Die Haltungsform des Fleisches

Ein Besuch bei der Tierschützerin Sybilla Keitel

Illustration aus einer Kreuzfahrerbibel, Frankreich, ca. 1250 Foto: Archiv Goettle

von Gabriele Goettle

Dem Tier gegenüber sind heute alle Voelker mehr oder weniger Barbaren. Es ist unwahr und grotesk, wenn sie ihre vermeintlich hohe Kultur bei jeder Gelegenheit betonen und dabei tag­taeglich die scheußlichsten Grausamkeiten an Millionen von wehrlosen Geschoepfen be­gehen oder doch gleichgueltig zulassen.

(Alexander v. Humboldt, 1845, „Der Kosmos“)

In Deutschland steigt die Zahl der industriellen Mastbetriebe stetig. Unter den neuen Investoren befinden sich auch viele holländische Agrarindustrielle. Sie verlassen die Niederlande, weil dort die Anzahl der Masttiere wegen eines zu hohen Gülleanfalls und völliger Überdüngung der Böden per Gesetz radikal begrenzt wurde. Einige wichen aus nach Polen, Ungarn, Moldawien, Rumänien und auch in die Ukraine. Viele jedoch bevorzugen Deutschland, insbesondere die neuen Bundesländer, denn hier stehen immer noch Ackerflächen zum Verkauf.

Für Mast- und Zuchtbetriebe gibt es meist komplikationslos die notwendige Genehmigung und zusätzlich auch noch Subventionen. Einer dieser Megamäster ist der aus Utrecht stammende Harry van Gennip, der bereits seit 1994 eine bei Tierschützern berüchtigte Anlage mit 65.000 Schweinen in Sandbeiendorf bei Magdeburg betreibt. Der schwerreiche Herr van Gennip gehört mit zu den größten Schweinemästern Deutschlands und plant im Örtchen Hassleben, nahe Templin, eine weitere große Schweinemastanlage zu errichten.

In Hassleben bestand bereits seit 1979 (damals DDR) ein großes Schweinezucht- und Mastkombinat namens „Freundschaft“. Nach der Wende wurde die Anlage stillgelegt und später vom niederländischen Investor Harry van Gennip aufgekauft, der sich um eine Wiederinbetriebnahme bemühte und bereit war, 25 Millionen Euro zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Dabei ist doch bekannt, dass in solchen Anlagen fast alles maschinell gefahren wird, dabei kämen maximal 15 Arbeitsplätze zu Mindestlöhnen heraus. Sein Vorhaben jedoch stieß auf zunehmenden Widerstand, teils von Anwohnern, besonders aber durch Umweltschützer aus der Region.

Gennip hatte zunächst einen Bestand von 85.000 Tieren geplant, ging im Jahr 2008 runter auf 67.000 Tiere, was sich aber auch nicht als genehmigungsfähig erwies. (Mastanlagen ab 2.000 Mastplätzen oder 750 Sauenplätzen oder 6.000 Ferkelplätzen gelten als Großanlagen und sind genehmigungspflichtig. Anm. G.G.). 2007 senkte er die projektierte Kapazität auf 37.000 Tiere. Im Sommer 2013 wurde die Schweinemastanlage dann durch das LUGV (Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz) in Brandenburg genehmigt. Die Gegner legten Widerspruch ein; seitdem läuft das Widerspruchsverfahren und hat aufschiebende Wirkung.

Sybilla Keitel gründete das Bürgerbündnis „Pestizidfreie Uckermark“ und sie ist Mitglied der Bürgerinitiative „Kontra Industrieschwein“, die sich 2003 gründete. Frau Keitel und ihr Mann stießen 2004 dazu. Mit der Unterstützung von Umwelt- und Tierschutzorganisationen, kämpft die BI energisch gegen die Anlage in Hassleben an.

