Unruhen in Tibet

Entsetzen in der Götterstadt

Weder die Mönche noch die Militärpolizei: Der Gewaltausbruch in Lhasa ist wohl dem Frust einer neuen Generation junger Tibeter geschuldet. Ein Bericht aus Tibets Hauptstadt

Noch ist die Zahl der Toten und Verletzten in Lhasa nicht wirklich bekann. Bild: ap

LHASA taz Zehn Jahre, länger haben die Chinesen nicht gebraucht, um aus Lhasa die erste Großstadt in der langen Geschichte Tibets zu machen. Doch an nur einem Tag ist der neureiche Glanz von der alten Götterstadt wieder abgefallen. Jetzt liegen fast sämtliche der zahlreichen neuen chinesischen Geschäfte der Stadt in Trümmern. Man wird ihnen den Glanz schnell wieder auftragen. Bis dahin aber hat Lhasa eine kleine Chance, sich seines neuen tibetisch-chinesischen Wesens bewusst zu werden. Denn es gibt jetzt ein allen Bürgern der Stadt gemeinsames Entsetzen über die Gewaltexplosion am vergangenen Freitag. Alle ahnen, dass der Gewaltausbruch in erste Linie weder den demonstrierenden tibetischen Mönchen noch der eilig herbeigerufenen chinesischen Militärpolizei geschuldet ist, sondern dem Frust einer neuen Generation junger Tibeter.

1750: Einmarsch der Chinesen nach antichinesischem Aufstand in Lhasa

1904: Britische Militärexpedition nach Lhasa, Flucht des Dalai Lamas nach Peking

1909/10: Rückkehr des Dalai Lamas, erneute Flucht vor chinesischen Truppen nach Indien

1912: Vertreibung der letzten chinesischen Truppen aus Tibet

1913-1949: De-facto-Unabhängigkeit Tibets

1950: Chinas Volksbefreiungsarmee marschiert in Tibet ein

1959: Volksaufstand gegen die Chinesen in Lhasa, Flucht des Dalai Lamas nach Indien.

1965: Proklamation der Autonomen Region Tibet, die 60 Prozent des traditionellen Gebiets umfasst

1966-1976: Zerstörung der meisten tibetischen Klöster während Chinas Kulturrevolution.

1985: Öffnung Tibets für den Massentourismus

1987-89: Unruhen in Tibet, Verhängung des Kriegsrechts, Dalai Lama erhält Friedensnobelpreis

1990: "Lhasa 2000"-Plan zur massiven Ansiedlung von Chinesen und Zerstörung tibetischer Viertel

1996: Verbot von Dalai-Lama-Bildern in Tibet

2000: Flucht des Karmapa Lamas nach Indien

2006: Eröffnung der Eisenbahn Qinghai-Lhasa

10. März 2008: Beginn friedlicher Proteste von Mönchen in Lhasa. Nach chinesischer Repression antichinesische Gewalt meist junger Tibeter HAN

"Die tibetischen Jugendlichen hatten zu viel Langeweile", sagt eine chinesische Majongkneipenbesitzerin, deren versteckte Gaststube nur durch Zufall unversehrt blieb. Sie mahnt, die Sorgen der rebellierenden tibetischen Jugendlichen um gleiche Jobs und gleiche Bildung ernst zu nehmen. "Die chinesischen Geschäftsleute zu verjagen, ist keine Lösung. Ohne sie können wir wirtschaftlich nicht bestehen", sagt ein dreiunddreißigjähriger tibetischer Bauarbeiter zu zwei jungen Tibetern, die an den Protesten teilnahmen. Gleichwohl hat der Mann alles Verständnis für die Revolte der Jugend.

Das sind die vernünftigen Stimmen, die in Lhasa durchaus zu vernehmen sind. Doch sie haben es naturgemäß schwer, sich unter dem Eindruck des Schreckens Gehör zu verschaffen.

