Fotograf Hiroshi Sugimoto stellt in Berlin aus

Was bleibt am Ende übrig?

Mit seinen Bildergruppen wurde der japanische Fotograf Hiroshi Sugimoto international bekannt. Nun sind seine komplexen Versuchsanordnungen in der Neuen Nationalgalerie Berlin zu sehen.

"Zu viele Informationen führen ins Nichts", sagt Hiroshi Sugimoto. Bild: dpa

Der Meister redet gern und viel. Ganz im Gegensatz zu seinen Bildern, die stets eine so transzendentale Ruhe ausstrahlen, dass schnell von Zen die Rede ist. Schließlich kommt Hiroshi Sugimoto aus Japan, lebt aber schon seit den 1970er-Jahren in New York. In der Retrospektive, die ihm die Berliner Neue Nationalgalerie gerade widmet, kommt Sugimoto ausführlich zu Wort. Die Wandtexte zu den einzelnen Werkgruppen hat er selbst verfasst. Auch in den beiden Filmen, die in der Ausstellung laufen, spricht er fast ausschließlich allein. Angela Schneider, seit 36 Jahren Kuratorin an der Neuen Nationalgalerie, verabschiedet sich mit diesem inneren Monolog des Fotografen in den Ruhestand.

"Ich führe gewöhnlich Selbstgespräche", führt Sugimoto zu seiner Serie "Theaters" aus, "eine innere Frage-Antwort-Sitzung." Die Bilder sind Resultate komplexer Versuchsanordnungen. Theoretisches Gedankenspiel und praktisches Experiment. Am Ende bleibt eine Reihe von dunklen, opulent ausgestatteten Kinosälen. Die strenge Zentralperspektive setzt den Fokus auf eine blendend weiße Leinwand, die ihre eigene rechteckige Begrenzung auratisch überstrahlt.

Sugimoto hat hier einen ganzen Film auf einem Foto fixiert, vom Anfang bis zum Abspann, sodass die Überlagerung der Lichtbilder nur mehr ein blendend reines Weiß hinterlässt und das Kino in ein unwirkliches Halbdunkel taucht, in dem die Zuschauer verschwinden. Alle Bewegung wird getilgt.

Oder wie Sugimoto es ausdrückt: "Zu viele Informationen führen ins Nichts." Das ist nicht zwangsläufig zen-buddhistisch zu verstehen, sondern auch als ironische Frage danach, was bleibt. Er sucht nach essenziellen Informationen, welche die Zeit überdauern, und reiht sich damit ein in eine ganz westliche Kunstgeschichte des Sublimen.

Erhabener Überwältigung durch die Natur gibt sich Sugimoto in der Serie "Seascapes" hin. Auf der Suche nach Urzeitlichkeit ist er mehrmals rund um die Erde geflogen, zu den antiken Meeren der Welt. Antik kann ihm freilich jedes Meer werden, selbst der Bodensee. Ausschlaggebend ist nur die Idee, dass das Meer im Unterschied zum Land, welches ständig seine Form wechselt, unveränderlich bleibt. Das Pathos dieser Vorstellung setzt er rein formal um. Die Querformate sind immer von einem hohen Punkt aus aufgenommen. Die Kamera hat er so justiert, dass der Horizont genau mit der bildhalbierenden Waagerechten zusammenfällt. Ein probates Mittel in der Kunst. Gerhard Richter hat es bei seinen Seestücken genauso gemacht. Caspar David Friedrich ebenfalls. Zum Vergleich zeigt die Ausstellung eine romantische Meerlandschaft, gegen deren Naturalismus Sugimotos Reihung wie Minimal Art erscheint. Eine Variation über Grauwerte dargestellt an der kristallenen Kälte des Japanischen Meers oder der Ägäis im Dunst.

Natürlich sind auf Sugimotos Seelandschaften keine Schiffe zu sehen. Auch Menschen tauchen nicht auf, selbst in den Porträts nicht. Hier fotografiert er lieber Wachsfiguren von Madame Tussaud, die halten besser still. Ein Raum zeigt König Heinrich VIII. von England im Kreise seiner sechs Frauen. Sie wirken menschlicher als die wächsernen Originale. Sugimoto simuliert das Licht der Renaissance und schließt den Kreis: Wir kennen das Antlitz des berüchtigten Herrschers, Frauenhelden und Kirchenspalters vor allem durch Bilder Hans Holbeins d. J., der als Heinrichs Hofmaler amtierte und auch einige seiner Gemahlinnen porträtierte. Die wiederum dienten den Handwerkern des Wachsfigurenkabinetts als Vorlagen. Sugimoto bedient sich nun des etabliertesten Mediums zur Konservierung des Bilds der Wirklichkeit, der Fotografie, um diese Modelle so abzubilden, als seien es reale Menschen.

Wie Zwiebelschalen schichten sich die verschiedenen Realitätsebenen und warten nur darauf, aufgeblättert zu werden. Eine seiner interessantesten und gleichzeitig sprödesten Serien setzt sich mit mathematischen Formen auseinander: Rotationskörpern, Helikoiden und Hypersphären. Nach geometrischen Formeln gefertigte Gipsskulpturen, die den Abstraktionen der Mathematik Gestalt verleihen. Den plastischen Nachbildungen der Perfektion schlechthin haften jedoch auch Hinterlassenschaften einer persönlichen Künstlerhandschrift an und Spuren der Zeit. Die für jede Skulptur notierten Funktionen stimmen nicht mehr wirklich. Für ihre Ungenauigkeiten und abgesplitterten Kanten bietet die idealisierte und in ihrer unbedingten Korrektheit erhabene Formel keinen Raum. Sugimoto fotografierte die Plastiken im gleichen weichen Licht wie seine Porträts und beweist neben dem Respekt vor Naturwissenschaft und Kunsthandwerk Humor. Mit dem sogenannten Onduloid, eines gleichmäßig an und abschwellenden Rotationskörpers, präsentiert er nebenan eine Metallskulptur, die kokett auf einem runden Sockel steht, schlank emporwächst und dann in einer der unnachahmlich plumpen Deckenplatten der Neuen Nationalgalerie verschwindet. Eine Hommage an Constantin Brancusis Endlose Säule.

Sugimotos Wunsch, in der oberen Halle auszustellen, wurde zwar nicht entsprochen. Doch die Schauräume im Untergeschoss bieten ihm einerseits die Möglichkeit, seine Leuchtkästen "Lightning Fields" spektakulär zu inszenieren, andererseits auf den sonst hinter Vorhängen verborgenen Skulpturengarten zu reagieren. In der seltenen Einheit von Garten und Raum offenbart der Mies-van-der-Rohe-Bau wahrhaft buddhistische Qualität.

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