Frau Keitel wohnt etwa 15 Kilometer entfernt von Templin im Boitzenburger Land, mitten im Naturschutzgebiet, wo sie vor 20 Jahren zusammen mit ihrem Mann ein verlassenes Haus im Wald kaufte. Sie holt mich am Bahnhof ab und wir fahren durch die mittägliche Hitze, vorbei an ausgedehnten Seen, durch Wald und Ortschaften, an endlosen, ausgeräumten Feldern entlang, bis wir in ein Wäldchen einbiegen. Auf der Lichtung, neben einem großen alten Kirschbaum und anderen Obstbäumen, umgeben von blühenden Sträuchern voller Bienen und Hummeln, liegt L-förmig das alte, liebevoll hergerichtete Haus. Im hellen, zur Küche hin offenen Wohnzimmer, nehmen wir Platz. Frau Keitel bringt kühle Getränke, streichelt im Vorbeigehen eine der Katzen, setzt sich aufseufzend nieder und beginnt zu erzählen:

„Nach unserer Meinung ist die Genehmigung für die Schweinemastanlage in Hassleben rechtswidrig und zwar, wie ich Ihnen im Einzelnen gleich berichten werde, in vielerlei Hinsicht. Der Ort liegt etwa 20 Minuten entfernt. Viele Leute aus der Gegend haben sich dem Protest angeschlossen. Für den Fall, dass man unseren Widerspruch ablehnt, sind wir entschlossen, Klage einzureichen, müssen uns dann allerdings auf einen langwierigen und kostspieligen Prozess vorbereiten.

Aber Sie möchten ja zuerst ein wenig über mich wissen. Also, ich bin verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder. Auch ich komme übrigens vom Land, ich kenne ein wenig die Mühen und Härten. Bin in Sömmerda geboren, im flachen, fruchtbaren Thüringer Becken. Später lebten wir in Bremerhaven. Nach dem Abi studierte ich Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie und habe diese Fächer jahrzehntelang am Gymnasium unterrichtet, bis ich mich dann vom Schuldienst verabschiedet und mich meinen künstlerischen Neigungen gewidmet habe. Mein Mann, Gert Müller, ist Musiker und unterrichtet an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Gemeinsam engagieren wir uns gegen Tierfabriken und industrielle Landwirtschaft.

Jetzt startet gerade das vom Aktionsbündnis Agrarwende ini­tiierte Volksbegehren gegen Massentierhaltung in Branden­burg – die Volksinitiative gegen Massentierhaltung ist ja leider im Potsdamer Landtag dadurch gescheitert, dass die Mehrheit der rot-roten Regierungskoalition sie abgelehnt und die Stimmen von 34.000 Bürgern für eine artgerechtere Tierhaltung ignoriert hat –, deshalb müssen wir jetzt für das Volksbegehren bis Januar 2016 insgesamt 80.000 Unterschriften zusammenbekommen. Das wird schwierig, denn die Stimmen darf man nicht auf Straßen und Plätzen sammeln, sie müssen vom Bürger persönlich beim Amt oder per Briefwahl abgegeben werden. Die Unterlagen kann man allerdings auch online anfordern. Da ist viel Aufklärungsarbeit auf der Straße zu leisten, um die Leute zu motivieren.

Nun zu unserem eigentlichen Thema. Ich finde, dass Hassleben inzwischen zu einem Symbol geworden ist für eine vollkommen verfehlte Landwirtschaftspolitik und Praxis – auch in der DDR, wo der riesige Mastbetrieb eine totale Katastrophe war für das kleine Örtchen. Die Leute hatten zwar Arbeit, aber sie hatten auch Atemwegs- und Hauterkrankungen vom Ammoniak – dem übrigens die Tiere unmittelbar Tag und Nacht ausgesetzt sind, weil sie ja auf den Spaltböden direkt darüber leben und schlafen müssen. Es war so schlimm, dass die Bäume ihr Laub verloren haben und der anliegende Kuhzer See umgekippt ist. Es gab ein totales Fischsterben.