Lhasa ist jetzt eine besetzte Stadt. Das Militär ist überall, es hat die Metropole der Mönche in eine Garnisonsstadt verwandelt. Mag die Führung in Peking auch betonen, dass in Lhasa dieser Tage nicht die reguläre Volksarmee, sondern nur die bewaffnete Militärpolizei zum Einsatz kommt - es macht keinen Unterschied. So wie diese Militärpolizei hier aufmarschiert, gleicht sie einer vollausgerüsteten Armee. Mit kilometerlangen Fahrzeugkolonnen, die tausende schwerbewaffneter Polizisten transportieren, ist sie in die Stadt eingezogen.

Bis Montagabend standen ihre schweren, gepanzerten Kettenfahrzeuge zu Dutzenden im allerheiligsten Bezirk der Stadt, auf dem großen Platz vor dem Jokhang-Tempel. Der Tempel zählt zu den wichtigsten buddhistischen Pilgerstätten Tibets. Hierher strömen an normalen Tagen die vielen Gläubigen aus allen Teilen der Autonomen Region Tibet, wie China seine Himalaja-Provinz nennt. Sie knien vor den Außenwänden des Tempels nieder, verharren stundenlang im Gebet. Es sind alltägliche Szenen größter religiöser Hingebung, welche die Polizeibesatzung jäh unterbindet. Am Dienstag ist der Platz vor dem Tempel zwar wieder geräumt und von Polizisten saubergefegt. Doch an den Zufahrten stehen immer noch die Panzerfahrzeuge mit ihren bedrohlichen Geschützvorrichtungen. An ihnen sind neue politische Parolen angebracht: "Separatismus ist Unglück, Stabilität ist Glück". Über einer Gasse hängt das Spruchband: "Ethnien vereinigt euch! Lasst uns gemeinsam gegen die kriminellen Taten des Dalai Lama kämpfen!"

Als der Reporter den Tempelvorplatz betritt, wird er von einem Einsatzleiter zurückgerufen. Der Mann herrscht darauf seine Wachen an, keine Ausländer mehr durchzulassen. Doch auch die Einheimischen werden auf Schritt und Tritt kontrolliert. An jeder Straßenecke müssen die Passanten ihre Ausweise vorzeigen. Auch die kleinsten Gassen werden an ihren Ausgängen von Militärpolizisten bewacht. Man stolziert durch die Deckenlager der Uniformierten auf den Bürgersteigen. Ein Militärpolizist sagt, dass seine Truppe rund um die Uhr am Platz bleibt.

Viele Tibeter reagieren schockiert. Sie hocken schweigend zusammen in kleinen Restaurants, trinken schwarzen Tee mit Yakmilch und schauen das staatliche chinesische Fernsehen in tibetischer Sprache. Der Sender beginnt jetzt mit der Fahndung nach gewalttätigen Demonstranten. Er zeigt Videobilder, auf denen das Gesicht des mutmaßlichen Täters rot eingekreist ist. Den tibetischen Zuhörern macht das Angst. Sie fürchten Massenverhaftungen. In einem Lokal nahe dem Potalapalast erzählen die Gäste von Verletzten in ihrer Nachbarschaft, die aus Angst vor Festnahmen nicht zum Krankenhaus gehen. Aber über Ursachen und Perspektiven des Protests wollen sie nicht reden. Sie zucken zusammen, als vor dem Lokal zwei Polizisten in blauer Kleidung auftauchen. Die Polizisten reißen die weißen buddhistischen Gebetsschals ab, die jedes tibetische Geschäft traditionell zur Begrüßung der Kunden über Eingang und Fenstern aufhängt. Aus Angst greift die Wirtin zum Küchenmesser, läuft nach draußen, entfernt die letzten Reste des Schals von ihren Fenstern und zieht den metallenen Rollladen herunter. "Warum habt ihr Angst?", ruft einer der Polizisten. "Jetzt ist alles sicher. Wozu braucht ihr dann noch eure Gebetstücher?"

Es ist offenbar eine geplante Racheaktion der Behörden. In der Straße des kleinen Lokals sind die chinesischen Läden alle verwüstet. Jetzt nimmt man den tibetischen Läden im Gegenzug ihren buddhistischen Schmuck. Einen ganzen Sack voll solcher Seidenschals schleppen die Polizisten ab.

