Cory Doctorows kostenloser Internet-Roman

"Ich bin doch kein Info-Hippie"

Der Roman "Backup" von Cory Doctorow erscheint als Buch - und kostenloser Download. Verdient er überhaupt noch Geld? Ein Gespräch über eine Zukunft, die von der Gegenwart eingeholt wurde

"Sie können mich als Kulturbanausen beschimpfen, aber ich bin verrückt nach Disney World" - Cory Doctorow . Bild: bart nagel/random house

taz: Herr Doctorow, Sie veröffentlichen Ihre Romane und Kurzgeschichten parallel zu den Printausgaben kostenlos im Internet. Welche Art der Lektüre bevorzugen Sie - digital oder handfest?

Cory Doctorow: Alle meine Geräte können zwar Textdateien laden - von meinem Handy bis zum Videoplayer in Kreditkartengröße, den ich mir neulich in China für 12 Euro gekauft habe. Und auf meiner Festplatte liegen tausende von interessanten Titeln, in die ich auch mal reinschaue, wenn ich auf einem Flughafen festsitze. Aber hauptsächlich trage ich die Bücher, die ich lese, in ihrer Printform mit mir herum. Auf dem Bildschirm lenkt vieles vom Lesen ab.

Geboren 1971 in Toronto, engagiert er sich für die Liberalisierung des Urheberrechts und ist Gegner digitaler Kopierschutzsysteme. "Down and Out in the Magic Kingdom", sein Science-Fiction-Debüt, wurde 2003 erstmals unter einer "Creative-Commons-Lizenz" veröffentlicht. Es kann für nichtkommerzielle Zwecke kostenlos im Internet bezogen, verbreitet und weiterverarbeitet werden (in der deutschen Übersetzung: "Backup"). Darüber hinaus ist er Mitherausgeber von Boingboing.net, dem meistverlinkten Blog der Welt, und Autor bei New York Times, Wired oder Salon. Seit 2006 ist der Studienabbrecher Gastprofessor an der Universität von Südkalifornien

Ist das gedruckte Buch im Informationszeitalter wie die CD vom Aussterben bedroht?

Der freie Austausch von Daten schadet der Literatur weniger als der Musik. Ein Download ist ein sehr guter Ersatz für eine CD und eignet sich besser dafür, Musik zu verwalten und abzuspielen. Ein eBook ersetzt nur schlecht die Printversion, ist aber ein exzellentes Werbemittel.

Sie verwendeten erstmals die Creative-Commons-Lizenz für einen Roman. Ihre Werke können kostenlos im Internet heruntergeladen, weitervertrieben und in bestimmten Fällen weiterverarbeitet werden. Hat sich das bezahlt gemacht?

Alle Indikatoren deuten darauf, dass man mehr Bücher mit einer Creative-Commons-Lizenz verkauft als ohne. Mein Debütroman wurde über 750.000-mal von meiner Website heruntergeladen. Es gibt etliche Übersetzungen und Visualisierungen von Fans. Derweil ist die englischsprachige Printausgabe in der siebten Auflage angekommen. Ich kann mich vor Aufträgen kaum retten, und die ganze Kampagne hat mich 0 Cent gekostet.

Um dies zu belegen, bräuchte man aber eine Zeitmaschine.

Gut, letztlich ist es eine Glaubensfrage. Aber es gibt Erwartungen seitens des Verlags, die ich mithilfe der CC-Lizenz übertroffen habe. Alle, die je unter einer solchen Lizenz veröffentlicht haben, tun es wieder. In den USA und Kanada neigt sich die Ära des Massenmarkts für Taschenbücher dem Ende zu. Bücher verkaufen sich nicht wie Thunfischdosen. Heutzutage zielen sie auf sehr spezifische Gruppen von Lesern ab. Und das Internet eignet sich dafür, diese präzise zu erschließen. Ich kann verfolgen, welche Wege meine Werke in einem selbst organisierten Netzwerk zurücklegen, wo man die Quellen kennt und vieles auf persönlichen Empfehlungen basiert.

Nun ist auch die deutsche Übersetzung ihres Debütromans unter dem Titel "Backup" mit einer CC-Lizenz erschienen. War es schwierig, den Verlag davon zu überzeugen?

Offen gestanden, überhaupt nicht. Eigentlich hatte ich nicht mehr damit gerechnet, denn auf eine erste Anfrage reagierten sie nur lauwarm. Und dann kam aus dem Blauen heraus eine E-Mail vom Verlag, in der sie mich fragten, ob ich etwas dagegen hätte, wenn sie das Buch kostenlos ins Internet stellen würden! Auch für eine Comic-Reihe, die auf meinen Kurzgeschichten basiert, hat der entsprechende Verlag ohne Probleme einer CC-Lizenz zugestimmt.

Da fallen Ihre libertären Ansichten mit Verlagsinteressen zusammen. Sie machen aber auch nicht gerade den Eindruck, als ginge es Ihnen um die uneingeschränkte Befreiung des geistigen Eigentums.

Ich bin doch kein Info-Hippie. Zunächst verteile ich meine Geschichten kostenlos im Netz, weil ich so viele Bücher wie möglich verkaufen und steinreich werden will. Aber es gibt noch andere Gründe. Künstlerisch sehe ich das Kopieren als integrale Kulturtechnik des 21. Jahrhunderts an. Nie war es jedoch so schwierig, etwas zu kopieren. Durch den DRM-Kopierschutz werden innovative Impulse verhindert.