Gesetzeswidrige Gülle

Aber kaum hat sich die Natur nach der Wende im Laufe der Zeit etwas regeneriert, soll alles wieder von vorne beginnen, angeblich auf einem besseren technischen Niveau. Wir haben uns sehr intensiv mit diesem Niveau beschäftigt und herausgefunden, dass die Antragsunterlagen total fehlerhaft, defizitär, gesetzeswidrig und auch schlampig zusammengestellt waren, bis zum Gehtnichtmehr! Beispielsweise die Gülle, in der geplanten Anlage würden jährlich etwa 150.000 Tonnen Gülle anfallen. Die EU-Vorgabe besagt, dass maximal 170 Kilogramm Gülle je Hektar ausgebracht werden dürfen, die erforderlichen Flächen müssen nachgewiesen werden. Wir haben die von Herrn van Gennip ausgewiesenen ‚Begüllungsflächen‚überprüft und auf Google Earth festgestellt, dass zum Beispiel darunter auch Waldgebiete kartiert und zur Begüllung ausgewiesen sind. Das ist gesetzeswidrig.

Aber was hat das Landesamt gemacht? Nichts! Sie haben dem Investor Möglichkeiten eingeräumt zum Nachbessern. Immer wieder! Die Vertreter von Herrn van Gennip – das ist sein Planungsbüro Dr. Eckhoff, die planen hier in Brandenburg die ganzen Großanlagen und sein Anwalt, Prof. Dr. Dombert – versuchen auf Teufel komm raus, alle Einwände und wissenschaftlichen Gutachten auszuhebeln, sie finden immer wieder ein Schlupfloch, eine Gesetzeslücke.

Er hat mehrfach Ausnahmegenehmigungen bekommen für seine geplante Form der Schweinehaltung, obwohl die gegen die Europäische Schweinehaltungsverordnung verstößt. Aber man akzeptierte, dass er die Tiere nach der alten und nicht nach der neuen europäischen Rahmenrichtlinie halten will. Das bedeutet: ohne Buchten zum Koten, zum Liegen, zum Schlafen, ohne Einstreu auf den Spaltböden, ohne Beschäftigungsmaterial. Und es bedeutet: eine alte, viel zu kleine Boxengröße.

Wenn die trächtigen Sauen sich auf die Seite legen wollen, dann müssen sie die Glied­maßen durch die Stäbe stecken, um sich überhaupt ausstrecken zu können. Sie können sich nicht umdrehen. Das sind ‚Stehsärge‚! Und es bedeutet für Ferkel: Kupieren der Schwänze, das Abschleifen der Eckzähne und Kastration. Jeweils ohne Betäubung und am Fließband. Das darf er alles. Unser Anwalt sagte, aufgrund dieser aufgeführten Mängel ist die Anlage nicht genehmigungsfähig. Aber wir müssen es permanent begründen. Wir, die Bürgerinitiative, haben jedes zweite Jahr, glaube ich, ein großes Gutachten in Auftrag gegeben.

Stickstoff-Schicksal

Der Gutachter Knut Haverkamp hat gesagt, hier darf nirgendwo mehr Gülle drauf. Es ist einfach so, dass auch der Wald bereits hochgradig geschädigt ist. Ursache sind die Altlasten aus der DDR – mit Unmengen von Stickstoff, außerdem Phosphor und Kali – weil ja alles begüllt wurde, bis rauf nach Prenzlau. Zu viel Gülle lässt die Nitratkonzentrationen (NO3-) im Grundwasser über die Grenzwerte schnellen und das gefährdet die Gesundheit der Bevölkerung. Der Kuhzer See ist sehr mühsam renaturiert worden, und zwar mit Steuergeldern! Gefährdet ist auch der Grumsiner Forst, ein alter Buchenwald und Weltkulturerbe. Dessen Schicksal wäre besiegelt, wenn die Stickstoff­emis­sionen einfach so weitergehen.

Deutschland verstößt ohnehin schon gegen die Stickstoff-Rahmenrichtlinien und bekommt deshalb ein Vertragsverletzungsverfahren. Wir haben auch ein Moorgutachten machen lassen von Prof. Dr. Dr. Hans Joosten, einem international anerkannten Moorexperten von der Universität Greifswald. In unmittelbarer Nähe der geplanten Anlage liegt ja das sogenannte Kuhzer Grenzbruch, das ist ein hochgeschütztes Moor, es gehört zu den Fauna- Flora- Ha­bi­taten, also es ist ausgewiesenermaßen nach der Habitatsrichtlinie der EU als ‚geschütztes Rückzugsgebiet zum Erhalt der natürlichen Lebensräume‚von Tieren und Pflanzen zu behandeln. Auf das Moor, so der Gutachter, darf kein Gramm Stickstoff mehr drauf, denn es steht durch die Altlasten bereits auf der Kippe. Eine Zulassung wäre das Ende dieses Moores.

