Gropiusstadt I

Die ganze Welt in einem Viertel

Trotz des Bevölkerungswandels ist die Gropiusstadt noch immer ein Ort mit "Wir-Gefühl" - und ein Gegenentwurf zu Nord-Neukölln. Das belegt ein Dokumentarfilm, der am Samstag Premiere hatte.

Als die Filmemacher Klaus Eisenlohr und Johann Zeitler 2006 ihre Wohnung in der Gropiusstadt bezogen, wussten sie nur das, was der Großsiedlung im Süden von Neukölln an Ruf vorauseilt - nämlich gar keiner. Marzahn und Hellersdorf kennt man als soziale Brennpunkte und Experimentierfelder für Abriss und Stadtumbau Ost. Aber die Gropiusstadt? Liegt irgendwo zwischen Rudow und Neukölln - gut. War einmal das Zuhause von Christiane Felscherinow, bekannt als Christiane F., eines der "Kinder vom Bahnhof Zoo" - vergessen. Hat mit den Gropiuspassagen die größte Shopping-Mall Berlins - geschenkt.

Gute Bedingungen also für Künstler, denn als solche haben Eisenlohr und Zeitler seinerzeit die Wohnung im Sollmannweg 2 - das Haus hat 23 Geschosse und 135 Mietparteien - bezogen. Im Rahmen des "Pilotprojekts Gropiusstadt", für das die Wohnungsbaugesellschaft Gehag eine Wohnung für "artists in residence" zur Verfügung stellt, wollten sie herausfinden, welches Bild die Bewohner selbst von ihrer Siedlung haben. Das Ergebnis ist ein 60-minütiger Dokumentarfilm, der am Samstag im Gemeinschaftshaus Gropiusstadt uraufgeführt wurde.

Drei Bilder statt einem

Natürlich beginnt der Streifen mit einem Rap, und natürlich kommen auch die Rentnerinnen zu Wort, die sich über Kriminalität und Handtaschenraub beklagen. Eindimensional sind solche Sequenzen freilich nie, dafür sorgt schon die filmische Umsetzung von "zwischen/stadt/raum". Statt eines Bildes auf der Landwand gibt es drei, sodass das Auge des Betrachters gezwungen ist, zwischen den Bildern hin- und herzuspringen. Was in der einen Einstellung noch ernst klingt, wird in der nächsten, wenn der Interviewte im linken oder rechten Bild auftaucht, durch eine Geste nicht selten relativiert. Es ist dieser Blick auf Körpersprache, Beiläufiges und Nebensächliches, das den Streifen von Eisenlohr und Zeitler zu einem vielstimmigen Porträt des "Kiezes" macht, wie ihn mancher Bewohner nennt.

Überhaupt ist Heimat ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch den Film zieht. Wenn die Rapper nicht mehr cool sein müssen, sondern auf der Wiese lümmeln und ihren Gedanken Lauf lassen, steht nicht selten der Vergleich an: Wir und die, wir in Gropiusstadt und die in Neukölln. Ganz spießig werden sie plötzlich, die Jungs, und freuen sich über die zahlreichen Grünanlagen und Parks, die es in Neukölln nicht gibt. Und über die bunte Vielfalt ihrer Siedlung: "Das ist das Zusammenleben der Kulturen hier, schau mal, der ist Libanese, das ist ein Palästinenser, der ist Türke und ich bin Algerier." In den Worten einer Mittfünfzigerin, die in den 80er-Jahren aus Schlesien in die Gropiusstadt kam, klingt das durchaus ähnlich: "Ich bin in eine Gegend mit Hochhäusern gekommen, und was habe ich gefunden: Die ganze Welt in einem Viertel."

Es ist eine ganz besondere Heimat, von denen die Bewohner im Film erzählen, aber es ist auch eine erarbeitete Heimat. Denn die wenigsten wollten freiwillig in die Hochhäuser, die in den 60ern rechts und links der Lipschitzallee aus den Kornfeldern gestampft wurden. Walter Gropius, der Architekt des Bauhauses in Dessau, wollte nach der Rückkehr aus der Emigration in den USA in Berlin eine Siedlung mit menschlichem Antlitz schaffen - eine Art Verlängerung der Britzer Hufeisensiedlung nach Süden. Doch dann baute die DDR ihre Mauer und Westberlin war eingeschlossen. Statt in die Fläche musste die Gropiusstadt in die Höhe wachsen. Noch heute ist das Wohnhochhaus Ideal mit seinen 32 Stockwerken und 89 Metern Höhe einer der höchsten Wohntürme in Deutschland.

Doch das ist es nicht, was die Gropiusstadt von den Großssiedlungen im Osten oder vom Märkischen Viertel im Norden unterscheidet. "Das Besondere ist die Nachbarschaft, die sich entwickelt hat", sagt Mathias Geyer, der mit seinem Verein Stadtleben die verschiedenen Projekte im Stadtteil zu vernetzen versucht. "Noch immer wohnen hier viele, die in den 60ern hergezogen sind. Aber auch zwischen den neuen Gropiusstädtern entstehen Nachbarschaften." Und wo das wegen der Sprache oder der Kultur zunächst nicht funktionieren will, da hilft Stadtleben nach.

Starke Identifikation

Oder die Kunst. Bereits 2002 haben Birgit Schumacher und Uwe Jonas mit ihrem "Pilotprojekt Gropiusstadt" begonnen. "Anfangs mussten wir die Künstler noch aus dem Freundeskreis rekrutieren", erinnert sich Schumacher, "doch inzwischen ist das Interesse riesig." Wie Eisenlohr und Zeitler müssen die Künstler zwei Wochen in der Gropiusstadt verbringen, ein Honorar gibt es nicht, abendliche Ausflüge in den Prenzlauer Berg sind unerwünscht. Dafür ergeben sich ungewöhnliche Einblicke an einem ungewöhnlichen Ort. Und immer wieder diese Überraschung, die Eisenlohr stellvertretend für seine Künstlerkollegen ausdrückt: "Ein solche Identifizierung mit dem Viertel hatten wir nicht erwartet."

Nicht nur das libanesisch-palästinensisch-türkisch-algerische Rapperteam bekennt sich in Eisenlohrs und Zeitlers Streifen zur Stadtlandschaft im Süden Neuköllns, sondern auch ein deutscher Jugendlicher in seinem Lieblings-Döner. "Gropius? Das ist ne schöne Gegend. Unsere Gegend kann ich nicht sagen. Es ist ne offene Gegend. Gropius ist offen." Heimat macht auch ihre Schwierigkeiten, aber offen ist ein Wort, auf das sie sich einigen können in Gropiusstadt.

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„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

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