40 Jahre "Summer of Love"

Von Woodstock zum Anti-G8-Camp

Betrachtung zum Herbstanfang mit Rückblick auf das nicht durchgekommene "Summer of Love"-Revival. Was trennt einen von 1967?

Code für Unbehagen am Getriebe der Welt: Hippies in New York City 1967 Bild: ap

An diesem Wochenende ist kalendarisch Herbstanfang, was ja auch dem subjektiven Empfinden entspricht, dem seltsam wechselhaften Wetter dieses Jahres zum Trotz. Längst hat man sich dabei ertappt, herbstliche Dinge zu tun. Man freut sich, dass man ein Haus hat, wandert aber dennoch in den Alleen unruhig hin und her; zumindest sammelt man Kastanien. Und so wie bei Rilke die Blätter können vom Sommer her Bilder durch das Bewusstsein treiben, die es zu bearbeiten gilt, bevor sie ganz vergilben. Wobei es in diesem Herbst auch blumige Bilder aus einem Sommer von vor 40 Jahren sein können.

San Francisco. Haight Ashbury. 1967. Nicht, dass das "Summer of Love"-Revival wirklich durchgekommen wäre in den vergangenen Wochen. Auf Arte lief neulich ein Feature; bildorientierte Magazine brachten Fotos mit barbusigen Hippie-Mädchen; im Spiegel wurde versucht, Flower Power als Teil einer jahrhundertealten romantischen Gegenbewegung zu erzählen. Das wars im wesentlichen. Aber es konnte einem eben doch zu denken geben, so man von seiner Biografie her Affiziertheit mitbringt.

Entschuldigung für die etwas umwegige Herleitung des Themas. Von Anfang an sollte ein leiser Grundton von Abgesang anklingen, aber auch einer von möglicher Ernte und Resümee. Die Frage hier ist nämlich: Wie umgehen mit diesen Bildern von Love, Peace und Happiness, die aus fernen Zeiten immer noch in die Gegenwart herüberwehen? Von meinem psychischen System ist da zu berichten, dass das leise, aber doch beharrliche Gefühl von Peinlichkeit, das diese Bilder erstaunlich lange ausgelöst haben, inzwischen doch verklungen ist. Noch als heutiger Anfang/Mitte-Vierzigjähriger kann man Schulfeste miterlebt haben, dessen Dramaturgie zum Teil dem Vorbild eines Sit-ins in Kalifornien nachempfunden ward: barfuß laufen, Doors hören und tanzen mit wehenden Haaren. Mit der Aufarbeitung dieser Jugenderinnerungen ist man aber inzwischen durch. Und kann man nicht sogar klammheimlich wieder ein klein wenig Wehmut zulassen, wenn man CDs von Devendra Banhart, Brightblack Morning Light oder den anderen aktuellen Neo-Hippie-Barden anhört?

Auf der anderen Seite sind die großen Anti-Hippie-Gesten auch längst historisch geworden. Punk, Poppertum und New Wave (die man selbstverständlich auch alle ein bisschen mitgemacht hat; wer wäre man denn, dass man sich auf eine Authentizität reduzieren ließe?) bilden keine Stilschranken mehr. Das bedingt das vielleicht wirklich Neue in der gegenwärtigen Situation: dass man sich nicht allein fragen kann, was die Bilder von 67 immer mal wieder mit Aktualität auflädt; sondern dass man auch nach dem fragen kann, was einen grundlegend von ihnen trennt, über Stil-, Mode- und Biografiefragen hinaus.

Was die Aktualitätsaufladungen bewirkt, ist im Grunde klar, soviel Gewese darum auch immer gemacht wird: Das Bunte, Gemeinschaftliche der Summer-of-Love-Semantik hält einen Code bereit, mit dem man sein prinzipielles Unbehagen am Getriebe der Welt ausdrücken kann. Es ist sein fundamental anti-institutionelles Moment, das offenbar von jeder Generation von Bürgerkindern aufs Neue ausprobiert werden muss. Etwas von Woodstock steckt halt in jedem Anti-G8-Camp - und die wirklich politisierten Globalisierungskritiker müssen stets dagegen anarbeiten, solche Proteste nicht ins unverbindlich Gefühlige abrutschen zu lassen.

Aber was ist das, was einen wirklich vom Summer of Love trennt? Die Antwort ist ziemlich unheroisch. Es ist eben nicht, wie lange Zeit erzählt wurde, ein inzwischen verlorener Kampf gegen das "System". Es ist auch nicht die Kommerzialisierung der sexuellen Revolution durch die Massenmedien. Und es ist auch kein gesellschaftlicher Backlash, der die damals angelebten utopischen Momente an der Realisierung gehindert hat. Das alles sind Dolchstoßlegenden für einen in sich selbst brüchig gewordenen Mythos.

