Musikwissenschaftler über elektronische Musik

"Es sieht aus wie Legosteine"

Was macht eigentlich ein Laptopmusiker? Ein Gespräch mit dem amerikanischen Musikwissenschaftler Mark Butler über den modularen Charakter elektronischer Musik.

Musik-Software: "Kleine Elemente, die aussehen, wie Legosteine" Bild: dpa

taz: Brian Eno hat einmal gesagt, wir seien alle damit aufgewachsen, fast ausschließlich elektronische Musik zu hören, schließlich sei jede aufgenommene Musik elektronisch. Sie haben gerade ein halbes Jahr als Musikwissenschaftler an der American Academy in Berlin verbracht und in der Berliner Technoszene recherchiert. Was ist Ihre Vorstellung von elektronischer Musik?

Mark Butler: Meine Forschung drehte sich vor allem um elektronische Tanzmusik, eine bestimmte Musiktradition, die um die vielfältige Praxis des Tanzens in Clubs entstanden ist. Trotzdem ist das natürlich richtig. Fast alle Musik ist heute elektronisch vermittelt. Was elektronische Tanzmusik wiederum besonders interessant macht. Denn hier ist die elektronische Vermittlung besonders offensichtlich.

Als Hauptunterschied zwischen elektronischer Tanzmusik und Pop wird immer wieder der zwischen Song und Track angeführt. Stimmt das? Und wie würden Sie diesen Unterschied beschreiben?

Das ist eine Frage, die tatsächlich viele der Künstler beschäftigt, mit denen ich gesprochen habe. Was sie dann normalerweise sagen, ist, dass der Song, der in einer Poptradition steht, einen bestimmten Aufbau hat: Vers, Refrain, Bridge. Die Struktur eines Tracks dagegen basiert auf Loops und ist grundsätzlich repetitiv. Sie mag bestimmte Aufteilungen haben, aber sie ist weniger festgelegt als in einem Popsong.

Sie beschreiben elektronische Musik als modular. Was heißt das?

Wenn ich sage, dass elektronische Musik modular ist, spreche ich von ihrer Struktur - auf den verschiedensten Ebenen. Grundsätzlich baut sich elektronische Musik aus vielen kleinen Mustern oder Modulen auf, die relativ ähnlich und auswechselbar sind. Da wäre auf der alleruntersten Ebene der Loop. Der Loop ist die fundamentale strukturelle Einheit dieser Musik. Ein kurzes, repetitives Muster. Loops sind so geschrieben, dass man sie ohne Probleme mit anderen Loops kombinieren kann. Der einzelne Loop ist meist unauffällig. Was die Bassdrum oder die Snare machen, ist meist austauschbar. Das gibt dem Künstler aber große Flexibilität, wenn er das Zusammenspiel dieser Elemente organisiert und sie in immer neuen Weisen zusammenfügt. Dies ergibt dann größere Elemente. Das sind dann viertaktige oder achttaktige Einheiten, die sich wie Module zu Tracks zusammenbauen lassen. Und wenn ein DJ Platten auflegt, kann man die Tracks selbst auch wieder als Module verstehen. Es geht darum, diese zu kombinieren. Davon handelt diese Musik.

Was für eine Rolle spielt die Software, mit der die Künstler arbeiten?

Ich glaube, dass die modulare Struktur dieser Musik zuerst da war und die Software dementsprechend entwickelt worden ist. Wenn man sich ein Programm wie Ableton Live anschaut, das die überwiegende Zahl der Laptopkünstler nutzt, dann ist sie ganz klar modular. Es gibt diese kleinen Elemente, die man Clips nennt und die aussehen wie kleine Kästchen - wie Legosteine, wenn man so will. Diese Software ist sehr wichtig. Sie erlaubt es den Künstlern, die Möglichkeiten eines Aufnahmestudios mit auf die Bühne zu nehmen und damit in Echtzeit zu bearbeiten.

Die meisten Künstler arbeiten mit schon aufgenommenen Sounds, anstatt selbst Sounds aufzunehmen. Warum?

Es gibt die in der elektronischen Musik sehr verbreitete Idee, dass Sound etwas Aufgenommenes ist. Das ist tatsächlich etwas ganz anderes als in der klassischen Musik, wo man von Noten ausgeht. Hier beginnt man mit kleinen, aufgenommenen Einheiten und verwandelt diese in etwas anderes, Größeres.

