Kolumne Darum

Junior-Manager bei Prahlhans.de

Viele Kinder sind Angeber. Bis sie merken, wie anstrengend die Angeberei auf Dauer ist. Leider begreifen das längst nicht alle.

Mann in Angeberpose

„Prahlen sollst du erst auf dem Heimweg“ – Astrid Lindgren. Foto: Imago / Froodmat

Da sitzen sie nun und prahlen. „Weggebatscht hab ich den, einfach nur weggebatscht.“ – „Von denen hatte keiner eine Chance gegen mich.“ – „Die schlotterte schon, als sie mich sah.“ – „Der kam noch nicht mal mit meiner Eröffnung zurecht.“

Ich hole drei Jungs vom Schachturnier ab und verfrachte sie auf die Rückbank des Autos. Einer braucht noch einen Kindersitz, die anderen hocken auf Sitzerhöhungen. In ihrer Selbstwahrnehmung aber sind es drei Throne, auf denen sie sich niedergelassen haben, denn sie haben die meisten ihrer Spiele gewonnen. Nun muss das gemeine Volk ihren Heldensagen huldigen. Und das gemeine Volk bin ich.

Es ist egal, ob die Sportartart Schach, Fußball, Hockey, Handball oder Tennis heißt. Und es ist egal, ob die Jungs fünf, sieben oder neun Jahre alt sind. Die Prahlerei nach einem Sieg ist so sicher wie die üppigen Schuldzuweisungen an andere im Fall einer Niederlage.

Schnell löst sich während der Fahrt die Angeberei von ihrem konkreten Anlass und kippt ins Allgemeine. Es scheint, als könne ein Sieger keine anderen Sieger neben sich dulden: „Wenn du denkst, du kannst im Survival-Modus von Minecraft mithalten, dann wirst auch du weggebatscht!“

Der Ton wechselt zwischen selbstgefällig, unerträglich laut und schrill hin und her, Münchhausen war ein schweigsamer und zurückhaltender Geselle dagegen. Über Jahre kann das so gehen, doch irgendwann ändert sich auf der Rückbank etwas. Einer prahlt wie immer, doch die anderen beiden steigen nur halbherzig oder gar nicht mehr in den Überbietungswettbewerb ein.

Neunjährige in Businessanzügen

Münchhausen war ein schweigsamer und zurückhaltender Geselle dagegen.

Es ist ihnen einfach zu anstrengend geworden, ständig besser sein zu wollen als der Beste der Besten. Sie lenken das Gespräch plötzlich lieber in eine andere Richtung, wo schrille Steigerungen und brachiales Geprotze hinter gemeinsamem Gekicher oder kindlichen Fachsimpeleien über Computerspiele zurückstehen müssen.

Ich wundere und freue mich. Bei diesen Sportabholfahrten die Ohren nicht länger auf Durchzug stellen zu müssen, das ist ein deutlicher Gewinn an Lebensqualität. Ich beschließe, darauf abends beim Fußballgucken in der Kneipe mal ein Bier mehr zu trinken.

Am Nebentisch hocken vier junge Männer. Sie sind, wie nicht zu überhören ist, „Junior-“ und „Senior-Manager“ bei einer großen Berliner Internetfirma. Da sitzen sie nun und prahlen. „Ausgeknockt hab ich den beim Vertragsentwurf, einfach nur ausgeknockt.“ – „Von denen hatte keiner eine Chance gegen meine Perfomance.“ – „Die schlotterte schon, als sie mein Portfolio sah.“ – „Der kam noch nicht mal mit meiner Sales-Strategie zurecht.“

Ihr Ton wechselt zwischen selbstgefällig, unerträglich laut und schrill hin und her, Münchhausen war ein Eremit und schüchterner Geselle dagegen. Sie kommen nicht vom Schachturnier, sondern von einem Wochenend-Meeting. Sie müssen nicht mehr von ihren Eltern abgeholt werden, Kindersitze und Sitzerhöhungen brauchen sie schon lange nicht mehr.

Und doch benötigen Sie, diese Neunjährigen in Businessanzügen, gemeines Volk, das ihren Heldensagen huldigt. Nur: Das gemeine Volk bin ich in diesem Falle nicht. Ich zahle und ziehe eine Kneipe weiter.

 

Jahrgang 1969, ist seit 2010 Chef vom Dienst bei taz.de. Kartoffeldruck, Print und Online seit 1997.

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