Theater im Krieg

Mein Nikolajewka

Zwischen Krieg und Frieden versuchen Jugendliche im Osten der Ukraine mit dem Leben dort fertig zu werden - indem sie es spielen

Von hier oben ist Nikolaewka schön. Bild: Ielizaveta Smith

NIKOLAJEWKA taz | Während einer frostigen Woche im April, etwa hundert Kilometer hinter der Front, bastelt sich Viktoria Gorodynska den Mann, der ihr das Herz brechen wird. Sie schneidet seine Silhouette aus Pappe aus, sie wickelt mit Klebeband einen weißen Plastikstiel daran. Gorodynska, die 13 Jahre alt ist und deren rotes Haar hell leuchtet, sie wird die Geschichte erzählen, wie ihr Freund sie verlassen hat, weil er glaubt, sie stünde auf der falschen Seite.

Wie immer weckt sie an diesem Donnerstagmorgen das Vibrieren ihres Handys, sie liegt auf der roten Schlafcouch in ihrem Zimmer. Von der Wand grinst eine Stoffblume ein Smileylächeln. Heute wird sie wieder den Deutschen sehen, den Regisseur. Sie freut sich darauf.

In der Schule werden sie ein Theaterstück aufführen. Es soll davon handeln, wie Nikolajewka, ihre Stadt, erst von Separatisten besetzt, dann von der ukrainischen Armee zurückerobert wurde. Das Stück soll zeigen, wie sie alle damit fertig werden, was hier im Sommer 2014 geschah.

Eine Woche haben sie Zeit herauszufinden, was genau sie machen wollen. Von Donnerstag bis Donnerstag, bis zur Aufführung. Eine Woche, um sich ein Stück auszudenken und es einzuüben.

Viktoria Gorodynska wird eine Geschichte über ihre Liebe zu Russland erzählen und zu einem Jungen aus der 11. Klasse, der sagt, er sei für die Russen. Es ist die Geschichte eines Armbandes, das sie ihm genäht hat. Ein Armband in Weiß-Blau-Rot, den Farben der russischen Flagge.

Keine einfache Geschichte in dieser Stadt, die mehrere Monate von den Soldaten aus der Donezker Volksrepublik besetzt war. Russische Soldaten, wie viele in Nikolajewka sagen.

Viktoria Gorodynska frühstückt in der hellen Küche der kleinen Wohnung, die sie mit ihrer Mutter teilt. Sie nimmt die dicke blaue Jacke vom Haken, Blau ist ihre Lieblingsfarbe, weil es beruhigt und weil sie findet, dass es zu ihrem Teint passt, zu ihrem Haar.

Drei Tage kämpfte die Armee um die Stadt

Wenn sie aus der Tür tritt, zieht sich rechts ihr Wohnblock weiter, fünf Stockwerke hoch, eine kleine Lücke für eine Straße aus Betonplatten, dann wieder Wohnblocks. Die Häuser umschließen grünen Rasen, auf dem Wäschestangen und Klettergerüste rosten, wenn Sonnenstrahlen darauf fallen, leuchten sie noch grün, gelb und blau. Sie kann ihre Schule von der Haustür sehen, dort, hinter ein paar Bäumen. Sie ist aus denselben weißgrauen Steinen gebaut wie das Haus, in dem sie wohnt, wie viele Häuser in Nikolajewka, sie sehen aus, als hätte man ein Badezimmer mit seinen Kacheln nach außen gestülpt.

Die Schule Nummer 3 hatte 330 Schüler und Schülerinnen vor dem Krieg und 260 danach. Viktoria Gorodynska läuft eine Minute, dann ist sie da. Sie geht kerzengerade, ernst. Sie lächelt nicht oft, und wenn sie es doch tut, versickert die Freude meist auf dem Weg vom Mund zu den Augen.

