Kommentar Organspende

Finanzieller Anreiz ist okay

Der Protest gegen neue Modelle zur Organspende ist übertrieben. Die Option einer kleinen Belohnung wird nicht im "Organhandel" enden.

"Ich hab mein Herz verschenkt", lautet der Titel einer Broschüre, mit der junge Organspender gewonnen werden sollen. Das Wortspiel klingt hübsch, aber mit "sein Herz verschenken", also sich verlieben, hat die Organspende nichts zu tun. Doch was ist die Spende dann? Darüber ist ein interessanter Streit entflammt.

Im Gespräch ist der Vorschlag der Medizinethikerin Alena Buyx, dass Menschen, die auf einem Organspendeausweis ihre Bereitschaft zur Entnahme im Todesfall bekunden, kleine geldwerte Vorteile erhalten sollen. Der Vorteil könnte ein Bonus bei einer Versicherung sein oder ein Zuschuss zu den Beerdigungskosten, der die Angehörigen entlasten würde. "Ein fataler Schritt", protestierte Ärztekammerpräsident Jörg-Dietrich Hoppe. So etwas würde die "Tür zum Organhandel" öffnen.

Um "Organhandel" handelt es sich aber noch lange nicht, wenn in indirekter Form ein paar hundert oder vielleicht tausend Euro gewährt werden, damit jemand einen Organspendeausweis ausfüllt und bei sich trägt. Auch für das Blutspenden gibt es bei manchen Stellen eine kleine Aufwandsentschädigung. Bei einem regelrechten "Organhandel" fließen bekanntlich ganz andere Summen.

Gibt es die Option der kleinen Belohnung, wird immer noch jedem Menschen die freie Entscheidung überlassen, sich zum Organspender zu erklären oder nicht. Die Option wäre sogar freier von moralischem Druck als die viel diskutierte "Widerspruchslösung". Käme das Widerspruchsmodell, müssten die BürgerInnen zu Lebzeiten ausdrücklich erklären, dass sie als Organspender nicht zur Verfügung stehen. Sonst werden im Todesfall automatisch Organe entnommen.

Anstatt also jede Verbindung von Körperpolitik und Geld anzuprangern, wäre es ehrlicher, zuzugeben, dass es diese Verquickung längst allerorten und viel dramatischer gibt: etwa in der Zweiklassenmedizin. Die Motivation, einen Organspendeausweis wirklich auszufüllen und bei sich zu tragen durch Marktelemente wie eine kleine Belohnung zu erhöhen, muss zumindest diskutiert werden dürfen.

 

Redakteurin für Sozialpolitik und Gesellschaft im Inlandsressort der taz. Schwerpunkte: Arbeit, Psychologie, Alter, Flüchtlinge. Bücher: "Schattwald", Roman (Piper, August 2016). "Können Falten Freunde sein?" (Goldmann 2015, Taschenbuch), davor die Hardcover-Version: "Älter werden ist viel schöner, als Sie vorhin in der Umkleidekabine noch dachten" (Mosaik Goldmann 2012).

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