Die Wirtin im traditionellen lila Kleid ist außer sich. Aber langsam beruhigt sich die kleine Runde in ihrem Lokal und kommt nun doch ins Gespräch. Von den großen Veränderungen Lhasas erzählt jener Bauarbeiter den zwei jungen Männern, die bei ihm sitzen. "Die Stadt ist doch sinisiert worden", sagt er nachdenklich. Früher hätte man viel mehr Tibetisch gesprochen. Nun esse jeder gerne chinesisches Essen. Er selbst bevorzuge inzwischen auch die Sichuan-Küche. Man möchte wissen, was die Jungen darüber denken. Aber sie bleiben stumm, und der Bauarbeiter spricht für sie. Er sagt, dass sie nur wenige Jahre auf dem Land zur Schule gegangen, dann in die Stadt gekommen seien und nun keine Arbeit fänden. Auch weil sie nicht gut genug chinesisch sprächen. Aber wie kann man ihnen das jetzt vorhalten? In diesem Moment brausen sechs chinesische Armeelaster mit frischen Truppen durch die kleine Straße vor dem Lokal stadteinwärts.

Die beiden Jungs in Jeans und Lederjacken waren am Freitag unter den Aufständischen. Woher kommt ihre Gewaltbereitschaft? Denn bei aller Unerträglichkeit und Unangemessenheit des chinesischen Militäraufgebots - das Ausmaß der Verwüstungen in Lhasa ist kaum weniger erschreckend. Alles ist kaputt und verbrannt: Supermärkte, Hotels, Banken. Kilometerlange Straßenzüge voller kleiner Handwerks- und Lebensmittelläden haben sich in ein einziges Trümmerfeld verwandelt. Auch vier Tage nach den Protesten liegt ein beißender Brandgeruch über der Stadt. Nur mühsam kommen die Aufräumarbeiten voran, um die sich jeder chinesische Ladenbesitzer selbst kümmern muss. Versichert waren sie alle nicht.

Eine durch Ausschreitungen zwischen Chinesen und Tibetern verwüstete Gasse in Lhasa Bild: ap

Vor einem kleinen Drogerieladen liegt eine schwere, zentimeterdicke Eisentür auf dem Bürgersteig, an der drei große Vorhängeschlösser ungeöffnet baumeln. Der chinesische Ladenbesitzer kann nicht begreifen, mit welcher Kraft die Tür geöffnet wurde. Noch viel weniger versteht er die Motive der Revolte. "Den Tibetern geht es doch auch besser als früher. Ich habe hier nur tibetische Kunden", wundert er sich. In seinem Laden steht keine Shampooflasche mehr neben der anderen. Die Glasregale an den Wänden sind zertrümmert, die ganze Verkaufsware liegt zertreten auf dem Fußboden. Damit sei er wohl bankrott, sagt der Besitzer. Vor zwei Jahren habe er das Geschäft aufgebaut, in einem Jahr wollte er genug verdient haben, um wieder in seine Heimat zurückzukehren.

So wie er machen es viele Chinesen in Lhasa: Sie kommen hierher, um rund um die Uhr zu arbeiten und so viel zu verdienen, dass sie sich ein besseres Leben woanders einrichten können. Für immer bleiben will in Lhasa kaum ein Chinese. Ist das der Grund, warum die Revolte der Tibeter die Geschäftsleute so überraschte? Jedenfalls hört man bei ihnen mehr Verzweiflung als Wut heraus. Schließlich müssen sie sich um die Bestrafung der Täter nicht kümmern. Das erledigt die Polizei. Wohl aber müssen sie ihre tibetischen Kunden zurückgewinnen.

Lhasa ist eben keine Industriestadt, sondern eine Handelsstadt.

