Großayatollah verkündet

Frauen dürfen zurückschlagen

Das geistige Oberhaupt der Schiiten im Libanon kritisiert die anhaltende Gewalt von Männern gegenüber ihren Frauen - und erklärt sie zur Sünde.

Wenn diese Frauen sich selbst verteidigen, haben sie den Segen des Großayatollahs. Bild: dpa

"Eine muslimische Frau darf in Selbstverteidigung zurückschlagen, wenn sie von ihrem Mann geschlagen wird". Mit diesem aufsehenerregenden Fatwa ging nun der einflussreichste schiitische Geistliche des Libanon, Sayyed Muhammad Hussein Fadlallah, an die Öffentlichkeit. Anlass für sein islamisches Rechtsgutachten war der am Wochenende von der UNO ausgerufene "Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen".

Jede Art von Gewalt, und selbst harsche Worte gegen eine Frau, seien eine Sünde, heißt es in der Erklärung zur Fatwa. "Diese Taten werden von Gott abgerechnet und vom Islamischen Recht bestraft". Fadlallah bezeichnet physische Gewalt gegen eine Ehefrau als "Zeichen der Schwäche des Ehemannes".

Der 72jährige Fadlallah im Rang eines Großayatollahs steht Libanons 1,2 Millionen Schiiten als geistiges Oberhaupt vor. Sein Einfluss reicht aber auch über den Libanon auf andere schiitischen Gemeinden hinaus. Er gilt auch als der spirituelle Kopf der Hisbollah. Obwohl er die Ideale der Islamischen Revolution im Iran unterstützt, ist er auch bekannt für seine liberalen Rechtsauslegungen zum Status der Frau. Mehrfach hat er sich auch gegen die Praxis von Ehrenmorden ausgesprochen.

In seiner jetzigen Fatwa heißt es weiter: "Wenn der Ehemann Gewalt anwendet, um die Frau in ihrem rechtlichen und ehelichen Status zu unterdrücken, wenn er Geld für die häuslichen Ausgaben zurückhält, oder wenn er keine sexuellen Beziehungen zur Ehefrau unterhält, dann kann diese ihm die Rechte entziehen, die in ihrem Ehevertrag festgelegt sind". Frauen seien immer noch Opfer männlicher Gewalt, obwohl sie inzwischen zu den obersten sozialen und politischen Rängen, selbst bis in die höchste Regierungsebene, aufgestiegen sind, bemängelt der Großayatollah. "Egal ob als Schwester, Tochter oder Ehefrau, Frauen sind immer noch der männlichen Dominanz ausgeliefert", fügt der Hisbollah-Scheich hinzu und ruft zum "Ende der physischen, sozialen, psychologischen Gewalt gegen Frauen" auf.

Staatlichen Statistiken über häusliche Gewalt gibt es im Libanon nicht. Nur wenige Fälle geraten an die Öffentlichkeit "Der libanesische Rat gegen Frauengewalt", eine Nichtregierungsorganisation, verzeichnet über ihre Hotline jährlich mehr als 200 Fälle. "Wir danken Fadlallah, dass er sich mit dem Problem befasst, Gewalt gegen Frauen grundsätzlich abgelehnt und die Frauen aufgerufen hat, nicht stillzuhalten", erklärt die libanesische Frauenrechtlerin und Vorsitzende des Rates gegen Frauengewalt, Laura Sfeir. "Ich hoffe, dass die Fatwa jetzt nicht dazu führt, dass sich die Eheleute prügeln", erklärt sie süffisant und fügt hinzu: "Der beste Schlag zurück, ist immer noch das Rechtsystem. Das wichtigste ist, dass sie nicht still hält".

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de