Kolumne Eben

Dialektik des Rumnervens

Studenten nerven. Das ist ihr Job. In der Hysterie um das „Münkler-Watch“-Blog aber wird der aufmüpfige Student zum Bombenleger gemacht.

Blink. Blink. Achtung, Achtung! Bombenleger-Studis in der Vorlesung Bild: dpa

Studenten nerven. Rumnerver könnte sogar ihre standardisierte Profilbeschreibung sein. Richtig schlimm nerven sie dann, wenn sie glauben, ein Naturrecht auf Ermäßigung zu haben und dafür bis vor UN-Sondergerichte gehen, wenn ihnen Schwimmbäder und Busfahrer den vollen Eintrittspreis abknöpfen wollen.

Sie nerven aber vor allem, weil sie Besserwisser, Klugschwätzer, Rechthaber sind, weil sie sticheln und pieksen und bohren und ständig alles in Frage stellen. Besonders nerven sie aber natürlich, wenn sie auch noch so was wie links sind. Dann kommt zum permanenten Fingerschnipsen, das mal auf der Suche nach Anerkennung, mal auf der Suche nach Erkenntnis ist, auch noch der Sound der Werkstoragitation, der dem Statuseintrag als Rebell im Getriebe staatlicher Institutionen möglichst viele Likes bescheren soll. Das kann verdammt nerven, zumal in den vergangenen Jahren, in denen der fingerschnipsende Widerspruch schon bei der Ansprache einer Person beginnt.

Das allerdings, was linke Studenten in der vergangenen Woche über sich lesen mussten, war nicht Genervtheit. Es war Hysterie, eine, die der um den „langhaarigen Bombenleger" aus dem Deutschen Herbst starke Konkurrenz macht.

Denunzianten und Feiglinge

Der Professor für politische Theorie, Herfried Münkler schmähte die Betreiber des „Münkler-Watch"-Blogs, in dem ihm „Extremismus der Mitte" vorgeworfen wird, als „Denunzianten" und „Feiglinge". Seine Verteidiger, das kann man überall nachlesen, fanden das auch und warfen den Watchdogs in ihren Berichten vor, gar keine Studenten zu seien, sondern nur „angebliche", „vermeintliche", „behauptete". „Trotzkisten" und „Blockwart" hatte der Professor die Wächter genannt, „Linksextreme" hießen sie dann in der Presse.

Die wusste, dass „Linksextreme" auf Plattformen wie Indymedia unterwegs sind, wo „Mordaufrufe und Bombendrohungen" verbreitet würden. Nicht schlecht. Schlechter recherchiert eigentlich nur der Verfassungsschutz, wenn es um Rechtsextreme geht. Das Grimme-Institut hatte Indymedia noch für den Förderungspreis Medienkompetenz nominiert, die Mordaufrufe haben die sicher übersehen.

Wie würden die Leute genannt werden, wenn herauskäme, dass hinter denen, die das Blog „Münkler-Watch" betreiben, ordentlich eingeschriebene, also Gebühren zahlende und stinknormale, nicht mit Bomben drohende und zu Mord aufrufende, inhaltlich und begrifflich vielleicht nicht besonders präzise Studenten stecken?

Kann man ernsthaft denken, dass ein Dutzend Studierende einen in der Öffentlichkeit auf größten Podien sprechenden Professor in seiner freien Meinungsäußerung bedrohen und die Aufzeichnung seiner Vorlesungen mit Mordaufrufen vergleichen?

Aus dieser Hysterie spricht wohl eher die eigene Anst, dass eventuell irgendwas auch nicht ganz ok ist mit den eigenen Vorstellungen von Welt, Geschlecht, Krieg, Kapitalismus und Angel Merkel. Man ist ganz froh, wenn Akademiker den Job übernehmen, die Welt, wie sie ist, so in Frage zu stellen, wie es gerade der Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaftler Joseph Vogl vorzeigbar tut.

Asymmetrische Theorien

Sand im Getriebe aber lässt sich nicht gut vorzeigen. Das knirscht, das tut weh. Man kann dieses Wachhundprinzip und vor allem seine polizeiliche Reflexhaftigkeit - wer Carl Schmit zitiert, ist Fascho, wer Witze über gegenderte Sprache macht, Sexist - falsch und nervig finden. Man kann das nervtötende Kläffen aber auch zum Anlass nehmen, mal genauer hinzugucken, was die eigentlich für politische Theorie zuständigen deutschen Lehrstühle derzeit so an asymmetrischen Theorien zu bieten haben.

Adorno - ebenfalls nicht zimperlich mit Faschismusvergleichen für aufmüpfige Studenten - hatte es auch mit inhaltlich und begrifflich nicht sonderlich präzisen Studenten zu tun. Wenn sie es arg trieben, rief er auch schon mal die Polizei. Und es gibt bis heute Leute, die behaupten, dass Adorno an den Folgen des „Busenattentats" starb.

Nun, man kann sich über allerlei aufregen und daran sterben. Aber würde es nicht eine Pflichtverletzung der Rumnerver sein, würden sie einem Professor für kritische Theorie und dialektisches Denken die Dialektik des Dekollétes vorenthalten? Eben.

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seit 2008 Redakteurin der taz, seit 2012 taz.am Wochenende, davor Redakteurin bei „Jungle World“ und „Sport-BZ“

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