Grüner Ortsverband in den USA

Blau-rot-weiße Sonnenblume

Bündnis 90/Die Grünen expandieren in die USA: Ein neuer Ortsverband in Washington soll es dort lebenden Landsleuten ermöglichen, die grüne Politik zuhause mitzugestalten.

T-Shirts mit seinem Logo – "mit Ökotinte bedruckt" - gab es bereits vor dem Ortsverband selbst. Bild: bündnis 90/grüne washington dc

WASHINGTON taz "Klasse!", "Toll", "Prima Timing": Als der Bremer Umweltsenator Reinhard Loske am Sonntagabend, kurz nach 19.30 Uhr, im Washingtoner Goethe-Institut die eben vollzogene Gründung des ersten Ortsverbands von Bündnis 90/Grüne außerhalb Europas verkündete, gab es erstmal heiteres Gelächter. Loske war als Ehrengast und Gründungspate angekündigt worden, weil er an diesem Wochenende zufällig die US-Hauptstadt wegen einer Urbanisierungs-Konferenz besuchte. Er meinte, den „Mantel der Geschichte“ wehen zu fühlen - nicht nur, weil da der erste Ortsverband einer deutschen Partei auf amerikanischem Boden gegründet worden sei, sondern "weil die Gründungsregularien einstimmig verabschiedet wurden".

Dass Loske zum Paten dieses historischen Momentes wurde, ist nur konsequent: Beide Initiatoren des OV Washington - der Klimaexperte der Heinrich-Böll-Stiftung Washington, Arne Jungjohann, sowie der Weltbankmitarbeiter Thomas Müller - hatten zuvor mal bei Loske in der Bundestagsfraktion gearbeitet. Beide Männer wurden auch gleich zu Sprechern des Ortsverbandes: Weil keine der drei Frauen unter den acht Mitgliedern ihnen diese Rolle streitig machen wollte. Zu den Sonnenblumen auf den Stehtischen gab es auch schon das fertige Logo: Eine im blau-rot-weiß, den amerikanischen Farben, gehaltene Sonnenblume mit einigen gelben Blütenblättern. Und wer wollte, konnte auch gleich das passende T-Shirt – "mit Ökotinte bedruckt" - für zehn Dollar erstehen. Die Leibchen waren übrigens schon fertig, als der Ortsverband noch gar nicht Gestalt angenommen hatte.

Die Idee hatten Jungjohann und Müller im vergangenen Sommer, beim Feuerwerk-Gucken am US-amerikanischen Unabhängigkeitstages. "Wir stellten fest, dass wir beide beeindruckt von den Leuten waren, die wir hier trafen", sagt Thomas Müller der taz. "Von den Deutschen, die sich der grünen Politik nahe fühlen, die aber frustriert davon sind, dass sie in Washington so viele tolle Ideen aufnehmen, die aber nicht zurücktransportieren und zuhause in die Politik einbringen können."

Jungjohann, der die Gründung schließlich organisierte, will demnächst einen Antrag bei den Grünen stellen, dass der OV Washington, zunächst noch Teil des Ortsverbandes Berlin Mitte, den Status eines Kreisverbandes erhält. Denn erst dann "können wir in Berlin auch Anträge stellen, über die dann laut Satzung diskutiert werden muss". Organisatorisches Vorbild ist der Grünen-Ortsverband Brüssel, der erste internationale OV der Bündnisgrünen überhaupt. Anscheinend, aber so genau hatte das an diesem Abend niemand recherchiert, habe sonst nur noch die FDP auf Mallorca einen Ortsverband.

Jungjohann stellt sich innerparteilich-transatlantische Debatten vor zu Themen wie eine rpositiveren Sichtweise der Globalisierung, der Bedeutung internationaler Politik, der deutschen Rolle in der Welt oder auch dem Anti-Amerikanismus, der "ab und an in den Grünen-Debatten immer wieder hochkommt". Er und die anderen Washingtoner Mitglieder wollen zudem etwas von dem nach Hause zurückbeamen, was sie "die typisch amerikanische Bereitschaft zum Engagement" nennen, die auf einer geringerern Erwartungshaltung gegenüber dem Staat gründe.

Erste Anfragen auf Mitgliedschaft gibt es schon. Dazu drei, die sich zunächst als Aktive engagieren wollen, aber ihren heimatlichen Landesverbänden zunächst treu bleiben wollen. Einer der ersten US-Bürger, die sich fürs Mitmachen interessieren, ist Carey Campbell, Vorsitzender der "Unabhängigen Grünen" im Bundesstaat Virginia. Campbell arbeitete einst als AFN-Reporter in Deutschland, war befreundet mit Petra Kelly und Gert Bastian und ist ein Fan der deutschen Grünen. "So etwas wird gebraucht und benötigt. Es ist das perfekte Timing für die USA, denn nach den Wahlen wird das Interesse an grünen Themen richtig Konjunktur haben", prophezeit er in perfektem Deutsch.

Erste positive Rückmeldungen aus der politischen Heimat gab es noch am Stehtisch selbst. Zufällig in der Stadt und daher auch Gast war der Landesvorsitzende der Grünen in Baden-Württemberg, Daniel Mouratidis. "Ich finde das klasse", sagt der 30-Jährige, der Montag an einem dreiwöchigen Besuchsprogramm des US-State departments teilnimmt. "Der neue Ortsverband gibt uns die Möglichkeit, Ansprechpartner in Washington zu finden und auch von dem Fachwissen zu profitieren, welches sich bei den Mitgliedern hier ansammelt." Das werde helfen, den kritischen grünen Blick auf die USA zu schärfen.

Eine, die gleich Mitglied geworden ist, ist Helga Flores-Trejo, Leiterin des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in Washington. "Die Gründung zeigt, dass es eine Menge junger Leute gibt, die sich engagieren wollen, die aber längst ganz internationale Biographien haben und mal ein Jahr in Mexiko arbeiten, dann in Indien und dann wieder in den USA." Dass diese Gründung gleich einen neuen Stil habe, das zeigten die T-Shirts und das Logo. "Das ist anders als der klassiche Ortsverein. Darauf wird sich die Partei in Zukunft einstellen müssen", sagt FLores-Trejo: "Auch das Engagement internationalisiert sich."

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