Zumindest in der Musikindustrie bahnt sich gerade ein Umdenken an: Hier sind Digital-Rights-Management-Systeme auf dem Rückzug.

Es ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Die Musikindustrie ist so verzweifelt, dass ihr nichts anderes mehr übrig bleibt. Der Aktienmarkt hat endlich erkannt, dass es eine furchtbare Art des Geschäftemachens ist, Fans zu kriminalisieren und Sachen zu verkaufen, die niemand haben will. Gleichzeitig rüstet gerade die Fernsehindustrie auf. Besonders europäische Sender versuchen, eine Form von DRM mit weitreichenden Kontrollfunktionen zu etablieren. Die Zugangsbeschränkungen sollen so weit gehen, dass die Sender bestimmen, wer ein legitimes Mitglied einer Familie ist und mitgucken darf.

Welche Folgen hat ein restriktives Urheberrecht für die Gesellschaft?

Ich denke, es ist schlecht für eine Gesellschaft, wenn ihre Mitglieder dafür kriminalisiert werden, dass sie Kultur lieben und miteinander teilen. Das Problem ist nicht, dass wir alle dafür ins Gefängnis wandern. Die Gefahr liegt darin, dass die Autoritäten nun für alles, was ihnen nicht passt, eine Entschuldigung haben, Menschen zu belangen. Eine Demokratie bricht zusammen, wenn erst mal jeder schuldig ist. Deswegen macht es für mich kommerziell, künstlerisch und ethisch Sinn, meine Bücher frei im Internet zu verteilen. Was für eine wunderbare Welt ist das, wo du mit der Sache am meisten Geld verdienst, die dich auch die beste Kunst erschaffen lässt und dazu noch gut für dein Gewissen ist?

Vielleicht so eine Art "Bitchun Society", die Sie in Ihrem Roman beschreiben: frei von Mangel, Tod und Krankheit. In der wir unser Bewusstsein abspeichern und jederzeit in neue Körper herunterladen können.

Bewusst und unbewusst habe ich beim Schreiben Motive aus dem Internet in den Roman übertragen. Science-Fiction handelt ja nicht von der Zukunft, sondern erhellt die Gegenwart. In der "Bitchun Society" kann man sehen, was passiert, wenn etwas an Wert zunimmt, je mehr man es gebraucht, statt an Wert zu verlieren, wie es in der klassischen Ökonomie der Fall ist. Das trifft auf Online-Daten zu: Mit jeder Kopie auf Napster existiert eine zusätzliche im Netzwerk. Das Internet hat die traditionellen Mechanismen und Probleme von Knappheit verändert. Und es hat alte Autoritätsstrukturen aufgebrochen, indem es neu formiert, auf wen wir hören sollen und wem wir unsere Aufmerksamkeit schenken, wem wir unser Geld geben.

Den erzählerischen Rahmen von "Backup" bildet der Kampf um Disney World. Der Freizeitpark erscheint dabei als Bastion der freien Fantasie. Meinen Sie das ernst?

Sie können mich als Kulturbanausen beschimpfen, aber ich bin verrückt nach Disney World! Ich verabscheue, was der Disney-Konzern sonst treibt. Den Park jedoch halte ich für große Kunst. Hier werden kulturelle Werte vermittelt, indem Menschen in eine gigantische simulierte Umwelt aus Achterbahnfahrten und Themenparks ausgesetzt werden. Wie cool ist das denn? Disney ist darauf spezialisiert, kulturelle und ästhetische Botschaften durch physische Erfahrungen zu propagieren. Außerdem gibt es dort die beste Roboterkunst, die ich je gesehen habe.

In Ihrer Kurzgeschichte "Scroogled" wird Google zur allgegenwärtigen Kontrollmacht, das erscheint gar nicht mal so weit weg. Und nach William Gibson, dem Erfinder des Cyberspace, hat sich die virtuelle Realität mittlerweile nach außen gestülpt: Ständig sind wir mit elektronischen Medien verbunden. Was bleibt der Science-Fiction, wenn die Gegenwart die Zukunft eingeholt hat?

Dass die Zukunft schon hier ist, hilft der Science-Fiction, denn sie handelt ja davon, wie die Gesellschaft sich zu neuen Technologien verhält. Das passiert alles so schnell, dass es die meisten nicht wahrnehmen können. Darum war es ein genialer Schachzug von William Gibson, seinen jüngsten Roman von Ereignissen im letzten Jahr handeln zu lassen. Er hat uns gezeigt, wie futuristisch 2006 war.

Dagegen könnte man fast wehmütig werden, wenn man an die Zukunft aus Mondkolonien und Unterwasserstädte denkt, die nie eingetreten ist.

Ich plane gerade ein Magazin mit dem Titel "Instant Nostalgia". Es gibt doch diese Hefte für Hobbyhistoriker, die am Bürgerkrieg oder Cowboys und Indianern interessiert sind. So etwas möchte ich machen. Nur beschäftigt sich das Magazin mit den News von vor drei Monaten, aufbereitet mit grobkörnigen Bildern: Weißt du noch damals, der Tsunami?

INTERVIEW: UH-YOUNG KIM

 

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