An ihrem Schreibtisch näht Viktoria Gorodynska Armbänder. Manche verschenkt sie an Freunde, andere verkauft sie. Bild: Khrystyna Lizogub

Drei Tage lang, vom 3. bis zum 5. Juli, kämpfte die ukrainische Armee, um die Stadt von den Separatisten zurückzuerobern. Nach offiziellen Angaben sind dabei 20 Menschen gestorben, in der Stadt sprechen sie von mindestens doppelt so vielen Opfern. Eine Fliegerbombe soll die Schule Nummer 3 getroffen haben, sagen die einen, ein Artilleriegeschoss der Separatisten, sagen die anderen, es war Raketenbeschuss, behaupten sie in der Stadtverwaltung, wer weiß das schon so genau, das Hinterland des Krieges ist das Land der Gerüchte und Vermutungen. Etwas jedenfalls hat die Schule in Nikolajewka getroffen, zu sehen auf Fotos, eine Druckwelle presste alle Fenster aus den Rahmen. Eingestürzte Wände, Löcher im Dach, als hätten sich riesige Klauen daran vergangen.

Die Lehrerinnen sind Frauen in grauen Kostümen, die Lippen präzise in kräftigem Rot geschminkt, der Gang gestreng, die Direktorin eine Königin unter Königinnen, sie sagen, sie hätten geweint, als sie ihre Schule nach dem Angriff wiedersahen.

Die Schule ist geflickt. Geht das auch mit Menschen?

Heute kann man die Löcher und Brüche meist nur mehr ahnen, unter manchen Fenstern quillt aus unverputztem Stein noch Bauschaum hervor. Die neuen Türen aus hellem Holz wirken in den alten Wänden grell und fremd, als führten sie in Räume jenseits dieser Wirklichkeit.

Die Schule ist geflickt.

„Der Krieg ist eine Prüfung“, sagt Viktoria Gorodynska. „In manchen Menschen bringt er das Gute hervor, in anderen das Schlechte.“

Menschen kann man nicht flicken.

Oder?

Georg Genoux sagt, er versuche genau das. Theater, sagt der deutsche Regisseur, 38 Jahre alt, Studium in Russland, seit 18 Jahren arbeitet er in Osteuropa, habe die Möglichkeit, auch in solchen Konfliktgebieten zu helfen, Seelen zu reparieren oder doch wenigstens Geschichten zu teilen. Deshalb ist er in die Schule Nummer 3 gekommen. „Der Schmerz vergeht auch dadurch nie“, sagt er, „aber Menschen können so irgendwann lernen, mit ihren Erlebnissen umzugehen.“

Mit dem Krieg.

Genoux ist für die Gruppe „Neuer Donbass“ hier, Künstler aus Kiew, die im August geholfen haben, die Schule wieder aufzubauen und seither immer wieder kommen, unbezahlt. Das Geld für den Wiederaufbau, 30.000 Euro, gab eine Investmentfirma.

Viktoria Gorodynska trägt schwarze Turnschuhe mit hohen weißen Sohlen, sie halten die Kälte des Bodens fern, die sonst schon nach wenigen Minuten in die Füße kriecht, über die Beine in die Arme, die nach spätestens zwei Stunden anfangen zu zittern. Es wird in den kommenden Tagen nicht wärmer werden als 14 Grad Celsius. In der Schule sagen sie, der Staat habe die Heizperiode am 15. April für beendet erklärt, es fehlt das Geld.

In einem kleinen, viel zu hohen Raum im zweiten Stock des Schulgebäudes sitzt sie neben Georg Genoux. Sie hat die blaue Jacke ausgezogen und ihren grünen Pullover mit den goldenen Sternen anbehalten. An drei Holztischen haben sich dreizehn Schülerinnen und Schüler versammelt. Eine Woche werden sie hier proben. Danach, am letzten Tag, ist die Aufführung.

Eine Schülerin spricht kaum. Sie zeichnet. Bild: Maria Schapowal/Zeichnung

Sie üben das Erzählen an der Grenze. Auf der Linie zwischen dem Land, das die ukrainische Regierung tatsächlich kontrolliert, und dem Teil, der nur noch auf offiziellen Karten dazugehört. Der Intercity aus Kiew fährt vom Bahnhof in Slawjansk knapp 50 Kilometer weiter, dann: Endstation. Früher führte die Strecke weiter bis Donezk, aber irgendwo verläuft jetzt eine Grenze, eine Waffenstillstandslinie, eine Front. Zwischen Ukraine und Donezker Volksrepublik. Zwischen Krieg und Frieden.

