lüftet sich das Geheimnis der gestylten Unbekannten, die den Fußboden mit einem Kleiderschrank verwechselt haben - fünf hübsche junge Mädchen stöckeln auf hohen Absätzen durch den Raum. Sie kauen kollektiv Kaugummi. Ein Schmatzkonzert. Ihre blondierten Haare ähneln den Haaren aus einer Shampoo-Werbung, die Augen sind so schwarz geschminkt, dass man das eigentliche Auge kaum noch erkennen kann. Die Mädels kommen aus Schweden, sprechen aber perfektes Englisch. Sie wollen noch raus in die City, Party machen, Jungs kennenlernen. Vielleicht sollten sie es mit Lars und seinen Freunden probieren.

Am nächsten Morgen scheint die Sonne warm durch die orangefarbenen Gardinen. Das Bad sieht wüst aus. Die Schwedinnen haben hier ihr Territorium markiert: Überreste einer Schminkorgie bevölkern Waschbecken, Toilette und Kacheln - Make-up, Glätteisen, Wimpernzange auf der Ablage, Haare im Ausguss. Die Wasserpfützen vor der Dusche sind dunkel eingefärbt. Da hat wohl jemand seine Schuhe nicht ausgezogen.

Die Schwedinnen schlafen noch - röcheln dabei völlig uncool und haben die Münder im Schlaf geöffnet. Ohne Schminke sehen sie gar nicht mehr so hübsch aus.

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„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

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