Punkfilm

Chaos in Saarbrücken

Tarek Ehlail (25) hat einen Film über die "Chaos-Tage" gedreht: mit echten Punkern, Straßenschlacht - und staatlicher Filmförderung.

Das Original: Chaostage in Hannover 1995. Bild: dpa

Gewaltiger Lärm, besoffene Punks trampeln auf Autos und bauen Barrikaden. Gegenüber: Polizisten in voller Einsatzmontur. Steine und Flaschen fliegen auf die grün Uniformierten. Nein, wir befinden uns nicht in Rostock vor zwei Monaten, auch nicht in Hannover, sondern im saarländischen Saarbrücken. Über 200 echte Punks gehen gegen 50 falsche Polizisten an und spielen Straßenschlacht. Ja, richtig, sie spielen nur.

Die realen Chaos-Tage fanden erstmals 1982 in Hannover statt. Hier trafen sich vor allem Punks und Linksautonome, um gegen eine von der niedersächsischen Landesregierung geplante Punkerdatei zu demonstrieren und zu randalieren. Dabei kam es zu massiven Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Nach 1983 fanden aus unterschiedlichen Gründen in verschiedenen Städten immer wieder ähnliche Straßenschlachten statt. Die letzte große Randale gab es 1995.

" 'Chaostage' ist der erste wirkliche deutsche Punkfilm", sagt Tarek Ehlail. Der 25-Jährige ist für die Inszenierung des Aufstands in der Saarbrücker Innenstadt verantwortlich. "Es gibt zwar ein paar sozialromantische Scheißfilme, aber unser Film ist der erste authentische mit Punks, von Punks, aber nicht nur für Punks. Er spiegelt eine für Deutschland wichtige Subkultur so wider, wie sie war und heute ist."

Der Regisseur weiß, wovon er spricht. Seit er 14 ist, fühlt sich der gelernte Piercer der Szene zugehörig. "Ich habe allen Klischees vollständig entsprochen, genau wie unser Film jetzt."

Durch sein Umfeld kam er auch auf die Idee, der Subkultur ein Denkmal zu setzen. Als Vorlage zu dem Film diente der Roman "Chaostage" von Moses Arndt, einem engen Freund Ehlails. Der ist inzwischen Arzt, galt in den Achtzigerjahren jedoch als Punkguru und spielte eine zentrale Rolle als Geburtshelfer der hiesigen Punk- und Hardcore-Szene.

"Das Buch war aber nur der Aufhänger, für die Leinwand habe ich es stark verändert", sagt Ehlail. Er schrieb es zu einem Episodenfilm um. Viele scheinbar unzusammenhängende Einzelgeschichten verketten sich zu einem Ganzen und führen am Ende, wenn sich die Wege der Protagonisten kreuzen, zur Katastrophe. Dabei geht es nicht konkret um die berühmten Chaos-Tage von Hannover, sondern um das alltägliche Leben einer Bekenntnisminderheit in Deutschland und darum, wie es ganz spontan durch eine Reihe irrwitziger Zufälle zu Straßenschlachten à la Hannover kommen kann. "Wir geben eine hanebüchene Antwort auf das, was ein Heer von Soziologen schon versucht hat herauszufinden", sagt Ehlail. Zwischen den fiktionalen Teilen äußern sich echte Punklegenden zur Szene. Mit dabei sind unter anderem der ehemalige Sänger der "Terrorgruppe", Archi Alert, und Wattie, Sänger von "Exploited". Ehlail erklärt die Idee: "Die Episoden werden von Interviews mit verschiedenen Punkpersönlichkeiten unterbrochen, die erzählen teils wahre Storys aus ihrer Vergangenheit, nehmen aber zum größten Teil Bezug auf die fiktionalen Geschehnisse im Film. So belegen reale Personen fiktive Ereignisse und machen die Legende wieder rund." Ein Spiel also zwischen Dokumentation und Fiktion.