Und für sie alle auch: zwischen der Kindheit und dem, was danach kommt.

Dieser Text ist am 16./17. Mai 2015 in der taz.am wochenende erschienen. Die taz.am wochenende gibt es immer samstags am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

Dokumentarisches Theater, Georg Genoux macht das seit vielen Jahren. Die Schüler sollen erzählen, was sie erlebt haben. Im Krieg. Im Leben abseits des Krieges.

Kateryna Sawjalowa, genannt Katja, 10. Klasse, 16 Jahre alt. Als sie neun war, hat sie einen Obdachlosen im Keller ihres Hauses entdeckt und ihn mit Suppe gefüttert. Auf ihrem Puppengeschirr. Das ist ihre erste Geschichte. Ihre zweite ist die eines Vogels an einer silbernen Kette. Das Geschenk eines guten Freundes, der sagte, sie seien ab jetzt für immer zusammen. Er ging in die ukrainische Armee und fiel im Krieg.

Anatolij Skatkow, 9. Klasse, 15 Jahre alt. Als die Kämpfe in Nikolajewka heftiger wurden, wollte seine Familie fliehen. Er erzählt, wie er seinen Tennisball suchte und nicht fand und dass er seinen Vater in der Stadt lassen musste, Schweißer im Kraftwerk, versteh doch, ich kann den Job nicht riskieren und einer muss auf die Großeltern aufpassen.

Sie erzählen ihre Geschichten mit Gegenständen, die ihnen wichtig sind. Katja hat ihre Kette dabei. Anatolij knetet seinen Tennisball.

Viktoria Gorodynska, genannt Vika, 8. Klasse, will von ihrem Armband erzählen.

Der Titel des Stückes lautet „Mein Nikolajewka“.

Nikolajewka, das ist: sieben Schornsteine, sieben hohe Säulen aus Stein, zu jeder Zeit unter Rauch, sie überragen die Stadt. Ohne das Kraftwerk, das Strom für das benachbarte Slawjansk erzeugt, sagen sie hier, gäbe es Nikolajewka gar nicht. Der Chef des Kraftwerks, das flüstern die einen, sei der Mann, der diese Stadt beherrsche, während andere laut lachen, wenn sie so etwas hören. Wer in Nikolajewka Arbeit hat, der arbeitet meist unter den Schornsteinen.

Abgründe, die früher Küchen waren

Wie ein Fleck aus Stein liegt die Stadt zwischen Hügeln und künstlich angelegten Seen, wer die knapp 16 Kilometer aus Slawjansk mit dem Auto fährt, sieht am Ortseingang als Erstes einen Wohnblock, in der Mitte hat ihn eine große Kraft fast durchgerissen, teilte Zimmer und Flure, hoch oben hängen Schränke über Abgründen, die einmal Küchen waren, in manchen stehen noch die Teller. Links davon wohnen Menschen, rechts auch. Sie haben keinen anderen Platz.

„Mein Nikolajewka“, ein schlichter Titel, der Raum soll jetzt Viktoria Gorodynska und den anderen gehören.

Meist gehört er Georg Genoux. Ein Meter vierundachtzig groß, 102 Kilogramm schwer, ein Bart um das runde Gesicht. Er steht immer breitbeinig, wie ein Kampfsportler. Wenn jemand zu viel redet, hebt er seine dunkle Stimme: „Sluschajte“ – „Hört zu!“. Wenn er möchte, dass es schneller geht, ruft er „Ajde“, so wie es in Bulgarien üblich ist, dort leitet er ein Theater, noch, im Sommer geht er nach Kiew, um ein neues zu gründen.

Georg Genoux ist gern in Osteuropa. Er mag auch den Westen, weiß aber nicht, wo dort sein Platz sein sollte. Bild: Khrystyna Lizogub

„Das Wichtigste sind mir die Leute in Nikolajewka“, sagt Genoux, „die müssen hier zu Wort kommen und trotz der Öffentlichkeit eines Theaterstücks einen Raum haben, der so behütet ist wie möglich.“

Er schützt die freiwilligen Helferinnen, drei Künstlerinnen aus Kiew, die mit ihm gekommen sind. Selbst in den Supermarkt um die Ecke lässt er sie nur zu zweit. „Das hier ist immer noch Kriegsgebiet, in der Stadt ist nicht jeder damit einverstanden, dass wir hier sind“, sagt er.

