Fragwürdiges Missbrauchs-Mahnmal

Schmeißt sie doch ins Meer!

In Berlin mahnt ein „Mühlstein“ gegen Kindesmissbrauch – mit einem reichlich fragwürdigen Bibelzitat. Für den Senat geht das in Ordnung.

Symbolisiert dieser Stein tatsächlich das Gewicht, das auf den Opfern von Missbrauch lastet? Foto: Claudius Prößer

Stellen Sie sich Folgendes vor: Ein Verband, der Hinterbliebene von Mordopfern betreut, errichtet mitten in Berlin ein Mahnmal in Form einer Dampfwalze. „Wer Menschen umbringt, gehört platt gemacht“, steht auf der erklärenden Tafel. Wäre das nur geschmacklos? Oder eher ein Aufruf zur Selbstjustiz?

Tatsache ist: In Berlin steht ein solches Mahnmal, auch wenn es anders aussieht, eine andere Tätergruppe ins Visier nimmt und bildungsbürgerlich daherkommt. Es ist der „Mahnende Mühlstein“, aufgestellt von der „Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen e. V.“. Tatsächlich handelt es sich um einen tonnenschweren Stein, der auf einem Platz hinter dem Bahnhof Friedrichstraße ruht und in den Folgendes graviert ist:

„Wer aber einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, dem wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde. Matthäusevangelium, Kap. 18, Vers 6.“

Die Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch wurde 1993 von dem Westerwälder Sozialpädagogen Johannes Heibel gegründet. Ziele des Vereins sind laut Satzung die Beratung Betroffener und Präventionsarbeit, aber auch „Medienarbeit“ und „Erzeugung von Betroffenheit“. Das gelingt dem „Mahnenden Mühlstein“, der seit 2008 durch Deutschland unterwegs ist und von April bis Anfang August in Berlin gastiert, durchaus. Freilich mit einer reichlich fragwürdigen Botschaft.

Linke nimmt Anstoß

Die Linken-Abgeordnete Katrin Möller stieß eher zufällig auf den Stein - und nahm Anstoß daran. Vor allem an der Tatsache, dass der Senat in Person von Gesundheits-Staatssekretärin Emine Demirbüken (CDU) an der Enthüllung mit einem Grußwort teilnahm. Zusammen mit ihrem Fraktionskollegen Wolfgang Albers setzte Möller eine parlamentarische Anfrage auf.

„Befürchtet der Senat nicht“, heißt es darin, „dass die kommentarlose Darstellung dieses Verses und die gewählte Symbolik des Mühlsteins in der gesellschaftlich notwendigen Debatte um die Problematik des Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen eher geeignet ist, die bekannten Forderungen nach der Todesstrafe für Kinderschänder zu bedienen, als zu einer Verdeutlichung des Leids missbrauchter Kinder beizutragen?“

Die Antwort kam von der Staatssekretärin selbst. Der „Veranstalter“, so Demirbüken, habe „in zahlreichen Verlautbarungen wiederholt zu dem Vorwurf Stellung genommen, das Bibelzitat sei eine Forderung zur Wiedereinführung der Todesstrafe“. Er habe dem „immer wieder energisch widersprochen“ und betont, dass „kein Rachefeldzug gegen die Täter“ intendiert sei. So habe auch sie als Senatsvertreterin die Aktion in ihrem Grußwort interpretiert.

„Für mich versinnbildlicht dabei der Mühlstein zweierlei“, zitiert Demirbüken aus ihrer eigenen Ansprache: „zum einen die lebenslange Belastung der Opfer und zum anderen die Schwere und Grausamkeit des Tuns der Täter. Uns alle soll der Mühlstein jedoch an unsere gemeinsame Verantwortung mahnen, mit aller Kraft für die Würde und Unversehrtheit der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen einzustehen.“

Der gewöhnliche Betrachter kennt diese Interpretationen allerdings nicht. Er sieht den Stein und das Zitat. Ob dieses ein geeignetes Vehikel für das Anliegen der Initiative ist, sei, wie Demirbüken schreibt, „so nicht beantwortbar“. Denn: „Es gibt bisher keine Untersuchungen darüber, wie viele Menschen sich von dieser Aktion angesprochen gefühlt haben. Wichtig allein ist die Tatsache, dass der ‚Mahnende Mühlstein‘ Diskussionen und Fragen bei den Betrachtern auslöst.“

Katrin Möller reicht diese Antwort nicht aus: „Ich bin entsetzt, dass das alles noch nicht einmal hinterfragt wird“, sagt die Abgeordnete gegenüber der taz. „Natürlich rechtfertige ich solche Taten nicht. Aber die Forderung nach der Todesstrafe für Sexualtäter ist eine typisch rechtsextreme Position.“ In der Tat: In Leipzig, der einzigen Stadt, die die Aufstellung des Steins bisher abgelehnt hat, gab es prompt Protest von den NPD-Vertretern in der Ratsversammlung.

Widerspruch zur Prävention?

Für Albers und Möller steht die Unterstützung des „Mühlsteins“ auch im Widerspruch dazu, dass das Land Berlin am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité Maßnahmen fördert, die sich an potenzielle Täter wenden: die Forschungsprojekte „Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld“ und „Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch durch Jugendliche“. Natürlich schätze man deren Arbeit sehr, antwortet Demirbüken knapp, aber einen unmittelbaren Zusammenhang zur Mühlstein-Aktion sehe man nicht.

Auf Nachfrage der taz stellt die Staatssekretärin noch einmal klar, dass der Senat die Frage nach der Eignung des Bibelzitats „in so allgemeiner Form gar nicht beantworten“ könne. Denn „mit einem pauschalen Ja oder einem pauschalem Nein“ würde man ja „Wertevorstellungen und Beurteilungen der Rezipientinnen und Rezipienten dieser Aktion auf- bzw. abwerten“. Wichtig für den Senat sei, „ob es dieser Aktion gelingt, die Betrachter für den Kinderschutz zu sensibilisieren. Das kann mit einem eindeutigen Ja beantwortet werden.“ Es ergebe sich ja schon daraus, dass über das Zitat diskutiert werde, es als „Stein des Anstoßes“ wahrgenommen werde.

Auch die evangelische Landeskirche (EKBO) war an der Enthüllung auf dem Alexanderplatz beteiligt, von wo der Stein später noch einmal umzog. Ganz wohl war dem Kirchenvertreter, Superintendent Carsten Bolz, dabei aber offenbar nicht – er legte Wert darauf, dass die Bibel auch andere Töne anschlage, etwa im Gleichnis vom verlorenen Schaf, für das der Hirte seine Herde verlässt.

„Ich würde dieses Bild gerne neben den Mühlstein stellen“, so Bolz damals in seinem Grußwort, „denn ich bin davon überzeugt, dass es in unserer Verantwortung für die Opfer auch dazugehört, mit den Tätern angemessen umzugehen, ihnen ein Leben in unserer Gesellschaft (wieder) zu ermöglichen und am besten im Vorhinein schon zu verhindern, dass sie überhaupt zu Tätern werden.“

Übrigens ist das Bibelzitat völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Jesus, von dem der Spruch mit dem Mühlstein laut Matthäus stammt, bezieht sich gar nicht im engeren Sinne auf Kinder, und über sexuellen Missbrauch spricht er weder an dieser noch an irgendeiner anderen Stelle der Evangelien. Ihm geht es um negative Einflüsse, die einfache Menschen vom Glauben an Gott abfallen lassen.

 

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