Klang ist also eines der zentralen Elemente von elektronischer Musik?

Sicher. Klang ist ein zentrales Element. Das andere ist Rhythmus. Als drittes käme die Textur dazu, das Gefüge: wie sich die Dinge entwickeln, wie die verschiedenen Muster hineinkommen und hinausgehen.

Verändert das die Art, wie wir über Komposition nachdenken?

Mich beschäftigt die Frage musikalischer Identität. Und da bietet die elektronische Musik sehr viele Möglichkeiten an. In die Performance eines Künstlers in der elektronischen Musik fließen etwa bestimmte Dinge ein, die vorher festgelegt sind. Wie die Aufnahmen, die er auf seinem Laptop hat oder die Stücke auf den Platten eines DJs. Diese fließen dann aber in Improvisationen ein. Daraus ergibt sich eine interessante Spannung. Wenn ein DJ etwa ein Stück spielt und dies in ein anderes Stück übergehen lässt, entsteht etwas merkwürdiges Neues, das man auf Englisch Third Record nennt: ein virtueller Track, der aus dem Zusammenspiel von zwei Platten hervorgeht. Physisch gibt es die Third Record nicht, trotzdem ist sie da, man kann sie hören, sie ist real. Das erzählt uns etwas über musikalische Identität. Ähnliches passiert, wenn Laptopkünstler sich während ihres Auftritts selbst aufnehmen und diese Aufnahmen dann wieder benutzen. Es gibt also diese Idee, dass Aufnahmen Musik fixieren. Und das tun sie auch. Gleichzeitig handelt elektronische Musik davon, dass genau dies dazu führt, dass Musik sich verändert, sich weiterentwickelt.

Wenn in der elektronischen Musik improvisiert wird, wie muss man sich das vorstellen?

Die Laptopkünstler haben verschiedene Herangehensweisen. Auf der einen Seite gibt es die, die mit einem sehr offenen Konzept arbeiten. Die nutzen meist vorbereitete, kurze Loops, vielleicht auch ein paar Presetsounds, also Klänge, die zu den Voreinstellungen der Programme gehören. Mit diesen Elementen spielen sie dann herum. Improvisieren mit ihnen. Auf der anderen Seite gibt es die Künstler, die ihre bereits veröffentlichten Stücke live einfach noch mal spielen. Normalerweise verändern sie die dann ein bisschen, kombinieren sie mit anderen Stücken. Wobei sich die meisten Künstler zwischen diesen beiden Polen bewegen.

Wo liegen die Unterschiede zur Improvisation im Jazz?

In beiden Genres wird mit vorgefertigten Elementen gearbeitet. Im Jazz ist das der Song, über den improvisiert wird. In der elektronischen Musik sind das die Tracks oder die Elemente, aus denen sie sich zusammensetzen. Ein Unterschied ist die Zusammenarbeit mit anderen Musikern. Jazz ist eine Musik, die fast immer aus der Kollaboration von Musikern entsteht. Das ist in der elektronischen Musik nicht so: Da ist es meistens nur ein einzelner Künstler, der spielt.

Wo ist in diesem Modell das Publikum?

Wenn man so will, gibt es in der elektronischen Tanzmusik eine Rückkoppelungsschleife zwischen Performer und Publikum. Das Publikum ist sehr wichtig für den Verlauf, den ein Auftritt nimmt. Allen Künstler, mit denen ich gesprochen habe, ist diese Verbindung sehr wichtig. Auch denen, die sehr abstrakte Musik spielen. Allerdings hat das Publikum keinen direkten Einfluss: Nur weil sie in einer bestimmten Art und Weise tanzen, legt ein DJ noch lange keine bestimmte Platte auf.

Ist das dann der "Szenius", der in der Popkritik gerne ins Feld geführt wird, anstatt des alten Genius?

Dieser Begriff ist mir nicht vertraut. Aber es gibt ein paar Worte, die die Szene und die Aura eines Ereignisses beschreiben: am üblichsten der Vibe, den eine Performance hat. Das heißt, dass die Sache hier und jetzt passiert und einzigartig ist. Und ohne das Publikum geht das natürlich nicht. Das sieht man, wenn man etwa einen leeren Club betritt. Die Musik mag wunderbar sein, ein perfekter Auftritt: Aber wenn niemand da ist, gibt es keinen Vibe.

INTERVIEW TOBIAS RAPP

 

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