Nikolajewka sei gespalten. Allerdings würden sich die, die ihre Stadt lieber in der Hand der Separatisten sähen, nicht mehr so laut zu Wort melden. Bevor die ukrainische Armee kam, hat man ihnen hier erzählt, die Faschisten aus Kiew würden Säuglinge an die Bäume nageln. Das ist nicht passiert, aber das Misstrauen bleibt: Wird die ukrainische Armee sich doch noch dafür rächen, dass einige die andere Seite unterstützt haben?

Vielleicht kommen aber auch die Separatisten zurück. In der letzten Aprilwoche hat Alexander Sachartschenko, der Chef der „Donezker Volksrepublik“, dem Magazin Spiegel gesagt, er beanspruche das gesamte Gebiet des früheren Bezirkes Donezk. Nikolajewka gehört dazu. Man wolle es sich zurückholen. Friedlich. Wenn möglich.

Unter der Schule Nummer 3 gibt es einen Keller, einen Rückzugsort

Vor einem Jahr schaute die Welt, oder zumindest ein größerer Teil von ihr als heute, nach Slawjansk. Die Separatisten hatten das Gebiet besetzt. Ab Mai griff die ukrainische Armee an. In Nikolajewka flohen viele, vor allem Frauen und Kinder, auch Viktoria Gorodynska, 300 Kilometer in den Süden, ans Asowsche Meer. In einem Ferienlager kamen sie unter. Andere blieben. Unter der Schule Nummer 3 gibt es einen Heizungskeller. Auf Matratzen sollen dort mehr als 100 Menschen aus den umliegenden Wohnblöcken ausgeharrt haben.

Wer in den Häusern um die Schule keinen sicheren Unterschlupf fand, floh in den Keller unter dem Gebäude. Bild: Khrystyna Lizogub

In Nikolajewka fragen sie sich jetzt, ob das wieder passiert. Ob sie bald wieder vor der Wahl stehen, für welche Seite sie sich entscheiden.

Gibt es die eine richtige Seite?

„Ja nje snaju – ich weiß es nicht“, sagt Iwan Schylo, genannt Wanja, 10. Klasse, 16 Jahre alt. Ein großer, schlaksiger Junge, der geht wie ein müder Storch, mit weiten, langsamen Schritten. Im Theaterstück spricht er darüber, wie er mit seiner zweijährigen Schwester spielt. Er trinkt nicht, sagt er. Er liest viel. Er geht oft hoch auf die Hügel über Nikolajewka. Unten Rechtecke in Weiß, Quadrate in Rot, das verwaschene Grau der Kachelsteine. Von hier oben ist Nikolajewka schön.

Iwan Schylos Schuhe sind rutschig vor Schlamm, der Weg führt über matschige Pfade, vorbei an dem Wellblech, dem verwitterten Holz kleiner Gartenhäuschen. Eine einzelne Birke überragt alles, ihr Weiß strahlt vor dem Braun von Erde und Wald. Schylo hat sie entdeckt, als er zwölf war, er ist gern hier. Wenn er Ärger mit seinen Eltern hat, die streng sind. „Sie lieben mich, aber ich muss das manchmal erst verstehen“, sagt er. Er klettert dann in die Äste und schaut in den Himmel.

Gibt es eine richtige Seite in diesem Krieg, Iwan?

„Ich weiß es nicht.“

Aber bist du denn nicht für jemanden?

„Ich weiß es nicht.“ Jetzt werde Geschichte geschrieben und irgendwann werde feststehen, wer die richtige Seite gewesen sei.

Er würde gern mal auf die Krim fahren, sagt Iwan Schylo. Per Anhalter mit einem Freund. Sie seien hier auch schon mal mit dem Motorroller unterwegs gewesen, aber natürlich nicht allzu weit. Die Eltern.