Für sein aufwendiges Projekt hat der Regisseur Geld von der Saarländischen und der Hessischen Filmförderung erhalten. Auch ein paar kleinere Firmen haben den Dreh unterstützt. Insgesamt betrug das Budget rund 50.000 Euro. Dafür leistet sich der Film Schauspieler wie Claude-Oliver Rudolph, Ralf Richter und Martin Semmelrogge. Die meisten der Punks wurden über das Internet gecastet.

Das ist alles andere als "Fuck the system". Kann ein Film, der mit per Antrag erworbenen Staatsgeldern und Firmensponsoring produziert wird, überhaupt wirklich Punk sein? Ehlail rechtfertigt: "Das tolle am Punksein ist ja, dass man gegen alles und gleichzeitig so inkonsequent sein kann. Punk wird immer mit so einer pseudolinkskulturellen Schwachmaten-Attitüde verbunden, aber Punk war nie eine politische Bewegung in dem Sinn. Wenn ich mir vorhandene Strukturen, die ich für total überflüssig halte, zunutze machen kann, um für eine gute Idee zu profitieren, ist das auf keinen Fall konträr zu Punk. Ich komme als ungelernter Borgdusiemir und kassiere die Gelder. Till Eulenspiegel hätte das nicht besser gekonnt."

Und was ist mit den Schauspielern? Gibt es etwas Unpunkigeres, als für einen Spielfilm Punk zu mimen, für die Kamera herumzuhampeln? Wie ein Schoßhund beim Wort "Action" zu bellen? Auch hier hat Ehlail einen Beleg für die Authentizität seines Filmes parat: "Sobald 50 unserer Leute am Set, die alle selbst der Punkszene nahestehen, ihre Polizeikostüme anhatten, war es so, als ob sich bei den Punks ein Hebel umgelegt hätte. Die haben richtig drauflosgeprügelt und zum Teil echte Steine auf die Darsteller geworfen. Als dann die echten Bullen noch kurz am Set vorbeigeschaut haben, wäre die Situation beinahe eskaliert." Mit Megafon hielt Ehlail dann den Nachwuchs doch unter Kontrolle. Der Altpunker als Deeskalateur, der als Ordnungskraft wirkt? Ohne ein bisschen Bürgerlichkeit scheint man einen solchen Film wohl doch nicht drehen zu können.

Egal wie, der Regisseur arbeitet zum ersten Mal in dieser Dimension. Drei Filme hat er bisher gemacht. Alle waren dokumentarisch und wie das aktuelle Thema exotisch. Während sich die ersten beiden noch mit selbstgedrehten Spaßszenen begnügten, in denen Ehlail an Stierrennen in Spanien teilnimmt oder in Saudi-Arabien bei einem Schießverein mit einer Kalaschnikow herumballert, dokumentierte der dritte Film, "Deutschlands Golden Boy", das Leben der trashigen Boxikone René Weller. Die Idee dafür kam durch eine PR-Aktion für die anderen Filme. Ehlail tourte durch Deutschland sowie Polen und veranstaltete rund 30 Boxpartys, bei denen sich jeder, der wollte, zu Livemusik "auf die Fresse hauen durfte". Eine Art Work-out für Punker, zu dem auch einmal René Weller eingeladen wurde.

Seine alternative Arbeitsweise will sich Ehlail bei "Chaostage" weiter bewahren: "Es gibt im Prinzip keine einzige Regel, an die man sich halten darf. Und wenn man sich mal eine Regel gesetzt hat, dann lässt sie sich trotzdem zu gegebenem Zeitpunkt wieder brechen. Jeder kann tun, was er will. Mit ein paar Ideen, einem Schweizer Taschenmesser und zwei Kumpels, die mitmachen, kann man die Welt verändern." Mal sehen, ob er das schafft. Bis zum Max-Ophüls-Filmfestival im Januar 2008 soll der Schnitt das gedrehte Bilderchaos geordnet haben.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de