Die sollen böse sein?

Die Radsportler Jan Ullrich und Bjarne Riis sind zum Dauerskandal geworden: Immer neue Details ihrer Dopingvergehen werden vermeintlich enthüllt. Geht es wirklich um Aufklärung?

Was für eine Nachricht! Beim deutschen Radrennstall Team Telekom wurde in den 90er-Jahren systematisch gedopt. Das wussten wir doch schon, oder? Oder haben wir es nur geahnt? Sind die Enthüllungen des ehemaligen Telekom-Masseurs Jef dHont in der aktuellen Ausgabe des Spiegel der Beleg für all die finsteren Vermutungen, die wir schon immer hatten?

DHont, durch den Vorabdruck seiner Erinnerungen Kronzeuge eines Dopingskandals im Team Telekom der 90er-Jahre, hat schon vor vier Wochen im belgischen Fernsehen mächtig Dampf abgelassen. Bjarne Riis, der dänische Telekom-Profi, sei bei seinem Toursieg 1996 mit dem Blutdopingmittel Epo regelrecht vollgepumpt gewesen. Verantwortlich seien dafür die Teamärzte gewesen, die "Freiburger Ärzte", wie dHont damals sagte. Längst hat einer der gemeinten Mediziner alle Anschuldigungen zurückgewiesen - jener Lothar Heinrich, der als leitender Arzt des inzwischen in "T-Mobile Team" umgetauften Rennstalls verantwortlich für den Umbau der Renngruppe zur dopingfreien Mustertruppe ist.

Jetzt packt er die ganze Story aus. Jan Ullrich und Bjarne Riis, das radelnde Doping-Duo auf dem Spiegel-Cover, sind Hauptfiguren in einer Art Dauerskandal. Ist denn wirklich neu, was der Belgier uns zu sagen hat? Politik ist ein schmutziges Geschäft und der Radsport verseucht. Das ist so. Da kann uns doch die Lebensbeichte eines dopenden Betreuers nicht wirklich vom Hocker reißen. Oder doch?

Wieder einmal war es ein "Soigneur", der aus dem Innenleben des Radsports berichtet. So werden jene Mitarbeiter eines Radsportteams genannt, die für die Krankenpflege, das Massieren der rasierten Beine zuständig, Zeugwart und nicht selten Ansprechpartner für Seelenwehwehchen der Radler sind. 1999 erschien in Deutschland das Buch "Gedopt" von Willy Voet, der als Soigneur des Festina-Teams der Protagonist des bis dato größten Dopingskandals in der Geschichte des Radsports war. Er wurde 1998 an der französischen Grenze mit 534 Doping-Ampullen erwischt, mit der die Festina-Profis fit gemacht werden sollten für die Tour de France. Es war eine erschütternde Darstellung der Szene. Die Rezepte wahrer Drogencocktails sind da nachzulesen, das für den "belgischen Topf" etwa. Das ist ein Gebräu aus Kokain bzw. Heroin mit Koffein und Amphetaminen. Einer der prominentesten Radler, der damals im Fokus der französischen Ermittler stand, war Richard Virenque, mehrfacher Berg-Champion der Tour de France. Als ein Labor den Nachweis liefert, der Franzose habe mit Epo gedopt, meldete sich ein gewisser Lothar Heinrich zu Wort. Als Arzt und ein wenig wohl auch als Anwalt des Fahrers. Das Verfahren ist "wissenschaftlich nicht haltbar", sagte er. Die Szene hielt zusammen. Wer nicht überführt wurde, bezeichnete sich als rein. Das Peloton surrte weiter über die Landstraßen und die Ahnung, dass nichts, aber auch gar nichts in Ordnung sei im Radsport, rollte im Windschatten mit.

Und jetzt das! Da schreibt einer auf, was alle seit Jahren vermuten. Und doch geht ein Aufschrei des Entsetzens durch die Medien. Weil es unser Rennstall ist, den es betrifft? Klar, die Italiener, die haben mit Epo gedopt, seit es Epo gibt. Die Spanier auch. Wie sonst ist zu erklären, dass sie die Berge so viel besser hinaufradeln konnten als die meisten deutschen Profis. Und Lance Armstrong sowieso. Lange war das Team Telekom, der einzige deutsche Rennstall, der den einzigen deutschen Toursieger hervorgebracht hat. Jan Ullrich ist im Sog des spanischen Blutdopingskandals zur Witzfigur verkommen. Er gilt als überführt, als Lügner, böser Bube. Der Toursieger Ullrich 1997 ein Engel? Der überführte Gaga-Ulle 2006 ein Teufel?

Der Vorabdruck der Memoiren dHonts liest sich wie ein geschmeidig formulierter Agentenbericht. Alle zwei Tage eine Epo-Injektion. Der Wunsch der Rennfahrer, an sich herumzumanipulieren, die Ärzte als willige Vollstrecker der Wünsche des Teamchefs Walter Godefroot. Und vor allem eines: das große Schweigen. Auch die Aufzeichnungen der Guardia Civil in Spanien, die die Ermittlungsergebnisse in der Blutdopingaffäre um den Arzt Eufemiano Fuentes zusammenfassen, lasen sich wie ein Thriller. Illegaler Geldfluss, konspirative Treffen, irrwitzige Decknamen und hunderte von Blutbeuteln. Es war eine spanische Affäre. Die deutschen Übeltäter Ullrich und Jörg Jaksche wurden als Einzeltäter in die Ecke gestellt. Das T-Mobile Team präsentiert sich als Anti-Doping-Rennstall, der angeblich auch dann noch von seinem Hauptsponsor finanziert wird, wenn es hinter all den miesen Dopern hinterherrollt. Alles bestens bei den rosa Radlern. Die sollen wirklich einmal so böse gewesen sein? Udo Bölts, der ewig rechtschaffene Helfer Ullrichs aus jener Zeit, reagierte prompt auf die Lebensbeichte des Masseurs: "Schwachsinn!", polterte er. Es wird nicht wenige geben, die ihm glauben wollen. Das Team Telekom der 90er war unser Team, Jan Ullrichs Erfolg bei der Tour 97 unser Sieg. Ein Belgier nimmt ihn uns weg. Wir ahnen, dass er recht hat. Aber wollen wir ihm glauben?

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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