Aids im TV

"Schuld an der Krankheit gibt es nicht"

Wie HIV ins deutsche Fernsehen kam: Ein Interview mit Hans W. Geißendörfer, Schöpfer der "Lindenstraße", über die enorme Resonanz der Öffentlichkeit auf eine kranke Serienfigur.

Benno (Bernd Tauber) hat gerade eine schreckliche Nachricht erhalten... Bild: wdr

taz: Herr Geißendörfer, was verschlägt den Regisseur der "Lindenstraße" auf den Deutsch-Österreichischen Aids-Kongress?

Hans W. Geißendörfer: Wir haben speziell für diesen Kongress "Die Leiden des jungen Benno Zimmermann" produziert. Der Film ist zusammengestellt aus vielen Folgen der "Lindenstraße" aus den ersten drei, vier Jahren.

Es geht also um den Aids-Tod des braven heterosexuellen und monogamen Schreiners?

Die "Lindenstraße" hat damals als erste erzählende Sendung Aids behandelt. Ich sage das nicht, weil ich besonders stolz darauf bin, sondern weil klar war, dass die Serie schnell etwas dazu sagen muss, weil über Aids in Deutschland so viel Falsches geredet wurde. Es wurde so viel Angst verbreitet. Auch von Politikern, namentlich von Peter Gauweiler. Da gab es Vorschläge bis hin zum Ghetto-Bau, wo man all die Infizierten einsperrt.

Beim Deutsch-Österreichischen Aids-Kongress (DÖAK) zeigt Geißendörfer am Mittwoch und Donnerstag in Frankfurt exklusiv den eigens für diesen Kongress erstellten Film "Die Leiden des jungen Benno Zimmermann", die Geschichte des ersten Aidstoten im deutschen Serien-TV.

Die "LIndenstrasse" erfand Hans W.Geißendörfer ("Die gläserne Zelle") 1985, inspiriert von der englischen Endlos-TV-Serie "Coronation Street" die "Lindenstraße". Bis heute jeden Sonntag um 18.50 Uhr in der ARD.

Wie haben Sie Ihre Ideen realisiert?

Indem wir in Bernd Tauber einen Schauspieler fanden, der den Mut hatte, einen Aidsinfizierten zu spielen. Das war 1986 gar nicht so selbstverständlich, weil das Wissen über Aids noch sehr lückenhaft war. Wir wussten aus Erfahrung, dass jemand, der so was spielt, in der Öffentlichkeit eins zu eins so behandelt wird. So ist es dann auch passiert. Eines Tages kam Bernd Taubers jüngster Sohn aus der Schule nach Hause und war verprügelt worden. Mit der Begründung, dein Vater hat Aids, du steckst uns an, komm nicht mehr hierher.

Die "Lindenstraße" ist eine Ensemble-Serie mit vielen verschiedenen Handlungssträngen. Wie konnten Sie aus all dem Material einen Film über Benno Zimmermann und seinen Aidstod schneiden?

Wir haben aus den einzelnen Folgen seinen Strang zusammenmontiert. Es ist natürlich sichtbar, dass das eine Montage ist, vom Zeitablauf wirkt das etwas zu schnell, aber das möge man uns verzeihen. Der Ablauf des Films erstreckt sich über zwei Jahre, es mag dem Betrachter jetzt so erscheinen, als ginge das rasend schnell, trotzdem glaube ich, dass der Film ein gutes Zeitporträt ist, wie Aids damals aufgenommen wurde und wie man diese Vorurteile und die Hilflosigkeit der Krankheit gegenüber bekämpfen konnte.

Für "Lindenstraßen"-Laien: Wer ist Benno, wie hat er sich infiziert?

Er wurde infiziert. Wir haben bewusst auf das Klischee verzichtet: Damals waren es die Homosexuellen oder die brutalsten Machos, die in Gefahr waren. Wir haben bewusst den Schreiner Benno Zimmermann genommen, er hat in einer Behindertenanstalt Möbel gemacht und hat sich bei einer Bluttransfusion infiziert. Das war ja tatsächlich so: 1983/84 waren Blutkonserven noch nicht auf das Virus untersucht worden.

Sie sagen, Sie haben bewusst niemanden aus den sogenannten Risikogruppen genommen, also Junkies oder Schwule. Damals gab es ja sozusagen die "Guten", die "unschuldigen Opfer" wie Benno Zimmermann, der durch eine Bluttransfusion infiziert wurde, und es gab diejenigen, die in der öffentlichen Wahrnehmung selbst schuld sind: Junkies durch die Benutzung gebrauchter Spritzen, Schwule durch riskante Sexpraktiken. Bestätigen Sie dieses Gut-und-Böse-Schema nicht noch einmal, wenn Sie den "unschuldigen" Infizierten vorführen?

Wenn Sie das so aufzählen könnte man diesen Verdacht haben, aber so ist es nicht. Schuld an der Krankheit, das gab und gibt es für mich nicht. Wenn ein Junkie damals noch nicht wusste, dass er seine Spritze nicht dem Nachbarn geben darf, dann war er eben nicht aufgeklärt oder er hatte unheimliches Pech. Wenn Benno Zimmermann eine vergiftete Bluttransfusion bekommt, weil die Wissenschaftler noch nicht so schlau waren, das Blut zu untersuchen, hat er, leger ausgedrückt, Pech gehabt. Wir brauchten eine Sympathiefigur. Wir wollten niemanden, der vorbelastet ist durch das Klischee, ein Junkie zum Beispiel. Benno dagegen hatte viele Fans und war eine sympathische Figur, deswegen haben wir geglaubt, dass wir Sympathie für dieses Thema leichter kriegen, als wenn wir einen infizierten Schwulen an die Spitze der Kampagne gestellt hätten. Zumal Schwule damals ja noch viel negativer gesehen wurden als heute.

