Geht‘s noch?

Realität? Nein danke!

Nach der Eskalation in Garzweiler bestreitet die PolizeI jede Schuld. Das ist dreist – und ziemlich dumm

Es waren keine schönen Bilder am vergangenen Wochenende im Tagebau Garzweiler: Gemeinsam jagen Polizisten und RWE-Wachmänner die durchweg friedlichen Klimaschützer, die die Braunkohle-Grube besetzt haben, durch das riesige, wüstenähnliche Gelände.

Pfefferspray und Schlagstock werden reichlich eingesetzt, auch in unmittelbarer Nähe zu laufenden Maschinen und steilen Abbruchkanten. Und einige Medienvertreter, welche die Vorgänge aus der Nähe dokumentieren wollen, werden von der Polizei auf Verlangen des Betreibers RWE vom Ort des Geschehens entfernt.

Dass so etwas nicht passieren darf, das sieht offenbar auch die Einsatzleitung so. Doch statt das Fehlverhalten von zumindest einigen Beamten einzuräumen und umfassende Aufklärung zu versprechen, hat man sich dort für eine andere Strategie entschieden: Die Vorwürfe werden bestritten. Komplett, ohne Ausnahme. Die Polizei habe es im Tagebau „keinesfalls auf Eskalationen ankommen lassen“, sondern „unter strikter Beachtung der Verhältnismäßigkeit“ agiert und sei natürlich nirgendwo „gegen Medienvertreter vorgegangen“, erklärt der Einsatzleiter.

Wer die Vorgänge in Garzweiler selbst miterlebt hat, kann darüber nur lachen. Dass die Polizei die Realität einfach bestreitet, ist nicht nur dreist, sondern auch ziemlich dumm. Denn sie unterstellt damit nicht nur, dass Augenzeugen wie ich selbst die Unwahrheit sagen; sie ignoriert zudem, dass die Vorgänge in Garzweiler – trotz der Behinderung von Medienvertretern – auf vielen Fotos und Videos dokumentiert sind und die Wahrheit damit ohnehin ans Licht kommt.

„Die Polizei kann sich die Welt nicht so machen, wie sie das vielleicht möchte“, schreibt der Polizeichef über den Einsatz in Garzweiler. Es wäre schön, wenn er diese Aussage auch im Hinblick auf seine Kommunikation ernst nehmen würde. Die Geschichte nachträglich zu verändern, mag in George Orwells „1984“ funktioniert haben. In der Realität des Jahres 2015 haben offensichtliche ­Manipulationen keinen dauerhaften Erfolg. Malte Kreutzfeldt