Autorin Zamir über ihren Armee-Roman

"Wie ein Rauskotzen aufs Papier"

Der Roman "Das Mädchenschiff" schildert Sex im israelischen Militär - aus Sicht einer jungen Rekrutin. Autorin Michal Zamir über Abtreibungen, Stolz und Frausein in der Armee

"Meine Heldin ist kein Opfer!" - Cover des Romans "Das Mädchenschiff" Bild: marebuch verlag

taz: Wie wurde Ihr Roman "Das Mädchenschiff" vom israelischen Publikum aufgenommen?

Michal Zamir: In Israel weiß man, dass in der Armee viel gevögelt wird. Die Fakten waren also bekannt. Wenn auch nur aus einer männlichen Perspektive.

Aus Sicht eines Mädchens auf den zweijährigen Wehrdienst zu blicken, hat ein Tabu gebrochen?

Ja.

Waren die Reaktionen entsprechend heftig?

Ich dachte ja: Die werden mich steinigen! Stattdessen waren die Reaktionen sehr freundlich. Viele Frauen haben sich mit meinen Protagonistinnen identifiziert. Das Buch ist überall diskutiert worden. Ich glaube aber, wir Frauen waren einfach froh, dass wir über unsere Erfahrungen nicht mehr nur untereinander reden, sondern es nun auch öffentlich tun. Und gegen die Fakten hat sowieso niemand etwas eingewendet.

Warum dann die Bedenken?

Ich habe das Buch innerhalb von drei Monaten geschrieben. Es war wie ein Rauskotzen aufs Papier. Am Ende war ich ein bisschen schockiert, weil es so hart geworden ist. Israel war zu meiner Militärzeit aber auch viel konservativer als heute. Und die Message an uns damals war einfach: Hilf dem Mann, dien ihm. Deshalb war ich so wütend.

Warum waren Sie dann über Ihren Roman erschrocken?

Ich bin inzwischen zweimal geschieden und habe eine Tochter. Das rückt die Erfahrungen aus der Zeit, den Hunger nach Sex oder die Rebellion gegen die Mutterschaft, in einen vollkommen anderen Zusammenhang. Ich habe ja versucht, strikt aus der damaligen Mädchensicht zu schreiben.

Ihre Hauptfigur bringt während der zwei Jahre Militärdienst fünf Abtreibungen hinter sich. Die ersten drei finanziert das Militär, vorausgesetzt - wie Sie schreiben - die Frau gibt an, von einem Araber vergewaltigt worden zu sein. Haben Sie auch so oft abgetrieben?

Nein. Ich bin ja eine Generalstochter. Mich hat also niemand angefasst.

Sexismus im Militär ist eine weltweite Angelegenheit. Was ist das Spezifische in der israelischen Armee?

Ich kenne keine anderen Armeen, daher kann ich sie nicht vergleichen. Für mich war das Militär für mich vor allem eine Metapher, um von weiblichen Erfahrungen in einer besonderen Blase zu erzählen.

Die Rekrutin in Ihrem Roman hat gerade das Abitur gemacht und wirft sich auf dem Stützpunkt jedem Mann an den Hals, der Lust auf sie hat.

Sie wirft sich doch nicht an den Hals, sie schenkt sich! Diese junge Frau ist unglaublich großzügig. Hält immer wieder ihre Wange hin. Gleichzeitig rebelliert sie dagegen, dass man als Frau zur Mutter werden zu muss. Natürlich kann man sagen, dass dieses Mädchen total bescheuert ist, weil sie Fehler macht. Ich aber finde sie toll!

Ihr Buch endet just dann, als das Mädchen etwas besser begreift, warum sie tut, was sie tut. Also aufhört, nur Spielball oder Opfer von patriarchalen Strukturen zu sein. Für mich ist diese Opfer-Betroffenheits-Perspektive gerade aus feministischer Sicht kontraproduktiv.

Aber meine Heldin ist kein Opfer! Sie verteidigt das Recht, sich widersprüchlich zu verhalten. Und sie ist bereit, für ihre Neugierde und ihre Suche nach Intensität und Sex einen hohen Preis zu bezahlen.

Handelt es sich hier nicht vor allem um eine häufig bei Frauen anzutreffenden Masochismus, der Schmerzen und Selbsterniedrigung mit Intensität verwechselt?

Für mich ist den Stolz zu verlieren etwas Gutes.

Bitte?!

Meine Hauptfigur macht einfach keinen Aufhebens um ihren Körper. Sie nimmt sich das Recht, komplizierte Erfahrungen zu machen. Das Leben von Frauen ist nun mal viel komplexer …

… Sie sagen jetzt nicht: als generell das von Männern?

Doch. Frauen müssen den Mustern, die ihnen anerzogen wurden, nachträglich einen Sinn geben. Sonst sind sie erledigt. Und es sind männliche Werte, die unsere Erziehung und den allgemeinen Konsens bestimmen. Das führt zu vielen Widersprüchen, in denen Frauen sich erst mal zurechtfinden müssen.

Was sagen Sie zu Ihrem ehemaligen Präsidenten, der dieses Jahr wegen sexueller Nötigung verurteilt wurde?

Natürlich wird seine Strafe nicht der Realität gerecht. Aber ich war froh über die Diskussion, die in Israel daraufhin stattgefunden hat. Am wichtigsten fand ich, dass die Frauen, die Moshe Katzav wegen Vergewaltigung angezeigt haben, immer wieder betonten: Nicht dass mein Chef mich sexuell benutzt hat, ist für mich existenzbedrohlich, sondern dass ich jetzt auch noch meine Arbeit verlieren soll. Für ihren Job zu kämpfen, das war unglaublich mutig von ihnen.

INTERVIEW: INES KAPPERT

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