Deutschland hat aber, auch aus Klimaschutzgründen, eine große Verantwortung gegenüber den Mooren. Da kann der Investor viel von seinen Filteranlagen reden. So vor 14 Tagen kam eine dpa-Meldung, dass sämtliche Filteranlagen in solchen Betrieben in der Regel nicht funktionieren. Das ist längst wissenschaftlich bewiesen und in Publikationen dargestellt, dass vier von fünf Anlagen nicht funktionieren. Und selbst wenn sie mal funktionieren, blieben immer noch 30 bis 40 Prozent Ammoniak-Emissionen. Und das von 37.000 Schweinen. Die brandenburgische Landesregierung hat in diesem Fall das bei Großanlagen übliche Raumordnungsverfahren – es be­sagt, dass zum Beispiel ein Radius von 5.000 Metern untersucht werden muss auf mögliche Umweltschädigungen – einfach ausgehebelt. Dadurch wird das Klagerecht für uns, die Gegner und Umweltverbände, natürlich erschwert.

Ein weiterer Punkt, der im Genehmigungsverfahren überhaupt keine Rolle spielte, das war der Brandschutz. Damals schon kam der Brandschutzmeister aus Prenzlau, Herr Hoppe, und sagte, er schickt im Brandfall da keinen rein, weil diese Anlage viel zu lange Fluchtwege hat. Im Brandfall müssen, so die gesetzliche Vorschrift, die Schweine innerhalb von 10 Minuten evakuiert werden. Da müsste eine Werksfeuerwehr da sein, sagte er, die sozusagen bei Fuß steht.

2013 bekam der Investor zu unserer großen Fassungslosigkeit dann die Genehmigung. Inzwischen ist es aber so, er hatte mitten im Genehmigungsverfahren – besser gesagt, am Genehmigungsverfahren vorbei – auf einer Dachfläche von 193.000 Quadratmetern eine riesige Solaranlage mit 64.000 Modulen bauen lassen. Den Strom verkauft er. Diese Anlage aber hat die Genehmigungsgrundlagen vollkommen verändert. Wissen Sie, was der Brandmeister dazu gesagt hat in seinem Gutachten, das er vor einem Jahr für die BI geschrieben hat? Er sagte: Eine Schweinemastanlage mit einer Solaranlage auf dem Dach, das geht brandschutztechnisch überhaupt nicht. Entweder dürfen da keine Schweine rein, oder die Solaranlage muss runter!

Stromschlag-Lebensgefahr

Im Brandfall sind wir vollkommen hilflos, denn so eine Solaranlage steht immer unter Strom. Sie lässt sich nicht abschalten. Beim Löscheinsatz wären die Feuerwehrmänner durch Stromschläge in Lebensgefahr. Auch nachts, denn die Scheinwerfer der Einsatzkräfte erzeugen Strom. Man kann nicht löschen. Deshalb lässt die Feuerwehr Gebäude mit solchen Großanlagen zwangsläufig abbrennen. Das sagt ein Experte! Jetzt stellen Sie sich das mal vor im Brandfall, das wäre ein Inferno, es ist vollkommen abwegig, dass die Schweine gerettet werden könnten.

Das alles wurde amtlicherseits ignoriert. Die tierquälerische Haltung wurde ignoriert, der Brandschutz wurde ignoriert, die schöngerechnete Stickstoffbelastung wurde akzeptiert und damit die Gülleverklappung, die ja im Grunde eine reine Giftmüllverklappung ist. Sind das nicht bereits mehr als genug Gründe zur Ablehnung?!

Es ist doch nicht die Aufgabe der Politiker und der Behörden, den Investoren zu Diensten zu sein, ihnen zu Profit zu verhelfen, willfährige Entscheidungen zu treffen, nur damit ‚die Landschaften blühen‚, wie es so schön heißt. Allerdings: Behördenvertreter, das habe ich öfter erlebt, sagen in privaten Telefongesprächen manchmal, dass sie mir völlig recht geben. Sie haben eine öffentliche und eine private Meinung.

