Sudan steht vor neuem Krieg

Bald ist Darfur überall

Noch ist die Darfurkrise nicht bewältigt, da zerbricht auch der Frieden zwischen arabischem Norden und afrikanischem Süden. In Sudan droht ein neuer, verheerender Konflikt.

Bild: dpa

SÜDSUDAN taz Hassan und John stehen immer noch fassungslos vor dem garagengroßen Lagerraum, in dem Zementsäcke gestapelt sind. Alle Läden auf der Geschäftsstraße der Stadt Rumbek im Südsudan sehen so aus: ein fensterloser Raum aus unverputztem Beton, in dem die Händler ihre Waren verstauen und den sie nachts mit schweren Metalltüren sichern. Bis vor einer Woche haben die Kenianer Hassan und John die Waren von hier auf ihrem Truck für Hilfsorganisationen bis nach Abyei gebracht: der Stadt, die im faktisch geteilten Sudan die Grenze zwischen dem autonomen Süden und dem von Khartum regierten Norden markiert.

Krieg vor der Volksabstimmung

"Aber dann haben uns Soldaten an einer Straßensperre aus dem Lastwagen gezwungen", berichtet John, als könnte er es selbst noch nicht fassen. Mit ihren Kalaschnikows entführten sie den leeren Wagen in Richtung Kaserne. Der Truck, so erfuhren sie später von angetrunkenen Soldaten, war wenig später auf dem Weg nach Abyei - voll mit Soldaten der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLA). Die ehemalige Rebellentruppe regiert Südsudan seit 2005 autonom.

In Abyei wird wieder gekämpft. Gut drei Jahre ist es her, dass Sudans Regierung mit der südsudanesischen Guerilla SPLA nach 22 Jahren Krieg Frieden schloss. Damals, im Januar 2005, erhielt der Südsudan Autonomie unter SPLA-Führung. Eine Volksabstimmung soll 2011 entscheiden, ob Südsudan vollends unabhängig wird, und schon für 2009 sind freie Wahlen in ganz Sudan geplant. Aber je näher diese Daten rücken, desto mehr regt sich wieder bewaffneter Konflikt. Offen ausgebrochen ist er jetzt in der Provinz Abyei an der Grenze zwischen Nord und Süd, mitten in Sudans Ölgebieten. Über Abyeis Zugehörigkeit zu Nord oder Süd sollen die Bewohner bei einer Volksabstimmung in drei Jahren entscheiden. Seit dem Friedensvertrag stehen hier Einheiten beider Seiten - und führen nun gegeneinander Krieg.

Als der UN-Sonderbeauftragte für den Sudan, Ashraf Qazi, in einer Feuerpause das Zentrum von Abyei in Augenschein nahm, lag es bereits in Schutt und Asche. Die Hälfte der Stadt, schätzt er, ist zerstört. Nicht anders im Umland. Die Bewohner, die es nach langer Flucht bis ins als sicher geltende Buschland schafften, haben alles verloren.

"Die Kämpfe haben so plötzlich begonnen, dass die Bewohner Hals über Kopf geflohen sind", berichtet der Österreicher Andreas Papp von Ärzte ohne Grenzen. Mindestens 60.000 Menschen sind im Busch auf der Flucht. "Die Leute haben nichts mitnehmen können, sie haben nichts anzuziehen, nichts zu essen, nichts zu trinken und keinen Schutz gegen den Regen." Allein in Agok, der nächsten nennenswerten Siedlung 50 Kilometer südlich von Abyei, zwängen sich bereits 24.000 Flüchtende in ein Dorf, wo sonst 2.000 leben, sagt der Mediziner.

Ärzte ohne Grenzen versorgt vor allem Kinder. Wenn sich herumgesprochen hat, dass die Mediziner mit ihren Geländewagen da sind, kommen auch die Ängstlichen aus dem Busch gekrochen. "Wir haben in den vergangenen Tagen gut 140 Verwundete mit Gefechtsverletzungen behandelt", bilanziert Papp. Unterernährung, Augen- und Atemwegserkrankungen, die sich im feuchten Unterholz schnell ausbreiten, diagnostiziert er am häufigsten.

Papp hat schon in Darfur gearbeitet. Dort war es besser, meint er. "In Darfur gibt es Lager, die gut organisiert sind, hier ist alles noch im Fluss. Die Hilfe läuft erst an." In der beginnenden Regenzeit versinken die wenigen Straßen und Landepisten schnell im Matsch.

Reitermilizen wie in Darfur

Politisch stehen die Zeichen auf Sturm. "Sudan steht am Rande eines neuen Bürgerkriegs", wettert SPLA-Generalsekretär Pagan Amum und warnt davor, dass das 2005 mit Khartum unterzeichnete Friedensabkommen zur Makulatur wird. "Die Soldaten aus dem Norden haben mehr als 100.000 Angehörige der Dinka-Ngok-Ethnie vertrieben und ganze Dörfer niedergebrannt, das sind ganz klar ethnische Säuberungen."