Reisen ist eine Möglichkeit, mit dem Krieg umzugehen. Reisen in die Welt da draußen. In die Welt tief in einem selbst.

Iwan, wer hat Schuld an diesem Krieg?

Es gibt diesen einen Moment, da strafft sich der ganze Körper, die Stimme, sonst schwankend zwischen Kind und Mann, wird fest, mit Händen in schwarzen Handschuhen formt Iwan Schylo ein Land, das er dann wieder auseinanderfallen lässt. Seit dem Ende der Sowjetunion hätten die Regierungen darin versagt, einen starken Staat aufzubauen, sagt er. „Mehr als zwanzig Jahre lang. Kein Wunder, dass es dann so einfach war, die Ukraine auseinanderzunehmen.“

Die Erwachsenen, sie haben es nicht vermocht, das Land zu schützen. Ihn. Auf solche Schwäche kann man wütend werden.

Hat er Angst, dass der Krieg wiederkommt?

„Ich habe keine Angst“, sagt Iwan Schylo, „als hier die ersten Granaten einschlugen, da saß ich im Hof unseres Hauses und habe gar nichts gefühlt.“

Haben deine Eltern dich nicht ins Haus gerufen?

„Die Einschläge, die Front, das war da ja noch weit weg.“

Alle sagen, was sie denken. Oft ist das hart

Die Front, mit den Panzern, Geschützen, den Raketenwerfern. Derzeit ist sie von Nikolajewka aus nicht zu sehen. Aber sie ist da, sie trennt Familien, Freunde.

Schränke hängen über Abgründen, die einmal Küchen waren. Bild: Alina Kobernik

Viktoria Gorodynska weint. Sie will die Tränen zurückdrängen, sie reibt sich die Augen, sie faltet die Hände vor dem Mund, wenn sie spricht. Zwischen den Fingern kommen nur wenige Sätze hervor, wieder und wieder sagt sie dasselbe: „Ich will dieses Ding nicht anziehen.“ Ihr am Tisch gegenüber sitzt Georg Genoux, links von ihr Natascha Woroschbit, die Drehbuchautorin aus Kiew. Es ist Sonnabend, 15.30 Uhr. Der zweite Tag der Proben. Einige der Schülerinnen kommen zu Einzelgesprächen, Genoux und Woroschbit wollen besprechen, wie sie ihre Monologe besser strukturieren können.

Kateryna Sawjalowa hat versprochen, für ihre Geschichte, wie sie den Obdachlosen füttert, einen Teller ihres Puppengeschirrs mitzubringen.

Und nun sagt Viktoria Gorodynska, dass sie ihr Armband mit den Farben der russischen Flagge nicht mehr tragen will.

Warum nicht, Viktoria?, fragt Georg Genoux.

„Weil das hier die Ukraine ist, und das ist die russische Flagge.“

Ich verstehe nicht, sagt Genoux. Bei seinem letzten Besuch hatte sie es doch selbst mitgebracht. Hat sie auf einmal Angst, die russische Fahne zu tragen? Angst, ihre Meinung zu sagen? Er ist unsicher. Deshalb fängt jetzt er an zu erzählen, in immer längeren Sätzen. Wie er sechzehn Jahre lang in Moskau gelebt hat und Russland liebt, aber hasst, was der Kreml aus dem Land macht. Dass sich ein guter Freund von ihm abgewandt hat, weil er nicht damit einverstanden ist, wie sich Genoux in der Ukraine engagiert. Deshalb machten sie hier Theater, es sei wichtig, solche Dinge anzusprechen, auszusprechen.

Sie sei verletzt gewesen, als sie das russische Armband zum ersten Mal gesehen habe, sagt Natascha Woroschbit, die Drehbuchautorin. Sie trägt auch ein Schmuckstück, das ukrainische Wappen, als Kette um den Hals. Für sie greift Russland ganz klar ihr Land an. Aber sie seien nicht hierhergekommen, um alles mit ukrainischen Farben zu übermalen. Sie wolle kein Theaterstück machen, in dem so getan werde, als sei alles gut.

Sie wolle das Armband nicht sehen, aber sie müsse. Jetzt weint auch sie.