Aber mit so einem gespaltenen Bewusstsein kann man keine verantwortungsvolle Arbeit machen, Fehler erkennen und korrigieren. Verordnungen sind für sie Verordnungen. Auch für die Gülle, die in Unmengen auf Ackerböden verklappt wird, besonders bei Mais, der dreimal jährlich begüllt werden darf. Sie müssen sich vorstellen, dass die Gülle – auch die aus Biogasanlagen, wie sie Herr van Gennip plant – sich in einem anaeroben Fäulniszustand befindet. Da ist überhaupt kein Sauerstoff drin. Das ist Abfall!

Bodenkiller Nummer 1

Das war ganz anders bei Stallmist: Da waren auch Strohteile drin, feste Teile, die die Masse belüften. Wenn das auf den Acker kam, dann war das gut für die Bodenbakterien, denn sie benötigen den Sauerstoff. Durch die anaerobe Gülle jedoch werden sie geschädigt, Regenwürmer werden verätzt und gehen ein. Und zudem ist diese Fäkalbrühe auch noch giftig, denn sie ist voller Antibiotika, die den Bodenbakterien den Rest geben. Die Gülle ist der Bodenkiller Nummer 1, danach kommen die Pestizide! Und nun macht man diese schöne uckermärkische Landschaft, die voller Seen und Wälder ist, kaputt. Macht die Ackerflächen zu Industriebrachen, vorgesehen für die Gülleentsorgung.

Und man hält es in einer absurden Synthese für möglich, dass gleichzeitig wachsender Tourismus stattfinden könnte. Jedenfalls das Landwirtschaftsministerium. Es hat immer wieder Ausnahmegenehmigungen zugelassen, obwohl ja inzwischen jedes Kind weiß, dass Massentierhaltung schädlich ist für das Klima, für die Gesundheit und für die Natur, und nicht zuletzt für das Tier, dem nur ein qualvolles Leben bis zur Schlachtreife zugestanden wird. Aber die Politik hat anderes im Visier.

Der brandenburgische Ministerpräsident Dr. Dietmar Woidke sagte 2014 auf dem Landesbauerntag am Seddiner See, dass diese Gegner der Massentierhaltung besser mal nachdenken sollten. Brandenburg brauche nicht weniger, sondern im Gegenteil, viel mehr Tierproduktion. Kritik daran sei eine ‚ganz schädliche Debatte, von bösen Absichten geprägt‚.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium selbst, hat im letzten Jahr einen Bericht herausgegeben, in dem steht, dass der Selbstversorgungsanteil bei Schweinefleisch in der Bundesrepublik bei 117 Prozent liegt. Gleichzeitig ist der Fleischkonsum in Deutschland im letzten Jahr durchschnittlich um mehr als zwei Kilogramm pro Einwohner zurückgegangen, das bedeutet, wir haben in jedem Fall einen Überschuss. Und dieser Überschuss schafft Probleme, denn es gibt Absatzschwierigkeiten. Deshalb gibt es im BMEL eine Sektion, die nach Absatzmärkten in Drittländern sucht und dabei suchen sie besonders im ostasiatischen Raum.

Es gibt zwar viel Konkurrenz, aber Deutschland ist innerhalb der EU der größte Schweine­fleisch­ex­porteur, auch der billigste. Eine besondere Rolle spielt, las ich unlängst, der Export sogenannter Kuppel-Produkte, die eben beim Schlachten zwangsläufig anfallen, nämlich: Füße, Klauen, Schnauzen, Ohren, Schwänze, bei Rindern Felle und Hörner, eben alles, was man hier eher nicht verkaufen kann. Das exportieren sie dann in Länder, in denen sie die heimischen Märkte kaputtmachen, etwa wie in Ghana mit Hühnchenteilen. Das alles ist bekannt.

Futter statt Regenwald

Aber nein, Regenwälder müssen immer neuen Plantagen zum Anbau von Futtermitteln weichen: 70 Prozent aller Agrarflächen der Erde werden inzwischen von der Tierfütterung beansprucht. Containerschiffe voll mit Futter werden übers Meer hierher gefahren, für die Mast unserer Tiere. Von denen der extra produzierte ‚Überschuß‚dann wieder exportiert wird usf. Deutschland produziert ‚Fleischberge‚zu Dumpingpreisen.

