Kommentar

Folgen eines Großversuchs

Mit der Abriegelung des Gaza-Streifens im vergangenen Jahr startete Israel ein "Experiment", das nun zum Kollaps der palästinensischen Gesellschaft führt.

"Das große Experiment", so nannte der israelische Publizist Uri Avnery im vergangenen Jahr sarkastisch die Abriegelung des Gaza-Streifens. Was passiert in diesem Laboratorium, wenn die Insassen von der Außenwelt abgeschnitten werden? Werden die 1,3 Millionen Palästinenser auf die Knie fallen und um Gnade bitten? Die Ausgangsbedingungen für das "Experiment Hunger" seien jedenfalls ideal, so Avnery: die Infrastruktur zerstört, die Arbeitslosenrate bei 80 Prozent.

Das war im Herbst letzten Jahres. Inzwischen zeigen sich die ersten Ergebnisse des Großversuchs. Zunächst bäumten sich die Insassen noch auf, indem sie in großer Mehrheit der islamistischen Hamas ihre Wählerstimmen gaben, was die Außenwelt mit einem Aufschrei quittierte. Bald darauf schossen sie aus ihrem Käfig heraus mit primitiven Raketen in Richtung Israel. Dann begannen sie, sich gegenseitig zu zerfleischen.

Auf einen Machtkampf zwischen Hamas und Fatah lassen sich die Vorgänge im Gaza-Streifen kaum noch reduzieren, deren Führungszirkel haben offensichtlich kaum noch Kontrolle über ihre unteren Ränge. Was wir erleben, ist vielmehr die "Somalisierung" des Gaza-Streifens. Allein in den letzten zwei Tagen wurden 18 Palästinenser getötet, seit Mitte Mai sind über 80 Menschen dem Chaos zum Opfer gefallen. Die palästinensische Gesellschaft ist im Gaza-Streifen praktisch zusammengebrochen. Bislang hielten die großen Familienclans, die "Hamula", die meisten Fäden in der Hand. Doch nun zeigen sie sich von ihrer dunkelsten Seite. Der Gaza-Streifen wird von Warlords und kriminellen Banden beherrscht, politische Differenzen und das Prinzip der Blutrache vermischen sich. Auf offener Straße finden Hinrichtungen statt, Meldungen von Folter machen die Runde, Menschen werden entführt. In der Enklave am südlichen Mittelmeer herrschen Verhältnisse wie im Irak.

Doch draußen sitzen Ehud Olmert, Condoleezza Rice und Angela Merkel noch immer über ihre Mikroskope gebeugt und warten. Worauf eigentlich? Auf einen palästinensischen Kniefall? Oder die Implosion des Labors?

 

Karim El-Gawhary arbeitet seit über zwei Jahrzehnten als Nahost-Korrespondent der taz mit Sitz in Kairo und bereist von dort regelmäßig die gesamte Arabische Welt. Daneben leitet er seit 2004 das ORF-Fernseh- und Radiostudio in Kairo. 2011 erhielt er den Concordia-Journalistenpreis für seine Berichterstattung über die Revolutionen in Tunesien und Ägypten, 2013 wurde er von den österreichischen Chefredakteuren zum Journalisten des Jahres gewählt. Sein letztes von drei Büchern, „Frauenpower auf Arabisch“, ist im Herbst 2013 erschienen.

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