Wie waren die Reaktionen beim Publikum?

Enorm! Die Aidshilfe bekam enorme Rückfragen. Das Fernsehen hat damals noch in Massen Leute dazu bewegt, zum Telefon zu greifen oder einen Brief zu schreiben. Wir waren über diese Reaktionen sehr, sehr glücklich.

Wäre so eine massive Reaktion heute noch möglich?

Das ist viel schwieriger geworden. Wir haben jetzt gerade eine beliebte Figur durch einen Motorradunfall sterben lassen in einer großen Liebesgeschichte, da gab es viele Reaktionen und emotionale Trauer. Aber es ist schwerer geworden, Aufmerksamkeit für politische Themen zu bekommen und die Leute zu aktivieren.

Als Fernseh-Produzent steht man ja immer vor der Frage: Was bewirkt so eine Serie? Im Falle der "Lindenstraße" gab es mehrfach unmittelbare Reaktionen, also quasi eine messbare Wirkung. Eine berühmt-berüchtigte Szene aus dieser Abteilung taucht jetzt wieder im Zusammenschnitt zu Benno Zimmermann auf. Peter Gauweiler! Was war da los?

Es war eine bewegte Zeit. Kongresse über Aids, Linke und Grüne haben sich für Aufklärung engagiert. Aber es gab auch Politiker wie Peter Gauweiler von der CSU. Auch der hat sich engagiert, aber auf eine Weise, die Ausgrenzung von Infizierten verlangt hat anstatt Information, also: erst mal die schädlichen Geschöpfe aus dem Verkehr ziehen. Dagegen gab es heftige Proteste, mein Kollege Rosa von Praunheim war da sehr aktiv und hat Aktionen durchgeführt hat, an denen auch ich beteiligt war. Gauweiler wollte die Gefahr bannen, dass Aids zur Seuche wird. Das hat er mit seinen Maßnahmen zum Glück nicht geschafft und er hat ja auch den Prozess gegen uns verloren.

Welchen Prozess?

Es ging um eine Szene, die jetzt auch wieder in den "Leiden des jungen Benno Zimmermann" zu sehen ist. Da sagt die Figur des Chris Barnsteg, die in der Wohngemeinschaft mit Benno lebte: "Gauweiler und Co., das sind alles Faschisten." Also die Schauspielerin sagt einen Satz, der ihr vom Drehbuch vorgegeben ist. Merkwürdigerweise haben Gauweilers Anwälte versucht, die Schauspielerin anzuklagen, also nicht den Autor, nicht den Regisseur, nicht den WDR. Nein, sie haben die Schauspielerin verklagt.

Mit Erfolg?

Nein, Gott sei dank nicht. Wenn sie damit durchgekommen wären, dann hätte sich fortan jeder Schauspieler genau überlegen müssen, was er noch sagen darf. Kann ich das verantworten oder kriege ich jetzt einen Prozess an den Hals? Da wurde der Versuch gemacht, Künstler in der Ausübung ihres Berufes zu manipulieren. Schillers "Gebt Gedankenfreiheit!" hätte dann schon den Schauspieler ins Gefängnis gebracht. So hat man versucht, die Freiheit des Schauspielers, der einen vorgegebenen Text interpretiert, zu beschränken.

Es gibt seit einigen Jahren eine weitere Figur in der "Lindenstraße", die mit HIV lebt: Felix, der Adoptivsohn des schwulen Ehepaares Karsten Flöter und Georg Eschweiler. Wie hat Felix sich infiziert?

Über die Mutter. Er wurde mit HIV geboren.

Und wie hat sich seine Mutter das Virus eingefangen?

Die Mutter hatte irgendeinen durchreisenden Schweden, eine ungeschützte, also nicht safe Sexbegegnung. Aber fragen Sie mich jetzt nicht nach dem Namen.

Also ist Felix in der Zuschreibungslogik ein "unschuldiges" Opfer. Wollen Sie unbedingt vermeiden, dass Aids im Zusammenhang mit Homosexualität thematisiert wird?

Nein, überhaupt nicht. Wir haben ja zwei homosexuelle Väter, die sich permanent mit dem infizierten Felix beschäftigen. Homosexualität und Aids gehört genauso zusammen wie Heterosexualität und Aids und Männchen und Weibchen und Aids. Da habe ich keine Berührungsängste. Ich habe ja erklärt, warum unser erstes Aidsopfer kein Homosexueller sein sollte. Heute ist eine riesige Liberalität da im Vergleich zu damals, als wir Aids zum ersten Mal thematisiert haben. Ich bin auch überzeugt davon, dass die "Lindenstraße" dazu beigetragen hat, dass Homosexualität heute lockerer und selbstverständlicher behandelt wird als vor 20 Jahren. Aber trotzdem: Wenn wir jetzt wieder Aids machen sollten, würde ich mir überlegen, ob ich die immer noch diskriminierten Minderheiten als Fallbeispiel nehme oder jemanden, der diese Diskriminierung nicht aushalten muss.

Was ist mit Karsten Flöter, dem von Georg Ücker gespielten schwulen Arzt? Er hat ja seit geraumer Zeit ein Drogenproblem, ist tablettenabhängig und trinkt ziemlich viel. Und er hatte im betrunkenen Zustand schon etliche One-Night-Stands. Ist doch komisch, dass da nie die Frage nach Safer Sex auftaucht. Kann Karsten im volltrunken Zustand noch an ein Kondom denken?

Warten Sies ab. Das darf ich noch nicht verraten.

INTERVIEW: KLAUS WALTER

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de