Deshalb ist sie groß geworden, ist längst mehr als die Tempelstadt um Jokhang und Potala. Bis hin zu den Rändern ihres breiten flachen Flusstals hat sich Lhasa ausgedehnt, dort, wo sich das berühmte Drepungkloster an einen steilen Berghang schmiegt. Die Mönche des Drepung- und Seraklosters und des Jokhangtempels haben letzte Woche mit den Demonstrationen begonnen. Aber sie waren nicht unter den Randalierern. Trotzdem bleiben sie von der Militärpolizei in ihren Gottesstätten eingeschlossen. Sonst bevölkern die Mönche in ihren auffallenden Gewändern die Straßen der Stadt, bestimmen ihre öffentliche Atmosphäre. Jetzt sind sie spurlos verschwunden. Nur vor der Bergauffahrt zum Drepungkloster stehen zwei Kuttenträger und verhandeln mit der Straßenwache.

Za Ye, 44 Jahre, und Dang Zhi, 33 Jahre, sind mit der neuen tibetischen Eisenbahn aus der Provinz Qinghai gekommen, um ihren Glaubensgenossen in Lhasa im Protest beizustehen. Eigentlich verabscheuen sie die Eisenbahn, weil sie ein Werk ihrer Gegner ist. Diesmal aber musste es schnell gehen. Jetzt stehen sie am Ziel ihrer langen Reise, bepackt nur mit einer dünnen Stoffumhängetasche und einem leichten Puma-Rucksack. Doch der Weg zum Koster bleibt ihnen versperrt. Za und Dang hatten nichts anderes erwartet. Sie klagen nicht und sagen: "Dieser Aufstand ist ein historisches Ereignis. So etwas hatten wir seit langem erwartet."

Sie wissen noch nicht, wo sie die Nacht verbringen werden, aber sie lassen sich gerne zum muslimischen Eintopfgericht mit viel Lammfleisch einladen. Nur in ihrem Kloster wahren sie die buddhistische vegetarische Diät. In ihrem Kloster gibt es achtzig Mönche, es liegt sehr abgelegen, noch nie war dort ein Ausländer zu Gast. Sie sind sehr gut über die Ereignisse informiert. "Wir dürfen nicht nach Indien, aber wir bekommen regelmäßig aus Indien Besuch", sagen sie, ohne den Namen des Dalai Lamas oder der tibetischen Exilregierung in Indien zu erwähnen. Sie bleiben vorsichtig und machen doch ihren Auftrag glasklar: "Mönche initiieren und organisieren den Protest. Das ist unsere Rolle", sagen sie. Obwohl sie ganz aus dem Abseits der Berge kommen, sind sie die Einzigen, die der Reporter in Lhasa über die Olympischen Spiele reden hört: "Ja", sagen sie, "unser Protest hängt mit den Olympischen Spielen zusammen."

Man kann sich nicht vorstellen, dass die eingeschlossenen Mönche in den Klöstern der Stadt anders reden. Die Klöster sind die alten politischen Zentren des Lamaismus. Ihre Beziehungen zur Exilregierung versuchen die kommunistischen Behörden seit Jahrzehnten mit den ausdauerndsten und brutalsten Methoden zu kappen. Doch es gelingt ihnen nie. Die Mönche sind genügsam. Vom neuen Reichtum der Stadt wollen sie nichts abhaben. Wenn sie protestieren, dann geordnet und mit klaren politischen Forderungen wie in der vergangenen Woche: "Unabhängigkeit Tibets! Rückkehr des Dalai Lamas!", haben sie gerufen. Mit der spontanen Revolte der tibetischen Jugendlichen hatte das wenig gemeinsam. Nie würden zwei so gediegene, selbstkontrollierte Herren wie Za und Dang ihre weiten dunkelroten Roben gegen Jeans und Lederjacke tauschen.

Dasselbe aber gilt auch umgekehrt für die aufbegehrenden Jugendlichen. Ihre politischen Motive mögen unklar bleiben, ihr westlicher Chic aber ist ein unumkehrbares Statement.

Derzeit beherrscht das chinesische Militär die Straßen von Tibets Hauptstadt. Bild: dpa

Das alles muss sich also irgendwie unter den goldenen Dächern des Potalapalasts zusammenfinden: der hochpolitisierte Klosterstand, die dynamische chinesische Geschäftswelt, das militaristische kommunistische Kadertum und die neue Generation urbaner Tibeter. Kein Wunder, dass es am Freitag richtig geknallt hat.

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