Mord in Somalia

Helfer im Visier von Islamisten

Militante Gruppen in Somalia töten derzeit gezielt diejenigen, die sich um Opfer der Gewalt kümmern. Sie glauben, dass Hilfswerke Spione beschäftigen.

Vor Gewalt Flüchtende in Mogadischu Bild: rtr

Mohamoud Mohammed Kheire galt in Mogadischu als Vermittler. Meist saß der Vizechef der von der Diakonie Katastrophenhilfe und Brot für die Welt gegründeten Hilfsorganisation Daryeel Bulsho Guud (Hilfe für alle, DBG) über Abrechnungen gebeugt im Büro. Doch wenn es draußen bei den Hilfsempfängern ein Problem gab, dann sprach der besonnene 60-Jährige mit dem hennagefärbten Haar in aller Ruhe mit den Beteiligten. "Wir müssen jeden Clan, jede Fraktion einbeziehen, nur so kann man in Somalia in Frieden arbeiten", sagte Kheire noch vor einem Jahr. Am Freitag wurde er erschossen. Auftragsmörder töteten Kheire vor seiner Tür, als er von der Arbeit nach Hause kam.

Hinter dem Anschlag, dem dritten auf einen führenden Mitarbeiter einer Hilfsorganisation innerhalb weniger Wochen, stecken militante Islamisten. "Sie haben Angst davor, dass die Hilfsgruppen Spione beschäftigen", erklärt Kheires engster Kollege, DBG-Direktor Abukar Sheikh Ali. Zum Zeitpunkt des Mordes an Kheire war Abukar in Uganda, um seine Familie in Sicherheit zu bringen. "Sonst wäre vielleicht ich jetzt tot."

Nach Mogadischu kehrt Abukar vorerst nicht zurück, die Helfer haben ihre Arbeit in Somalia eingestellt. Daran ändert auch der Protest von tausenden Flüchtlingen nichts, die am Freitag gegen den Mord an Kheire demonstrierten. Hunderttausende leben ohne Hab und Gut im Umland der somalischen Hauptstadt. Sie sind geflohen, weil sich Islamisten und Regierungstruppen, unterstützt von äthiopischen Soldaten, in Mogadischu fast täglich Gefechte liefern. Ein Waffenstillstand zwischen der Regierung und moderaten Islamisten wird vom militanten Islamistenflügel, der Shabaab, boykottiert. Ohne internationale Hilfe bleibt den Flüchtlingen nichts - doch diese Hilfe droht zu versiegen.

Westliche Mitarbeiter trauen sich schon nicht mehr nach Somalia, seit die Privatarmeen verfeindeter Warlords Anfang der 90er-Jahre tote US-Soldaten durch den Staub zogen und die Stadt in Trümmer schossen. UNO und Hilfsorganisationen sind auf ihre somalischen Mitarbeiter oder Partner angewiesen. Doch seit die Shabaab-Milizen seit einigen Wochen gezielt die Helfer ins Fadenkreuz genommen haben, fliehen auch die Somalis. Mitte Juni wurde Mohammed Mahdi, der Chef einer lokalen Kinderhilfsgruppe, ermordet. Vor einer Woche wurde der Direktor des UN-Entwicklungsprogramms, Osman Ali Achmed, erschossen.

Abukar glaubt, dass ein Luftangriff der US-Armee Ende April das Misstrauen der Islamisten geweckt hat. Damals war einer ihrer prominentesten Anführer, Aden Hashi Ayro, ums Leben gekommen. "Die Shabaab glaubt, dass Helfer die Koordinaten von Ayro weitergegeben haben." Die EU-Vertretung in Nairobi rief kurz darauf in einem internen Rundschreiben alle europäischen Organisationen in Somalia zu extremer Wachsamkeit auf.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de