Kommentar

Sechzig Jahre nach Gandhi

Pratibna Patil ist die erste weibliche Präsidentin Indiens und gehört zu den Dalits, den Kastenlosen. Doch ein gravierender politischer Wandel ist von ihr nicht zu erwarten.

Unmittelbar vor der Unabhängigkeit Indiens forderte Mahatma Gandhi seine Mitstreiter auf, als erstes Staatsoberhaupt der Republik eine junge Dalit-Frau zu wählen. Früher hätte man statt von den Dalits von den "Unberührbaren", den "Kastenlosen" oder den "Parias" gesprochen. Heute nennen sich die politisch selbstbewussten unter ihnen selber "Dalits" - die "gebrochenen" Menschen. Sie würden der Welt damit zeigen, argumentierte Gandhi damals, dass sie nicht nur die politische Freiheit errungen hatten, sondern auch die soziale Befreiung der Frauen und der Kastenlosen.

Indiens Frauen mussten sechzig Jahre warten, bis mit Pratibha Patil ihre erste Geschlechtsgenossin Staatspräsidentin wurde. Zweifellos war es aber ein anderes Profil, das viele Inderinnen sich von ihr erhofft hatten. Der 78-jährige Mahatma Gandhi hatte den Mut aufgebracht, ein Mädchen vorzuschlagen. Seine bedeutend jüngere Namensvetterin Sonia Gandhi, Chefin der Kongress-Partei und eine der einflussreichsten Politikerin Indiens, brachte den gleichen Mut nicht auf. So ist Indien erste Staatspräsidentin nun 72 Jahre alt und dies in einer Gesellschaft mit einem Durchschnittsalter von 24 Jahren.

Alter ist kein Immunmittel gegen Torheit. In dem ebenso kurzen wie heftigen Wahlkampf wurden hinter dem Image einer würdigen älteren Frau auch die Attribute einer Politikerkarriere sichtbar, die diesen Berufsstand in Indien und anderswo in Verruf gebracht haben. Die von Patil behaupteten Gespräche mit Geistern sind noch der harmlosere Ausdruck, während der Missbrauch öffentlicher Gelder und Vertrauens schon eher zum betrüblicheren Standard gehören. Patil wiederholt dabei allerdings nur die Erfahrung vieler Frauen im Land, die bei ihren Parlamentarierinnen nur selten die erhofften alternativen Visionen finden, die sie bei den männlichen Kollegen so sehr vermissen.

Es mag sein, dass es Generationen braucht, bis sich solche Alternativen durchsetzen. Die indische Politik ist da wohl nicht anders als die indische Gesellschaft, in der viele Frauen immer noch tüchtig mithelfen, die patriarchalischen Vorurteile gegen Mädchengeburten aufrechtzuerhalten. Man kann nur hoffen, dass Pratibna Patil zumindest die mütterliche Rolle ihres noch älteren Amtsvorgängers Abdul Kalam übernimmt. Dieser hat in seiner Amtszeit den prächtigen Präsidialpalast den Schulkindern des Landes geöffnet.

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