Die Leute, die aus der Hauptstadt hierherkommen, haben mit der Schule Nummer 3 einen Deal: Alle sagen, was sie denken. Oft ist das hart.

Viktoria, was denkst du?, fragt Georg Genoux.

Und dann erzählt sie. Wie ihr Freund sich mit ihr gestritten hat, weil sie sich mit den Leuten aus Kiew abgibt. Gehörst du zu uns oder zu denen? Er hat sie verlassen, weil sie sich für die falsche Seite entschied. Er will noch seinen Abschluss machen an der Schule Nummer drei und dann nach Donezk gehen und für die Separatisten kämpfen.

„Alles, was mit Russland zu tun hat, erinnert mich an diesen Menschen“, sagt Viktoria Gorodynska, in deren Brust es manchmal sticht, ein Herzfehler.

Enttäuschte Liebe. Dann Rauchen, Alkohol, Pillen

Was sie nicht sagt, was ohnehin alle sehen, dass sie jemand Neuen hat. Auch aus der elften, er will nach dem Abschluss nach Kiew. Sie weiß nicht, was für eine Zukunft die Beziehung hat. Das macht es nicht einfacher.

Sie einigen sich, dass Viktoria Gorodynska das Armband bis zur Aufführung in der Schule lässt. Ihre Geschichte wird sie ändern, irgendwie. Sie lacht jetzt.

Viktoria, wie schaffst du es, mit dem Krieg umzugehen?

„Für die Erwachsenen ist es schwerer als für uns Teenager, denn in unseren Leben bewegt sich immer etwas, es geht irgendwohin“, sagt sie. Die Erwachsenen hingegen seien angekommen, hätten bereits etwas erreicht und fürchteten, das zu verlieren. „Seit den Kämpfen bewegen sich die Erwachsenen im Kreis“, sagt sie.

Aber du hast doch auch Freunde durch den Krieg verloren.

„Manche.“ Sascha zum Beispiel, seit der Trennung von ihrem Freund reden sie kaum noch.

Sascha, eigentlich Alexander Babakow, 10. Klasse, 16 Jahre alt.

Er spielt auch im Stück mit, er erzählt eine Geschichte über enttäuschte Liebe und wie er anfing, Drogen zu nehmen, zu verkaufen. Auf einem Stück dicken Papiers stehen fünf Stichpunkte, die ihm helfen sollen, sich an seinen Monolog zu erinnern. Einer davon heißt: Wie ich frech wurde.

Wie wurdest du frech, Sascha?

Wenn er beschreibt, wo er schon überall Wodka getrunken hat, lächelt Sascha Babakow nicht wie ein Gangster. Bild: Ielizaveta Smith

Er erzählt, was er auch im Theater erzählt, erste Liebe mit zwölf, in den Ferien, es traf ihn schwer, dass es so bald vorbei war. Mit zwei anderen Mädchen lief es genauso. Dann Rauchen, Alkohol, Marihuana, Pillen.

Er hat ein Grinsen, für das es im Englischen ein schönes Wort gibt, to smirk, der rechte Mundwinkel verzieht sich zu einem Gangsterlächeln. Das Abgezockte, Zynische würde man ihm eher abkaufen, wenn er nicht höflicher und zuvorkommender wäre als die meisten.

Wenn eine der Künstlerinnen aus Kiew Licht braucht, leuchtet Sascha. Tür aufhalten, Stühle tragen, erledigt alles er.

Sascha Babakow hat Marihuana verkauft. Im Herbst und im Winter vergangenen Jahres haben sie ihn zwei Mal erwischt, die Miliz ein Mal, ein Mal wohl die Nationalgarde, das weiß er nicht genau, vermummte Gesichter, seltsame Uniformen, sie suchten in der Nähe eines Hauses, in dem er Gras zum Trocknen ausgelegt hatte, nach Minen. Er erinnert sich an die seltsamen Spielchen der Vermummten. Du bist doch ein guter Junge, willst du mal eine Granate in die Hand nehmen? Das Gewehr?

