UMWELT Martin Stratmann und Jochem Marotzke stellen neue Erkenntnisse der Klimaforschung vor

Klimaschutz und woran er scheitert

Es gibt unübersichtlichere Umweltthemen als das Klimaproblem, für das an sich gute technische Lösungen wie erneuerbare Energien und Energieeffizienz existieren. Und dennoch ist Klimaschutz eine der größten Herausforderungen im 21. Jahrhundert. Bemerkenswert ist das Ausmaß, in dem dieses Politikfeld durch Naturwissenschaftler und ihre Debatten geprägt wird, etwa durch die regelmäßigen Berichte des Weltklimarats (IPCC).

Zwei von ihnen, Jochem Marotzke und Martin Stratmann, haben mit Kollegen von verschiedenen Max-Planck-Instituten jetzt einen Band herausgegeben, der einige neuere Erkenntnisse der Klimaforschung darstellt. Herausgekommen ist ein Buch, das sehr anregend ist für Leute, die näher mit der Materie vertraut sind und kein Überblickswissen oder eine leicht geschriebene Einführung erwarten.

Man erfährt etwas über die Komplexität von Klimamodellen, über Zugvögel als Indikatoren für Klimaverschiebungen, über Klimafolgen für den Ackerbau und über den zweifelhaften Traum, die Erderwärmung notfalls durch großtechnische und nahezu unbezahlbare Eingriffe in die Atmosphäre doch noch abkühlen zu können.

Zutreffend heben die Autoren Synergieeffekte von guter Klimapolitik und besserer Luft in den Städten hervor und eröffnen damit ein sonst meist igno­riertes Themenfeld: Wer das Klima schützt, kann andere gesellschaftliche Probleme mit lösen. Wer beispielsweise die zentrale Klimaschutzmaßnahme umsetzt, die planmäßige Verteuerung der fossilen Brennstoffe, macht auch Mineraldünger teurer und verringert damit die verheerenden Folgen der konventionellen Landwirtschaft wie Artensterben, Boden- und Grundwasserschäden.

Allerdings sind manche technische Klimaschutzmaßnahmen auch weder fürs Klima gut noch sonst dem Umweltschutz förderlich. Biosprit und Elektroautos etwa dienen nur vordergründig dem Klimaschutz: In der Summe setzen sie schlimmstenfalls mehr statt weniger Klimagase frei. Beide Innovationen verbrauchen auch jede Menge Natur beziehungsweise seltene Metalle. Das Elektroauto in seiner bisherigen Form erzeugt zudem viel giftigen Abfall.

Klimawandel ist, auch dies übergeht das Buch, vielleicht gar nicht auf ausschließlich technischem Wege möglich. Dafür sind die Herausforderungen schlicht zu groß, auch bei anderen Umweltproblemen wie dem Schutz von Böden und Ökosystemen. Nötig ist auch, dass wir alle uns anders verhalten.

Also nicht nur effizienter Auto fahren, sondern einfach auch weniger Autos haben. Weniger haben könnte dann aber heißen: Abschied von der Wachstumsgesellschaft nehmen. Das muss nicht einmal die Bilanz unserer Lebensqualität verschlechtern.

Nicht ganz neu ist die Analyse, dass sich eigennützig agierende Staatenvertreter bei internationalen Verhandlungen nicht auf anspruchsvolle Klimaabkommen einigen in der Hoffnung, sie selbst würden Geld sparen, indem sie untätig bleiben und andere das Klima retten. Am Ende zahlen wegen der Klimaschäden dann alle drauf.

Purer Eigennutz allein kann aber kaum erklären, dass ­globale ­Klimavereinbarungen scheitern, was am Ende ja für die meisten Staaten billiger wäre, wenn sie nicht gerade wie Ölförderstaaten massiv vom klimaschädlichen Wirtschaften profitieren.

Klimaschutz scheitert auch an menschlichen Gefühlen. Etwa daran, dass Menschen vom Bauch her komplexe Schadensverläufe und zeitlich entfernte Schäden oft nicht als drängende Probleme erleben. Bequemlichkeit, Gewohnheit und Verdrängung sind häufig stärker. Nicht nur bei Politikern, auch bei den Bürgern. Felix Ekardt

Jochem Marotzke, Martin Stratmann (Hg.): „Die Zukunft des Klimas. Neue Erkenntnisse, neue Herausforderungen“. C.H. Beck, München 2015, 230 Seiten, 16,95 Euro