Safranski über die Romantik

Blaue Blume und Flower Power

Rüdiger Safranski schreibt in seinem Buch "Romantik" nicht nur über Novalis, sondern auch über 68 - eine für ihn zutiefst romantische Bewegung.

Novalis oder Dutschke - wer ist der wahre Romantiker? Bild: dpa

Ein romantischer Autor ist ein Autor, der die englische Literatur gelesen hat, Opium verzehrt, sexuell von patriotischen Groupies betreut wird und den preußischen Befreiungskrieger Karl Justus Gruner zum Führungsoffizier hat, schrieb Peter Hacks einst in seiner Polemik "Zur Romantik". Die literarische Romantik galt Hacks als künstlerisch wertloses Diversionsprogramm in einem globalen Bürgerkrieg, in Auftrag gegeben und bezahlt vom britischen Secret Service. Hacks hält die historische Romantik für die Stimmung einer "zugleich konservativen und ultralinken Negativkoalition" gegen Napoleon, also gegen eine aufgeklärte und vernünftige Ordnung, und er beruft sich dabei unter anderem auf Heine und Goethe. Letzterer hatte 1829 in einem Brief an Eckermann eine denkbar knappe Definition zum Verhältnis des Klassischen zum Romantischen geliefert: Das eine sei das Gesunde, das andere das Kranke.

Hacks Buch macht durchaus Vergnügen, auch wenn er die frühe Romantik von Schlegel, Schelling und Novalis nicht nur mit deren späteren Vorlieben fürs Katholische und Mittelalterliche in einen Topf wirft, sondern auch mit den reaktionär-nationalistischen Auswüchsen von Turnvater Jahn oder Ernst Moritz Arndt. Die Männer, die Goethes Idee der Klassik verkörpern, sind für Hacks Napoleon und Stalin. Sie stehen für die Herrschaft der Vernunft, für Form, Mitte und Ordnung, für das, was laut Goethe "stark, frisch, froh und gesund ist".

An Hacks' Buch wird eines deutlich: Über Romantik reden, heißt über das eigene Verhältnis zu Politik und Ästhetik zu reden. Insofern ist es nur richtig und logisch, dass Rüdiger Safranskis Buch über die Romantik, das nun auf Anhieb zum Bestseller wurde, mit 1968 endet. Es wird letztendlich von der Frage angetrieben, ob sich extremistischer Überschwang mit vernünftiger Politik verträgt. Und so kreisen auch die Interviews, die der Autor nach Erscheinen des Buchs gegeben hat, allesamt um den romantischen Impuls von 68. Safranski steht den Romantikern insofern wohlwollend gegenüber, weil er sich und die Leser davon zu überzeugen versucht, dass die Romantik eben nicht "an einer Verwahrlosung der politischen Sitten" schuld sei, für die sie seit je verantwortlich gemacht wird. Romantik ist für Safranski der notwendige Ausgleich zur "gedeuteten Welt", von der Rilke sprach, also "der Mehrwert, der Überschuss an schöner Weltfremdheit, der Überfluss an Bedeutsamkeit".

Und trotzdem finden sich die Hacksschen Vorbehalte auch bei Safranski, wenn auch in liberaler Form wieder: Die Romantik sei zwar eine wunderbare Sache, die fast immer im Spiel sei, "wenn ein Unbehagen am Wirklichen und Gewöhnlichen nach Auswegen, Veränderungen und Möglichkeiten des Überschreitens sucht". Indem der Romantiker stets auf der Suche nach Intensität sei, eigne er sich aber nicht "sonderlich für die Politik"; das Romantische liebe die Extreme, "eine vernünftige Politik aber den Kompromiss". Daher sei romantische Politik letztlich gefährlich und die 68er-Parole von der Fantasie, die an die Macht soll, keine gute Idee gewesen. In der Geschichte finden sich genügend Beispiele, die solche Vorsicht rechtfertigen. Etwa die Hasstiraden Kleists und Arndts gegen die Franzosen, nachdem Napoleon die Preußen besiegt hatte, oder das zutiefst romantische Projekt des kaiserlichen Flottenbaus, das sich auf den Weltmeeren später als eine zum Scheitern verdammte Kopfgeburt erwies.

Romantik sei eben die Fortsetzung der Religion mit ästhetischen Mitteln, schreibt Safranski, und auch dafür findet er Belege. Doch gleichzeitig zeigt er selbst ein ums andere Mal, dass die Romantik an ihrem Ursprung genauso gut als Weiterführung, Ausweitung und Fruchtbarmachung des Rationalismus mit ästhetischen Mitteln gelesen werden kann. In diesem Sinne beginnt Safranski sein Buch mit Herder, der "unbescheiden genug war, den Begriff der Vernunft erweitern zu wollen - auch gegen Kant". Als die Französische Revolution kommt, errichten Hölderlin, Hegel und Schelling in Tübingen einen Freiheitsbaum, und der Gymnasiast Tieck dichtet: "Nahe dich, Freiheit, / Dass ich mich stürze / Dir in die Arme".

