DEBÜT Schauergeschichte und Gegenwartsliteratur: Luise Boeges Roman „Kaspers Freundin“

Wir müssen es alles besser machen

Verwandelt und verschiebt alle Motive: Luise Boege Foto: Tobias Neumann

Luise Boege hat am Literaturinstitut in Leipzig studiert und 2006, mit Anfang zwanzig, den Literaturwettbewerb „Open Mike“ gewonnen. Seither sind von ihr sehr wenige, sehr gute Texte erschienen, zum Beispiel im Internet das Gedicht „Der Wald aller Dinge“. Jetzt ist „Kaspers Freundin“ erschienen, ihr erster Roman. Der Text verrät, wie es weitergeht mit der Literatur: hin zu Texten, die so von Welt und Gegenwart berichten, dass sie gleichzeitig auf geheimnisvolle Weise von sich selber handeln, von sich selber als Literatur.

Möglich wird das durch die Kombination sehr verschiedener literarischer Genres. In „Kaspers Freundin“ begegnen sich der Vampirroman und das Kasperletheater, dessen Figuren hier aber – untypischerweise – mit einem differenzierten Innenleben ausgestattet sind.

Kasper ist Musiker, ein „eigenartiger“ und „irgendwie auch total unsympathischer Geigenjunge“, auf jeden Fall ein „ziemlich komplizierter Mensch“. Seppl heißt Joseph und ist eine fürsorgliche, sehr traditionelle Mannsperson, „Mann der Tat“. Es gibt einen „vio­letten Herrn“, sehr liebenswürdig, aber ein „Blutsauger“, wie schnell klar wird: Unter Vorwänden verschafft er sich – klassisches Vampirmotiv – Zugang zu seinen Opfern, erwirbt ihren liebsten Gegenstand und damit – eine Neuerung für das Genre – das Recht, sie zu einem späteren Zeitpunkt „auszutrinken“.

Außerdem gibt es „Kaspers Freundin“, die keinen Namen hat, aber die Hauptfigur ist: eine haltlose, übergriffige, sexuell sehr aktive Person, die ein unerklärliches inneres Chaos auf alles und alle überträgt.

Die Welt muss chaotisch werden. Und so geht es in diesem Roman um Veränderbarkeit überhaupt

Zu Beginn des Buches haben sich Kasper und seine Freundin getrennt und beschließen, einander nie wiederzusehen. Kasper erhält Besuch vom violetten Herrn, der ihm seine Geige abkauft. Kaspers Freundin lernt Joseph kennen, den „Mathematiker oder Erfinder“, zugleich hob­bymäßig Vampirjäger. Joseph will Kaspers Freundin retten. Sie aber kehrt zurück zu Kasper, der in das Haus des jüngst verstorbenen Großvaters gezogen ist. Dort findet sie der violette Herr, gerade als er zurückkommt, um Kasper auszusaugen.

„Kaspers Freundin“ ist nicht nur eine gelungene Schauergeschichte, sondern stellt auch die große Frage nach dem Charakter, oder: „Warum muss ich so sein, wie ich bin?“ Eine Therapeutin, bei der Kaspers Freundin deswegen Rat sucht, hält es für „zweifelhaft, ob es überhaupt möglich sei, am Charakter irgendetwas zu ändern“, gerade ihr, die „auf Geschrei nur mit Geschrei“ reagiere und dazu neige, „Porzellan und andere von Anderen geliebten Gegenstände auf grauenvolle Art und Weise zu zerstören“. Kaspers Freundin ist eben, ließe sich einwenden, eine Kasperlefigur, ein „fester“ Charakter, der vorhersehbar nach festen Regeln spielt. Doch ist ihr Schicksal, auch ein Mensch zu sein, sodass sie zwar nachaußen hin „steif und unveränderlich“ ist, in ihr aber „Chaos“ herrscht.

Das innere Chaos, muss, da sie es nicht ändern kann, „unbedingt ausgelagert werden“, die Welt selber muss chaotisch werden. Und so geht es in „Kaspers Freundin“ nicht nur um die Veränderbarkeit des Charakters, sondern um Veränderbarkeit überhaupt, eine so literarische wie politische Frage, die weitere Fragen nach sich zieht: Kannst du dich an alles erinnern? Oder ist es umgekehrt? Wo sind alle Leute hin? Und wen soll man rufen? Den Notar? Oder besser den Notarzt? Wer wird diesen Spuk je vertreiben?

Luise Boeges Roman eröffnet einen Vorstellungsraum, erfüllt von einer „Luft, die immer jeweils nach komplizierten, politischen Zusammenhängen riecht“, in dem über Beziehungsprobleme ebenso gesprochen wird wie über das Wesen der Zeit, diesem „irren Ding“. Und plötzlich tauchen hier Stellen auf, die direkt aus dem Jetzt sprechen, wenn etwa Kasper und seine Freundin die Abendnachrichten sehen und Kasper feierlich die Worte spricht: „Wir müssen es alles besser machen!“

Oder wenn Kaspers Freundin – nur mit einer Bettdecke bekleidet – feiern geht und den Wutaus­bruch eines „sympathischen, ältlichen Burschen“ gegen die Haltbarkeit des Internets erlebt. Vom Internet ist viel die Rede, genauso von Sex, Arbeit, Essen, Geld, von Musik und Wahrheit, immer aber, nach der Logik dieses Textes, verwandelt und verschoben.

Die Veränderung, die so beim Lesen direkt erfahrbar wird, ist für die Personen des Buches eine Veränderung zum Schlechten. „Etwas ist durcheinandergeraten“, bemerkt der violette Herr, als er Kaspers Freundin antrifft, wo Kasper hätte sein sollen, um von ihm gebissen zu werden. „Sie waren eigentlich nicht gemeint, es war nicht vorgesehen, dassSie da sind.“ Die Folgen sind abenteuerlich. Alle Widersprüche bleiben ungelöst. „Denn alles soll sich ändern“, ruft Kaspers Freundin zum Schluss und wünscht sich: „Alles soll so bleiben, wie es ist.“