Israel II

Trauma der Niederlage

Die israelische Armee steht nach dem Desaster im Libanon in der Kritik. Sie reagiert mit einer neuen Struktur und Sonderübungen für Rekruten.

Jahrestag des Sechs-Tage-Krieges: Israelische Soldaten beten an der Klagemauer.  Bild: dpa

JERUSALEM taz Schwer bepackt rennen sie schwitzend und fluchend über die staubigen Hügel auf dem Golan, reißen von Zeit zu Zeit das Gewehr von der Schulter und geben ein paar Schüsse auf vorbereitete Pappziele ab. "Aus dem Alter bin ich raus", stöhnt einer der Reservisten und wischt sich mit dem Ärmel die Stirn, bevor er anlegt.

Training für den Ernstfall steht auf dem Plan. Besonders häufig trifft es die Mitglieder von Eliteeinheiten. Bis zu viermal bekamen sie innerhalb der vergangenen zwölf Monate Befehl, sich in ihrer Kaserne einzufinden.

Im Jahr nach dem Desaster des Libanonkrieges zieht die Armee die Konsequenzen und demonstriert, dass wenigstens sie ihre Lektion gelernt hat. Bei großangelegten Infanterieübungen proben die Soldaten den Einsatz gegen syrische oder libanesische Feinde. Ziel der Übung ist die mentale und aktive Vorbereitung auf künftige Herausforderungen.

Beides ist dringend nötig. Denn Mangel an militärischer Vorbereitung der Reservisten, die im letzten Sommer zum Einsatz kamen, wie auch schlechte Ausrüstung und Nahrungsmittelversorgung gehörten zu den zentralen Problemen. Als noch schlimmer empfanden die Soldaten die offensichtliche Verwirrung ihrer Kommandanten, die bis zum Waffenstillstand kein klares Kriegsziel definierten. Generalmajor Gadi Eisenkot, Chef des nördlichen Sektors, gab vor wenigen Monaten zu, er habe gewusst, "dass wir die Soldaten nicht zurückbringen können". Die Regierung hatte die Invasion von Beginn an mit der Entführung der Israelis Ehud Goldwasser und Eldad Regew begründet. Doch das gilt unter Experten mittlerweile als vorgeschobener Anlass.

Mit der Ablösung des Stabschefs machte die Armee einen ersten großen Schritt, um das Vertrauen in der Bevölkerung wiederherzustellen. Gabi Aschkenasi übernahm die Armee aus den Händen des von Beginn seiner Amtszeit umstrittenen Dan Chalutz. Und wenig später musste auch Verteidigungsminister Amir Peretz seinen Stuhl für den militärisch ungleich erfahreneren Ehud Barak räumen.

Deutlich langsamer geht es mit strukturellen Veränderungen voran. Der Nationale Sicherheitsrat im Büro des Premierministers soll gestärkt werden und künftig die politische, die militärische und die nachrichtendienstliche Ebene koordinieren.

Erst im Abschlussbericht der Winograd-Kommission, einer Gruppe von Richtern und Experten, die das Fehlverhalten von Regierung und Armee während des Libanonkrieges untersuchte, werden die einzelnen Schlachten und die Armeestrategien analysiert werden.

Doch die öffentliche Kritik nach dem Krieg folgte nicht nur der Tatsache, dass über hundert Soldaten gefallen waren, ohne dass man das einzige definierte Kriegsziel erreicht hatte. Auch die hohen Verluste und die Verletzlichkeit der Zivilbevölkerung machen den Israelis Sorgen. Bis heute verfügt noch immer fast die Hälfte der israelischen Zivilbevölkerung weder über einen Bunker noch über Gasmasken.

 

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