Es ist etwas viel Einfacheres. Es ist das Wort "love". Es ist, dass man inzwischen um die Kompliziertheit der Liebe weiß, auch und womöglich sogar gerade in Zeiten, in denen die Sexualmoral endgültig von der Normenbasis auf die Verhandlungsbasis der Partner untereinander umgestellt wurde. Make love, not war? Das not war ist ja eh klar (Ausnahmen bestätigen die Regel). Aber das make love ist eben nicht so einfach, wie man sich das 1967 vorgestellt hat.

Der Schriftsteller T.C. Boyle hat das in seinem Roman "Drop City" sehr schön beschrieben. Er schildert eine Hippie-Kommune, bei der keine Repression von außen der freien Liebe in die Quere kommt, sondern bei der das die eigene Gefühlswelt selbst erledigt (und die Hybris, eins mit der Wildnis sein zu wollen, aber das ist eine andere Geschichte). Gesellschaftliche Befreiungsphantasien durch Rudelbumsen gehen im Buch wie von selbst über in Freud und Leid von Paarbildungen; sei es, dass man entdeckt, dass ständiger Partnertausch der emotionalen Tiefe im Wege steht, sei es, dass es einem nicht mehr gelingt, sich seine Eifersuchtsgefühle und Bindungswünsche durch Hippie-Ideologien ausreden zu lassen. Den alten Hippie-Glauben, durch mehr Liebe die Welt heilen zu können, lässt T.C. Boyle daran scheitern, dass das mit der Liebe in Wirklichkeit anders funktioniert: Sie ist gar nicht so leicht zuhanden. Das Begehren hat einen Eigensinn, und auch die eigenen Gefühle können schwer zu entziffern oder, selbst wenn man sie denn entziffert hat, immer noch schwer zu ertragen sein. Von all diesen Kompliziertheiten sieht man nichts in den Bildern des Summers of Love. Das macht im Kern den Abstand zu ihnen aus.

Nun ist es keineswegs eine neue Erkenntnis, dass die Anbahnung und Bildung von Paaren ein komplexes Unterfangen ist. Dass nicht nur Peace und Happiness anstehen, wenn zwei Menschen zueinander finden, lässt sich schon in einem sehr lebensklugen Kapitel aus "Anna Karenina" nachlesen: Als Lewin und Kitty endlich geheiratet haben (der B-Strang neben der großen Betrugsgeschichte), streiten sie sich erst einmal anhaltend und ausgiebig - was man mit dem Erzähler als notwendiges Einspielen der Partner aufeinander begreifen kann; nur so kann aus dem phantasierten Zusammensein eine verwirklichte Paarbeziehung werden, schließlich gilt es zwei Leben aufeinander einzutakten. Auch ohne Tolstoj je gelesen zu haben, spielen unzählige Paare diese Szenen in der Realität immer wieder nach - und dementieren damit die Bilder vom Summer of Love. In der forcierten Seligkeit der Blicke, in der impliziten Behauptung, das Nichtentfremdetsein sei erreicht, sollten sie ja ausdrücken, dass ausgehend von dort und damals plötzlich alles ganz neu, frisch und anders läuft. Das konnte nicht klappen.

Man muss auf dem Inszenierten und Phantasierten dieser Bilder gar nicht groß herumreiten. Man kann das sogar ins Positive wenden: Bei der Darstellung des prekären Dreiecks Sex, Liebe, Gefühle ist die Kulturproduktion inzwischen eben viel weiter; Filme wie "Intimacy" haben da längst etwas auf den Punkt gebracht. Erst treffen sich ein Mann und eine Frau zum unverbindlichen wöchentlichen Sex, und alles könnte so cool sein. Doch dann entdeckt der eine, dass er mehr möchte, die andere besteht aber auf der Einhaltung der Distanz als Bedingung der gemeinsamen Vertragsgrundlage. Rechnet man solche Ungleichgewichte oder auch nur Ungleichzeitigkeiten der Gefühle hoch, landet man schnell in einer Judith-Hermann-Welt aus bedeutenden Blicken, unausgesprochenen Beziehungsfallen, heimlichen Verletzungen und kleinen Fremdheiten. Aber auch die Gesellschaft ist weiter. Die Erlösungshoffnung des Summer of Love ist längst gesellschaftstherapeutisch aufgelöst: Vielfältige Angebote wie auf jede Zeilgruppe maßgeschneiderte Ratgeber, Mediatoren und Coaches helfen den Paaren beim Unternehmen, das Zusammenleben immer wieder aufs Neue performativ aushandeln zu müssen.

Insofern muss es einem vielleicht doch gar nicht so herbstlich ums Herz werden, wenn man diese Bilder noch einmal ansieht oder einem der innere iPod mal wieder die beseelte Stimme Scott McKenzies ins Bewusstsein spielt: "If you're going to San Francisco ..." Es gibt durchaus Kontinuitäten. Immerhin wurde damals die Ehe zur Beziehung umgebaut. Es stellen sich aber ganz andere Anforderungen, wenn man die Liebe wirklich ernst nimmt, als man sich damals auch nur annähernd ausmalen konnte. Man weiß halt inzwischen: Niemand geht mit Blumen im Haar zu einem Paartherapeuten.

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