Wenn nach den Exzessen der Revolution unter den frühen Romantikern von der Tyrannei der Vernunft die Rede sein wird, dann beklagt sie unter anderem einen verkürzten Begriff der Vernunft. Sie weigert sich, das Absolute aufzugeben, das die kritische Philosophie kassiert hatte. Bei Novalis heißt das dann: "Das willkürlichste Vorurteil ist, dass dem Menschen das Vermögen außer sich zu sein, mit dem Bewusstsein jenseits der Sinne zu sein, versagt sei." Safranski schreibt dazu: "Eine neue Welt anzufangen, ob in der Poesie oder Philosophie, bedeutet für Novalis nichts anderes als den revolutionären Impuls in der Welt des Geistes wirken zu lassen." Aber eben deswegen ist nicht ganz klar, warum die "Lust am Geheimnisvollen und Wunderbaren", die im Zentrum der Darstellung von Safranski steht, notwendigerweise das Symptom eines Mentalitätswandels sein soll, "der den rationalistischen Geist zurückdrängt", wie er behauptet.

Obwohl Safranski sich im zweiten Teil seines Buches, das sich der Karriere des Romantischen vom Kaiserreich bis zur 68er-Bewegung widmet, gegen die These wendet, es sei mit dem politisch Reaktionären gleichzusetzen und gar für den Nationalsozialismus verantwortlich, so reproduziert er doch dauernd das alte Klischee, wonach die Romantik eine tendenziell vernunftfeindliche Vorliebe fürs Extreme, Impulsive, Dunkle und Träumerische gewesen sei. Muss man sich zumindest die Früh-Romantik aber nicht vielmehr als philosophische Bewegung vorstellen, deren Programm über die damals vorherrschenden cartesianischen Vorstellungen von der Dualität von Körper und Geist und dessen mechanistisches Weltbild weit hinaus wies, also den Rationalismus zu erweitern suchte?

Safranski widerspricht hier nicht: "Der deutsche Idealismus ist überhaupt der Versuch, diesen Dualismus zu überwinden, und die Romantiker geben diesen Versuchen noch einen besonderen Akzent", nämlich durch die Betonung des Ästhetischen und die Mobilisierung der Phantasie. Die Frage ist allerdings, ob man den philosophischen Kern der Romantik durch bloßen Verweis auf die Kunst überhaupt erfasst.

Der amerikanische Autor Frederick Beiser hat 2003 mit einer ganz anderen These Furore gemacht: Das höchste Gut der Frühromantiker sei gerade nicht die Kontemplation des Ästhetischen gewesen, sondern die Selbstverwirklichung, die Entwicklung des Menschlichen, die Bildung. Ein Ziel, das aber nicht innerhalb des Subjekts, sondern nur im Rahmen von Gesellschaft und Staat zu verwirklichen sei. Gemäß des romantischen Imperativs sollten Mensch, Gesellschaft und Staat zu Kunstwerken werden. Der Forderung, die Mauer zwischen Kunst und Leben einzureißen, hat sich noch so manche Bewegung bis ins 20. Jahrhundert hinein verschrieben, auch wenn der Aspekt der Bildung dabei immer mehr ins Hintertreffen geriet. Nach 1945 rief sie in Deutschland aber aus einleuchtenden Gründen Angst und Abwehr hervor - bis die 68er kamen. Auch die Anfänge der Militanz und des Terrors haben viel mit diesem Motiv zu tun.

Safranskis Buch ist vor diesem Hintergrund als eine Verteidigung der Romantik gegen die harte ideologische Linie der 68er, die Kunst durch Sozialromantik ersetzten, und zugleich als vorsichtige Verteidigung ihrer enthusiastischen Motive zu lesen. Er bleibt aber bis zum Ende unentschieden, was mit den romantischen Impulsen eigentlich anzufangen sei. Er zieht sich auf eine Position der Autonomie der Kunst zurück, ahnt aber, dass seine Zwei-Welten-Theorie, "hier Literatur, Kunst, Philosophie, dort Politik", vielleicht zu starr sein könnte.

Es wird wohl noch eine Weile darüber gestritten werden, ob 68 Ursprung oder nur Ausdruck tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen gewesen ist. Sicher ist, dass 68 mit der rot-grünen Koalition politisch an die Macht kam. Wenn Safranskis Annahme stimmt, dass ein wesentlicher Impuls von 68 als romantisch beschrieben werden kann, dann dürfte anhand der Politik dieser Regierung auch zu zeigen sein, dass die These von Forschern wie Beiser die Sache vielleicht eher trifft: Wahrscheinlich war keine deutsche Regierung nach Kriegsende bürgerlicher als die rot-grüne. Sie setzte etwa im Hinblick auf die Lage der Migranten konsequent auf die Idee, dass Bürgerrechte für alle gelten sollen, und begann mit Hartz IV gleichzeitig damit, sozialistischen Vorstellungen von Gerechtigkeit den Garaus zu machen. Damit hätte am Ende auch Hacks die Romantik ganz richtig verstanden, wenn auch aus den falschen Gründen.

Rüdiger Safranski: "Romantik. Eine deutsche Affäre". Hanser Verlag, München 2007. 416 S., 24,90 Euro

 

Ulrich Gutmair hat 1995 mit einer Kolumne übers Internet bei der taz angefangen. Heute ist er für die Berlinkultur verantwortlich. Über die Neuerfindung der Stadt durch Hausbesetzer, Raver und Künstler nach dem Mauerfall hat er ein Buch geschrieben: "Die ersten Tage von Berlin".

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