Schriften zu Zeitschriften

Hannah Arendt und die 68er

"Mittelweg 36" veröffentlicht einen Brief Hannah Arendts von 1967 an einen jungen Studenten. Ihre Botschaft an die 68er: Lernt, limitiert zu denken!

"Tante Hannah". Bild: dpa

"Tante Hannah" wurde sie von ihren linken Chicagoer Studenten Ende der Sechzigerjahre ironisch genannt. Denn altmodischer als die Philosophin Hannah Arendt konnte man in jener Zeit kaum erscheinen, als Herbert Marcuse zum kalifornischen Erweckungsprediger für die bewegte akademische Jugend weltweit mutierte und Jean-Paul Sartre in Paris das Megafon als Argumentationshilfe entdeckte. Zwar attackierte auch Arendt das amerikanische Vietnam-Abenteuer und reaktionäre Auswüchse. Doch politisch-philosophisch blieb sie ihren an der antiken Polis-Demokratie entwickelten republikanischen Idealen treu.

Dabei hatte Tante Hannah ihre persönlichen Beziehung zur Linken: Ihr Ehemann Heinrich Blücher war bereits Anfang 1919 Mitglied der KPD geworden, aus der er zwar 1928 aus Protest gegen die Stalinisierung austrat, aber darüber nie zum lauten Renegaten wurde. Und Daniel Cohn-Bendit, der sie in Amerika besucht hatte, war der Sohn eines befreundeten Paares aus ihrer Pariser Emigrationszeit: "Ein ausgesprochen guter Kerl", so Arendt in einem Brief an Karl Jaspers. Das Verhältnis der Linken zu Tante Hannah ist eine komplizierte Beziehungsgeschichte.

Mittelweg 36, die Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, hat nun zwei Briefe in Faksimile veröffentlicht, versehen mit einem Kommentar von Wolfgang Kraushaar. Aus ihnen kann man Hannah Arendts Haltung zu den 68ern ablesen. Hans-Jürgen Benedict, heute Professor an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit in Hamburg und damals 25-jähriger Doktorand der Theologie, hatte am 3. Juni 1967 einen Brief an die "sehr verehrte, gnädige Frau" aufgesetzt. Es war, wie er ihr schreibt, der Tag, an dem er vom Tod Benno Ohnesorgs erfahren hatte. Seine Fragen seien also "kaum mehr akademisch", die Notwendigkeit einer Weltveränderung "uns Studenten" klar - Arendts Antwort würde "unsere Opposition stärken". Benedict kritisiert in seinem Brief Arendts Begriff des Politischen als "Verkleinerung des Problems" und fragt: "Ist aber die soziale Frage heute nicht zu der eigentlich politischen Frage geworden?"

Arendts ausführliche Antwort auf dreieinhalb Schreibmaschinenseiten an den ihr persönlich unbekannten jungen Deutschen stammt vom 25. November 1967. Ihr Brief ist eine schöne Unterweisung in Pädagogik, politischer Urteilskraft und Engagement. Gerne gesteht sie Irrtümer zu und macht sich Sorgen um die amerikanischen Irrwege: "Meine Loyalität gehört dieser Republik, nicht dem Land." Die "Pax Americana" sei ein "imperialistischer Alptraum, aber eben auch nur ein Traum". Launig, aber beinhart in der Sache ist Arendt jedoch, wenn sie gegen den Welterlösungswahn der Studenten angesichts der Leiden in fernen Ländern argumentiert: "Das, scheint mir, ist eine Art umgekehrter Größenwahnsinn." Wenn nach dem Abzug der Amerikaner sich "die Vietnamesen gegenseitig die Gurgeln durchschneiden, werde ich mich wenigstens nicht im mindesten verantwortlich fühlen." Den westdeutschen Studenten schreibt sie ins Stammbuch: Die Grenzen eigener Verantwortlichkeit nicht anzuerkennen, sei Größenwahnsinn, "auch wenn er sich hinter sehr erhabenen Gefühlen verbirgt. Und er ist in der Politik, und nicht zuletzt in Deutschland, sehr gefährlich."

Aufgaben gibt es genug: "Ihre Verantwortung ist, zu verhindern, dass in Deutschland unwürdige Zustände herrschen und dass Studenten, die demonstrieren, totgeschossen werden."

Arendts scheinbare Nüchternheit entspringt dem leidenschaftlichen Kern ihres Denkens: "Man kann nicht die Welt verändern, weil man kein Weltbürger sein kann; und zur Verantwortung für die Welt überhaupt neigen zumeist Leute, die aus verständlichen Gründen die Verantwortung für das, was in ihrer Welt geschieht, scheuen." Nachdem Benedict ihr sofort einen radikaleren, leider hier nicht abgedruckten Antwortbrief schrieb, in dem er Auschwitz und Vietnam verglich, endete der Kontakt mit der jüdischen Philosophin. Kurz angebunden, versagte sich Arendt dem Wunsch nach einer Veröffentlichung der Briefe. Fatalerweise haben die 68er Arendts Einsicht, die sie in dem Brief so pointiert formuliert hatte, erst spät begriffen: "Worauf es politisch ankommt, ist limitiert denken lernen."

 

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