Dr. Jekyll und das Kälberserum

Schlagloch von Hilal Sezgin
Gesetzlich erlaubt wird, was in der Wirtschaft üblich ist – nicht umgekehrt

Achtung, dies ist keine Übung! Die folgenden Szenen stammen nicht aus einem Horrorfilm, sondern sind real. Wie etliche Leser_innen sicher mitbekommen haben, haben Süddeutsche Zeitung und NDR in der vergangenen Woche einen Skandal um den Handel mit Kälberserum enthüllt. Für die meisten werden nicht die korrupten Geschäftspraktiken dieses weltweiten Handels, sondern das Kälberserum selbst der Skandal gewesen sein.

Denn viele Menschen erfuhren dadurch erst, dass Impfstoffe, Zellkulturen und Ähnliches aus einem Substrat hergestellt werden, das aus Kälbern gewonnen wird. Genauer gesagt: aus deren Herzen. Noch genauer: aus den schlagenden Herzen von Kälberföten, deren Mütter gerade geschlachtet wurden. Obwohl das Serum auch in deutschen Laboren verwendet wird, wird es hierzulande angeblich nicht gewonnen, sondern stammt bisher aus Polen, Frankreich und diversen Nicht-EU-Ländern.

Hilal Sezgin

Foto: Ilona Habben

ist Schriftstellerin. 2014 publizierte sie „Hilal Sezgins Tierleben: Von Schweinen und anderen Zeitgenossen“. Davor: „Artgerecht ist nur die Freiheit: Eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen“ (beide C. H. Beck).

Endlose Minuten der Qual

Wird beim Schlachten entdeckt, dass die Kuh trächtig war, ziehen Metzger den Fötus aus Gebärmutter und Fruchthülle und stechen ihm durch die Rippen eine Kanüle ins Herz, um das Blut zu gewinnen. Es handelt sich um Föten im fortgeschrittenen Entwicklungsstadium, die teils schon überlebensfähig wären. Obwohl man sie wohl betäuben könnte, betäubt man sie nicht. Man tötet sie abschließend auch nicht, sondern lässt sie, der Versorgung durch die Gebärmutter beraubt, ersticken. Man macht sich einfach die Funktion ihrer kleinen Herzen zunutze, die auch in den letzten Minuten des Tieres noch pumpen. Manchmal sind es zwanzig Minuten. Das müssen endlos lange Minuten der Qual sein, denn die Tiere sind in dem Stadium ja empfindungsfähig.

Ich habe einmal an einer anderen Tierart beobachten müssen, wie mehrere Föten im Leib einer getöteten Mutter starben. Sie zappelten so stark, dass ich mich wunderte: Fängt ihr Herz etwa wieder an zu schlagen – aber wieso denn im Bauch? Wieso so heftig? Erst nachher verstand ich: Erstickungskampf.

Das Gewinnen von Kälberserum entzieht sich meinem Vorstellungsvermögen: Wie kann man ein Kalb aus der Fruchthülle ziehen, ihm beim Todeskampf zusehen und eine Kanüle reinstechen? Wie stark zappelt ein Kalb beim Ersticken – schafft das überhaupt ein Metzger allein? Das sind Szenen wie aus einer schlechten Mystery-Serie, es erinnert an ein Rezept der schwarzen Magie: „Und nun gib einen Krötenfuß, die Augenwimper einer verunfallten Jungfrau und Blut aus dem schlagenden Herzen unbetäubter Rinderföten hinzu …“

Systemischer Kannibalismus

Natürlich gibt es „wissenschaftliche“ Begründungen: Dieses Kalbsblut enthält eine Fülle biologisch potenter Stoffe, die man mit künstlichen Seren nur teilweise und mühevoll nachbauen kann. Ersatzstoffe zu entwickeln, würde Geld kosten, und wie überall, wo Geld im Spiel ist, hat diese Praxis auch ökonomische Gründe: Für den industriellen Prozess ist das ungeborene Kalb einfach eine Ressource. Oder in marxistischer Terminologie: eine Ware wie alles, was Wert besitzt und dem Prozess der Wertschöpfung unterworfen werden kann.

Doch am Beispiel dieser Kälber zeigt sich, dass die Umdeutung eines Lebewesens in Ware nicht einfach „nur“ kalt berechnend ist, sondern einer Art sadistisch-alchemistischer Logik folgt. Welcher Dr. Jekyll ist erstmals auf die Idee gekommen, das Blut lebender Kälberföten zu gewinnen, und wie konnte er andere überzeugen, es ihm nachzutun? Welchen Irrweg hat die neuzeitliche Medizin genommen, um eine Flüssigkeit zum Ausgangspunkt medizinischer Forschung und pharmazeutischer Produktion zu machen, die einen solch qualvollen Tod ungeborener Wesen voraussetzt? Ist das nicht eine Art systemischer Kannibalismus, der regelmäßig gerade diejenigen „ausschlachtet“, die uns doch als besonders schützenswert gelten müssten?

Natürlich ist das nicht das einzige Mal, dass sich gerade an den jüngsten und wehrlosesten Tieren die Brutalität derjenigen Wirtschaftszweige, die Tiere vernutzen, am ungehemmtesten entfaltet. Ein ganz anderes Beispiel sind die Hühnerküken, die für den menschlichen Verzehr gemästet werden, allein in Deutschland etwa 600 Millionen pro Jahr. Ausgebrütet werden diese Tiere in den Brutschränken hoch spezialisierter Unternehmen, die die Küken zum Mästen an andere Unternehmen verkaufen.

Und wie kommen sie dorthin? Zwischen dem Schlüpfen und dem Maststall liegen Fließbänder, Transportkisten, internationale Verschickungen – und bis zu zweieinhalb Tage ohne Futter und Wasser. Ein praktischer Zufall wollte es nämlich, dass die Geflügeltransportverordnung der EU den Transport von Eintagsküken in den ersten sechzig Lebensstunden erlaubt. Solange überleben die meisten Küken unversorgt dank ihrer Reserven aus dem Dottersack.

Lobby-Power der Agrarindustrie

Für den industriellen Prozess ist das ungeborene Kalb einfach eine Ressource

Wieder die Suche nach einem Dr. Jekyll: Wer startet die Initiative zu einer Verordnung, die so etwas genehmigt? Wieso gibt es eine Extraregelung für diese Küken? Ohne die Lobby-Power unserer Agrarindustrie lässt sich das nicht erklären. Gesetzlich erlaubt wird, was in der Wirtschaft üblich ist. Nicht umgekehrt. So funktionieren leider all diese Extra-Regelungen und Ausnahmen im Tierschutzgesetz.

Die Frage nach dem Lobbyismus wird sich auch noch bei dem Kälberserum stellen, für das sich laut SZ auch in Deutschland bereits Investoren interessieren. Bis zu 180.000 trächtige Kühe werden jährlich in Deutschland geschlachtet; ihre Kälber ersticken. Schon ein paar Mal haben die Agrarminister verschiedener Bundesminister ihre Ablehnung bekundet. Sogar Bundesagrarminister Christian Schmidt sagte jüngst, dass diese Praxis „absolut inakzeptabel“ sei und er etwas dagegen „unternehmen“ wolle.

Und wenn dieses Erstickenlassen inakzeptabel ist, wie nennen wir dann erst die Praxis mit der Kanüle? Und wenn sie im Inland inakzeptabel ist, wieso dann nicht im Ausland? Müssten wir nicht Gelder bereitstellen, um andere Seren zu erforschen, oder machen wir lieber weiter die Bahn frei für Mr Hyde?