TAZ-SERIE SCHILLERKIEZ: Die Hauswartin

"Oma" packts an

Irmgard Rakowsky, 77, wohnt seit 20 Jahren im Kiez. Sie stand in Kneipen hinterm Tresen und arbeitete die Schulden ihres Mannes ab. Dabei wollte die frühere Wilmersdorferin eigentlich nie hierher.

Die Oma vom Schillerkiez ist 77 Jahre alt, trägt Brille, weiße, kurze Haare und eine schwarze Fellweste über der leopardgemusterten Bluse. Mittendrin im Kiez wohnt sie, an der Schillerpromenade. Und das schon seit 20 Jahren. Oma heißt eigentlich Irmgard Rakowsky und ist Hauswartin eines beigen Altbau-Eckhauses. "Aber alle nennen mich hier bloß Oma."

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Besucher zieht die freundliche wie resolute Nichtrentnerin beim Begrüßungshandschlag förmlich in ihre Wohnung. Dann nimmt Rakowsky Platz auf ihrem roten Stoffsessel im Wohnzimmer. Eddie, der schwarze Kater mit dem Glöckchen, schläft rechts neben ihr auf dem Sofa. Kleine Porzellanfigürchen stehen in der Mahagoni-Schrankwand zwischen Hochzeitsfotos ihrer Kinder.

Sie habe nie hierher gewollt, nach Neukölln, in den Schillerkiez, erzählt Rakowsky mit rauchiger Stimme. Nicht sie, die Wilmersdorferin. Aber ihr Mann war Neuköllner. Rakowsky gab schließlich nach und pachtete die damalige "Landebahn", eine Kneipe in der Kienitzer Straße. "Wenn du die Tür aufgemacht hast, fielen dir 100 Jahre Knast entgegen." Aber als ihr Mann zwei Jahre später starb, blieb sie - und wurde Hauswartin.

Zwischen Flughafen Tempelhof und Hermannstraße liegt der Schillerkiez. Bislang galt das Viertel am Rande des Flugfelds als Armeleutegegend. Menschen aus vielen Nationen leben hier, mehr als 40 Prozent sind arbeitslos, der Kiez hat die höchste Bevölkerungsdichte von Neukölln.

Doch spätestens seit der Stilllegung des Flughafens 2008 ist aus dem innerstädtischen Viertel ein Quartier mit Potenzial für Investoren geworden. Seit Anfang Mai ist die 386 Hektar große Freifläche ein Park; es sollen Gewerbebetriebe entstehen und neue Wohnquartiere für die obere Mittelschicht.

Droht dem Schillerkiez nun also eine Welle von Aufwertung und Mietsteigerungen, wie sie weite Teile von Prenzlauer Berg und Kreuzberg bereits erlebt haben? Sind die Studierenden und Künstler, die seit einiger Zeit ins Viertel strömen, Vorboten einer Entwicklung, die in Friedrichshain und Mitte schon an ihrem Ende angekommen ist? Wird das einstige Arbeiterviertel gentrifiziert - oder wird es bei ein paar Townhouses am Parkrand bleiben?

Sicher ist nur eins: Der Schillerkiez wird sich verändern. Wer davon wie stark profitiert, wird man sehen. Die taz wird diese Veränderungen in den nächsten Jahren beobachten.  Das Projekt läuft seit Mai 2010.

Sie habe halt irgendwann gemerkt, was für ein eigentümlicher Zusammenhalt hier im Kiez herrsche. "Einer kennt den anderen, ohne ihm zu sehr auf die Pelle zu rücken. Aber wenn man was braucht, ist immer jemand da." Es klingt nach vergangenen Zeiten, wenn Irmgard Rakowsky vom "Schwatz auf der Straße", von der Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft spricht. Aber es funktioniert für sie noch immer: Der Nachbar zwei Häuser weiter kommt, wenn es was zu reparieren gibt, eine Bekannte geht für sie ab und an einkaufen. Selbst als Irmgard Rakowsky schon nicht mehr hinterm Tresen stand, kamen noch die Letzten zu ihr nach Hause, um ihre Bierdeckel-Schulden zu begleichen. "Arm, aber ehrlich", bilanziert Rakowsky. "Da hab ich mir gedacht: Hier bleibste."

Irmgard Rakowsky passt in dieses Bild. Erst recht, wenn sie aufzählt, mit wem sie hier "ein Kiek und ein Ei" ist. Zehn Kinder hat sie großgezogen. "Vier mit dem ersten Mann, sechs mit dem zweiten." Mehrere Jahre arbeitete Rakowsky neben ihrem Hauswarts-Job im wohl derbsten Lokal des Kiezes, der Biker-Kneipe "Bierbaum", früher noch "Wild Side". Und als nach dem Tod ihres Mannes überall Schulden auftauchten, rackerte sie das Geld wieder ran. Allein.

Für ihren Hauswarts-Job hat Rakowsky vor zwei Jahren "noch den PC und das Internet gelernt". Die Arbeit tue ihr gut, lacht sie. Drei Jahre läuft ihre Stelle noch. "Ohne den Job würde ich verblöden." In ihrem Flur hängen die Schlüssel der Mieter in Dreierreihen. Falls mal einer seinen verliert oder Rakowsky die Fische füttern soll. Sie gucke nicht in die Töpfe der Leute hier im Haus. Aber wenn jemand Sorgen hat, könne er jederzeit kommen. Oder auch mal für ein Glas ihrer selbstgemachten Marmelade. Die verschenkt sie bis heute an den Kindergarten und die Männer vom Dart-Verein nebenan.

Verändert habe sich der Kiez, erzählt Rakowsky. Zuerst zum Schlechten. Das war Mitte der 90er-Jahre. Nach und nach machten da die Frisöre, Handwerker, Fleischer und der Wochenmarkt dicht, stattdessen kamen die Alkoholiker und der Müll. Gegenüber flogen Windeln aus den Fenstern auf die Straße. "Heftig" sei das gewesen, sagt sie.

Seit einigen Jahren gehe es nun wieder bergauf. Das begann mit den kleinen Beeten, die einige Anwohner um die Bäume pflanzten. Auch Irmgard Rakowsky buddelte Primeln und Mädchenaugen an ihrer Straßenecke ein. Dann wurden erste Häuserfassaden saniert, die Schillerpromenade auf Vordermann gebracht, der Spielplatz neu angelegt. Heute seien es wieder viele junge Familien und Studenten, die sich bei ihr im Haus um Wohnungen bewerben würden. Der Wochenmarkt ist wieder da. Und selbst die Hundekacke sei weniger geworden.

Sie sei ja gegen die Schließung des Flughafens Tempelhof gewesen, das bisschen Lärm habe niemanden gestört, winkt Rakowsky ab. Aber nun werde die Nachfrage nach Wohnungen in ihrem Haus weiter steigen. Die Mieten wohl auch. "Wir gehen da aber nur ganz sachte ran." Insgesamt läge der Schillerkiez ja "reichlich unterm Mietspiegel". "Schickimicki wird das hier eh nie werden", stellt sie klar. Das würde nicht passen. "Der Schillerkiez ist ein Arbeiterviertel - und bleibt ein Arbeiterviertel." Irmgard Rakowsky sagt das mit solcher Inbrunst, dass daran kein Zweifel bestehen kann. KONRAD LITSCHKO

 

Die taz beobachtet die Veränderungen im Schillerkiez in Berlin Neukölln seit Mai 2010.

07. 05. 2010

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