Es gibt derzeit etwa 23 Millionen Schweine, 14 Millionen Rinder, eine Million Schafe und Abermillionen an Geflügel. Angesichts dessen, aus all diesen Gründen, muss ein mit normalem Verstand ausgestatteter Mensch sich doch denken, dass diese exzessive ‚Tierproduktion‚und Tierhaltung ein vollkommener Wahnsinn ist, der beendet werden muss! Zum Wohl der Tiere und zu unser aller Wohl. Aber es geht politisch genau in die andere Richtung. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Landwirtschaftspolitik letztlich bestimmt wird von Lobbyisten von Bayer Crop­Science, von Syngenta, BASF, Monsanto und Co, flankiert von den Investoren der Massentierhaltung und Fleisch­industrie und des Bauernverbandes.

Wohin es geht, zeigt auch eine andere Entwicklung, nämlich dass Agrarland gekauft wird in großem Stil, von irgendwelchen Fabrikbesitzern mit einem ganz anderen Geschäftsfeld. 80 Prozent der Flächen hier, so heißt es, sollen in den letzten 10 Jahren bereits an Agrar-Holdings verkauft worden sein. Investoren, wie beispielsweise die Möbelfirma Steinhoff aus Hannover, oder auch die Firma Viesmann aus Wels, die sich normalerweise mit Heizungs- und Kühlsystemen befasst, haben hier Flächen gekauft. Landwirte, die vormals autonom waren, arbeiten jetzt als Dienstleister und bewirtschaften für die auswärtigen und fachfremden Investoren deren Flächen.

Man kann sich denken, was da in der Regel angepflanzt wird: Viele Biosprit-Pflanzen für Bio-Gas, besonders natürlich Mais. Der verträgt viel Gülle und braucht kaum Wasser. Das ist dann zugleich die Symbiose von Schweineindustrie und Biogasproduzenten, von Vorteil für beide. Und dann kommen ja auch noch die Förderprämien aus Brüssel dazu. Die wurden übrigens damals, wenn ich es richtig erinnere, leider auch von den Grünen unterstützt. Diese Subventionen müssen abgeschafft werden beziehungsweise sie müssen den kleinbäuerlichen Betrieben zugutekommen. Die müssen unterstützt werden. Und es müssten sich viele Ökolandhöfe gründen, in der Art von Brodowin.

Tierwohloptimiertes Fleisch

Zum Schluss möchte ich noch etwas berichten, das mir Sorgen macht, und ich bin ein wenig ratlos, was es bedeutet. In der Heinrich Böll Stiftung gab es am 27. Mai eine Veranstaltung im Rahmen eines sogenannten öffentlichen Agrarpolitischen Fachgesprächs zum Thema: ‚Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung‚. Das interessierte mich und ich ging hin. Es referierte Prof. Grethe aus dem gleichnamigen Gutachten der 14 ‚Agrarweisen‚. Er ist übrigens Vorsitzender vom WBA, vom Wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik beim Bundes-Agrarministerium.“ (Einer Einrichtung zur Beratung des Bundeslandwirtschaftsministers. Zurzeit ist das Christian Schmidt, CSU. Ein Mann, der in TTIP eine große Chance sieht und unter anderem sagte „Mein Eindruck ist aber, dass hinter dem Kampf gegen die Massentierhaltung in Wirklichkeit der Kampf gegen die Wirtschaft steht. Anm. G.G.).