Den unter starkem internationalem Druck ausgehandelten Friedensvertrag ignoriert Khartum weitgehend. Die in der Hauptstadt regierende Partei von Sudans Präsident Omar Hassan el-Beshir weigert sich, einen im Vertrag stehenden Schiedsspruch zu akzeptieren, der die Ölfelder von Abyei im Süden verortet. Eine im April durchgeführte Volkszählung in ganz Sudan, Grundlage für Volksabstimmungen, wurde seit Dezember von Regierungsseite torpediert. Ähnlich wie in Darfur kamen arabischstämmige Reitermilizen zum Einsatz, ausgerüstet von der Regierung, um die schwarzafrikanische Bevölkerung des Dinka-Volkes aus Abyei zu vertreiben.

In Abyei und der weiter östlich gelegenen Grenzregion Unity steht für Präsident Beshir weit mehr auf dem Spiel als in Darfur. Hier konzentriert sich fast alles Öl des Sudan - allein in Abyei ein Achtel der Tagesproduktion. Wenn die Dinka, traditionelle Hauptstütze der SPLA, in Abyei bleiben, so befürchtet man in Khartum, werden sie das Gebiet bei der Volksabstimmung 2011 dem Süden zuschlagen. Die Ölquellen, die derzeit von chinesischen Firmen ausgebeutet werden, wären für Khartum verloren, wenn die parallel geplante Volksabstimmung über die Zukunft Südsudans insgesamt wie erwartet die Unabhängigkeit besiegelt. Massenvertreibungen, im Sudan seit Beshirs Putsch immer ein politisches Mittel, gilt vielen Mächtigen in Khartum als kleiner Preis.

Kurz nach einem überraschenden Blitzangriff von Darfur-Rebellen auf die Hauptstadt selbst muss Beshir außerdem Stärke zeigen. Zugute kommt ihm, dass die SPLA im Süden immer mehr an Rückhalt verliert. Über drei Jahre nach Beginn des offiziellen Friedens hat Rumbek, einst Hauptquartier der SPLA und heute Heimat von mindestens 200.000 Menschen, noch immer keine asphaltierte Straße. Bombenkrater, die die Angriffe sudanesischer Kampfjets während des Krieges überall hinterlassen haben, verwandeln das Wegenetz bei jedem Regenguss in eine Seenlandschaft. Trotz kräftig fließender Hilfsgelder hat sich die Stadt im Herzland der Dinka, Südsudans größter Bevölkerungsgruppe, kaum entwickelt.

Nicht nur ausländische Helfer machen dafür die SPLA-Autonomieregierung verantwortlich. "Wenn wir etwa über Probleme im Gesundheitssektor diskutieren, ist von den zuständigen Behörden nie jemand dabei", berichtet ein Arzt, der seit drei Jahren für Hilfsorganisation in Rumbek arbeitet. "So als wären wir dazu da, das Land aufzubauen."

Die Treffen, bei denen sich die Helfer mit den Regierenden in Rumbek wöchentlich beraten, muten an wie Sitzungen von Politbüros in längst vergangenen Zeiten. In dem schmucklosen Flachbau sitzen Helfer auf stapelbaren Plastikstühlen und lassen sich von Exsoldaten, die mittlerweile zu Abteilungsleitern aufgestiegen sind, erklären, was sie zu tun haben. Als ein Unicef-Mann zu fragen wagt, warum das einzige Gymnasium der Stadt seit Wochen geschlossen ist, wird der SPLA-Vertreter aus dem örtlichen Bildungsministerium sauer: "Das ist doch Ihre Aufgabe als humanitäre Organisationen, sich um solche Angelegenheiten zu kümmern."

Intern ist die SPLA zudem heillos zerstritten. Hinter den Kulissen des jüngsten Parteitags, der vor einer Woche in einer eigens errichteten Versammlungshalle für mehr als tausend Delegierte stattfand, wurde vor allem darüber diskutiert, ob man einen eigenständigen Südsudan anstreben oder in der losen Allianz mit dem Norden verbleiben will - unter anderem wegen der schätzungsweise zwei Millionen Südsudanesen, die in und um Khartum leben.

"Parteichef Salva Kiir hat sich beim Parteitag öffentlich für die Einheit ausgesprochen, aber das wird er nicht durchhalten können", schätzt ein Delegierter aus Rumbek die Lage ein. Das Zünglein an der Wage, so glaubt er, werden die USA sein. "Es gibt eine US-amerikanische Holding, die vom Armeechef selbst darin unterstützt wird, nach der Unabhängigkeit nicht weit von Abyei nach Öl zu bohren", behauptet er.

Dass private Firmen im Auftrag der US-Armee die ehemaligen Rebellen im Südsudan aufrüsten, weiß in Rumbek jeder. Hier sitzt die zum weltweit größten Rüstungskonzern Lockheed Martin gehörende PAE Group. Ein weiteres Unternehmen, das der US-Armee nahesteht, ist DynCorp, deren Vizepräsident vor zwei Jahren öffentlich bekannt gab, man werde aus den Guerillakämpfern eine professionelle Armee machen.

So formieren sich Sudans Kriegsparteien neu. Die Kämpfe in Abyei, so glaubt ein UN-Mann in Rumbek, seien erst der Anfang. "Egal wie schwach die SPLA sein mag: Die USA werden nicht zulassen, dass Khartum einen neuen Krieg für sich entscheidet."

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