Der Vater ruft nur an, wenn etwas mit der Polizei ist

„Ich hatte einfach nur Angst“, sagt Babakow. Sein Mund ausgetrocknet, kein bisschen Spucke. Er erinnert sich auch gut an die Prügel der Miliz, den Schlag in den Magen, von dem er in der Wache zusammengeklappt ist. Da war er fünfzehn. Seine Mutter weinte, er versprach, mit den Drogen aufzuhören. Er sagt, er halte sich daran.

Der Sportplatz von Nikolajewka, ein grüner Fleck am Rand der Stadt, begrenzt von einem Erdwall, auf dem Rasen wächst. Darin eingelassen auf der linken und der rechten Seite Sitzreihen aus Stein. „Dort habe ich meine Geburtstage gefeiert“, sagt Sascha und zeigt nach links. „Und dort auf der Tribüne habe ich oft getrunken.“

Grüne, weiße, braune Glassplitter auf dem Boden. Der liebt die, die liebt den, in die Wände eingeritzt, mit Edding gemalt, zweimal auch DNR, Donezker Volksrepublik. Saschas Vater kämpft dort. In Donezk. Manchmal ruft er die Mutter an. „Er meldet sich, wenn ich etwas angestellt habe“, sagt Sascha. Wenn was mit der Polizei ist.

Vermisst du ihn?

„Am liebsten wäre ich an seiner Seite. Aber ich kann nicht dorthin.“

Heißt das, du willst für die DNR kämpfen?

„Nein. Ich will nur mit meinem Vater zusammen sein. Er ist der Einzige, der aus mir wieder einen Menschen machen kann. Die einzige Autorität, die ich akzeptiere.“

Geschichten als Schattentheater zu erzählen, hat Viktoria Gorodynska von den Künstlerinnen aus Kiew gelernt. Bild: Yelizaveta Smith

Dieser Wunsch steht auch auf seinem Zettel. Der letzte Punkt: Ich möchte wieder so leben wie vorher.

Sie entscheiden, dass der Raum, in dem sie spielen, dunkel sein soll. Sie sperren das Tageslicht mit schwarzen Plastiktüten aus, die sie übereinanderkleben, Bahn für Bahn. Die Schüler sollen einander mit Taschenlampen anstrahlen, wenn sie ihre Geschichten erzählen. Georg Genoux malt einen Plan, wer wen beleuchtet. Sascha auf Katja. Sascha auf Anatolij. Viktoria Gorodynska wird die Geschichte ihrer Trennung als Schattentheater erzählen. Sascha Babakow und Iwan Schylo werden auf den Bänken der beiden Fenster sitzen. Einer hinten rechts, der andere hinten links.

Der Regisseur leuchtet wie ein Revolverheld

Am Montag leuchtet Iwan Sascha mit seiner Lampe ins Gesicht. Sascha brummt ärgerlich. Dann leuchtet er zurück.

Am Dienstag redet Sascha doch einmal wieder mit Viktoria.

Am Mittwochmittag steht Georg Genoux im abgedunkelten Theaterraum, wie Revolver hält er zwei Taschenlampen. Er sucht nach einer stimmigen Reihenfolge, wie die Gegenstände der Kinder im Finale des Stücks angeleuchtet werden sollen. Sie hängen überall im Raum an der Wand.

Natascha Woroschbit, die Drehbuchautorin, nimmt von allen noch schnell einen Satz auf, der am Ende abgespielt werden soll. Wieder und wieder sprechen sie ihn ins Mikrofon.

Sascha Babakow sagt: Als ich jung war, zerriss mich alles in Stücke.

Iwan Schylo sagt: Ich möchte die Welt verändern.

Viktoria Gorodynska sagt: Ich kümmere mich nicht um Politik, ich wähle Menschen.

Am Donnerstagmorgen geht sie wieder zur Schule. Zum Frühstück gibt es dunklen Käse auf weißem Brot.

Sie klebt ihren Exfreund zusammen.

Um 10.16 Uhr kommen alle in den Theaterraum. Die letzte technische Probe. Überprüft eure Lampen, sagt Georg Genoux.

Um 11.31 Uhr geht in einem kleinen Raum in der Schule Nummer 3 in Nikolajewka das Licht aus.

 

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