„Also Prof. Grethe war zwar ein eloquenter, aber absolut technokratisch orientierter Redner. Voll integriert. Sein Vortrag propagierte lediglich ein neues Konsumleitbild: ‚besser und weniger‚. Kurz, es soll dadurch, dass der Verbraucher für das ‚tierwohloptimierte Fleisch‚mehr Geld ausgibt, zugleich für mehr Wertschöpfung bei den Landwirten gesorgt werden. Der Vortrag verursachte mir zunehmend Unbehagen. Beson­ders die Verwendung eines rein ökonomisch ausgerichteten Fachjargons. Die Rede war von Wertschöpfungsanteil, Kostendruck, von Prämien, Kom­pensationszahlungen, Ausgleichszulage, Marktintegration, Schlacht­gewicht usf. Das ist die Sprache der Aufrechterhaltung und der administrativen Steuerung des Systems. Oder es heißt zum Punkt Schlachtereien und Fleischverarbeitung: ‚die Verarbeitungsstufe ist durch einen hohen Konzentrationsgrad charakterisiert …‚

Sprachkritik

Diese Terminologie lässt mich erschaudern. Da ist nicht mehr anschaulich vom Schlachthof und Schlachten die Rede, sondern von einer ‚Verarbeitungsstufe‚. Die Tiere sind irgendwie Bestandteil eines puren ‚Funktionszusammenhangs‚. Da muss man einfach mal auch Sprachkritik üben. Denn so eine fachsprachliche Normierung erweckt ja immer den Eindruck, als bezeichne sie Eigenschaften von Dingen, zum Beispiel von ‚Märkten‚, die von allem menschlichen Dafürhalten unabhängig sind. Eine solche Begrifflichkeit liefert scheinbar die einzig schlüssige Orientierung in der Welt. Aber genau diese Sachbegriffe dienen dann zur Begründung der üblichen ‚Sachzwänge‚, aus denen man nicht herauskann. Ergebnis: Tierhaltung = Funktionsabläufe der Wirtschaft. Und die Wirtschaft muss wachsen. Muss quasi auch gemästet werden.

Deutschlands Wirtschaft braucht neue Absatzmärkte. ‚Märkte mit hohen Absatzpotenzial im ostasiatischen Raum‚müssen erschlossen werden, das ist die Devise. Man kann nichts anderes tun, als den Marktgesetzen zu folgen – und die sind nun mal gnadenlos. Ich weiß, ich weiß, das war ein Fachvortrag, aber er wurde ja nicht vor Metzgern, Mästern oder Politikern gehalten, sondern vor zahlreichen NGOs, vor Umweltorganisationen, Albert Schweitzer Stiftung, Aktionsbündnis Agrarwende, Neue Landwirtschaft, BUND. Als die dann in enthusiastischen Applaus ausbrachen, da war ich wirklich schockiert.

Ich muss sagen, dass für mich dieser Applaus genauso erschütternd war wie der Vortrag des Herrn Prof. Grethe. Soll das WBA-Gutachten unsere Orientierung sein? Das bedeutet doch lediglich: Alles bleibt beim Alten, es gibt nur ein paar Reförmchen, ein bissel Kosmetik. Ein bissel Tierschutz mit Marktpotenzial. Ohne eine grundsätzliche Veränderung des Denkens aber, werden wir überhaupt nichts ändern – und Sprache ist Denken, wenn Begrifflichkeiten dazu da sind, einen Sinn zu formulieren.

Ich muss sagen, dieses System ist nicht geeignet, das Ruder herumzureißen. Wir müssen es wagen, das System an sich in Frage zu stellen. Wir brauchen keine Ökonomen, die innerhalb des Systems herumrudern und nur ändern wollen, was wieder Wachstum und ökonomische Vorteile bringt. Wir brauchen Querdenker, Leute mit Ideen, Ökologen, Naturwissenschaftler, Klimaforscher, engagierte Bürger, Bauern, die umweltbewusst wirtschaften wollen.

Ich möchte enden mit einem Zitat von Peter Sloterdijk aus seinem Buch: ‚Du musst dein Leben ändern!‚(FFM 2009). Moment … hier hab ich es: ‚Die einzige Autorität, die heute sagen darf, du musst dein Leben ändern, ist die globale Krise, von der seit einer Weile jeder wahrnimmt, dass sie begonnen hat, ihre Apostel auszusenden. (…) Seit sie mit ihrer partiellen Enthüllung begonnen hat, ist eine neue Gestalt des absoluten Imperativs in der Welt, die sich unter der Form einer scharfen Ermahnung an alle und an keinen richtet: Ändere dein Leben! Anderenfalls wird früher oder später die vollständige Enthüllung euch demonstrieren, was ihr in der Zeit der Vorzeichen versäumt habt. “