Potenziell weiterwuchernd

TUSCHE UND KUGELSCHREIBER Anke Becker setzt sich für die unterschätzte Gattung der Zeichnung ein. Zum 10. Mal lädt die Künstlerin zum Projekt „Anonyme Zeichner“ und zeigt 700 Zeichnungen im Kunstraum Kreuzberg

VON TIM ACKERMANN

Ist das ein Bild von Gerhard Richter? Könnte das die Handschrift von Yoko Ono sein? Namedropping und Schnäppchenmentalität sollte man lieber vermeiden, wenn man sich die Ausstellung „Anonyme Zeichner“ im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien ansieht, die am Freitag um 19 Uhr eröffnet. Im Gegensatz zum Londoner Pendant, dem „Royal College of Art Secret Sale“, wo Postkarten berühmter Künstler anonym und billig verkauft werden, ist bei „Anonyme Zeichner“ keineswegs sicher, dass gestandene Kunstmarktprotagonisten an den Wänden hängen.

Man wüsste auch gar nicht, nach wem man suchen sollte. Die Namen der Teilnehmer werden im Vorfeld nicht verraten. „Bei einer Ausstellung habe ich mal zum Spaß erzählt, dass Daniel Richter und Jonathan Meese mit dabei sind“, sagt Kuratorin Anke Becker. „Es handelte sich allerdings um Porträts der beiden, von unbekannten Künstlern gezeichnet.“ Demnach kann man vermuten, dass die Zeichnung einer Blumenstraußskulptur von Jeff Koons, die hier ausgestellt und wie alle anderen Werke zum Einheitspreis von 150 Euro angeboten wird, nicht von Koons selbst stammt. Genaueres weiß man erst, wenn jemand das Werk gekauft hat. Dann wird der Name des Künstlers auf die Leerstelle an der Wand geschrieben.

Babys mit Bonsaibäumchen

Becker erhielt 1.690 Zeichnungen – viele davon aus dem Ausland: Russland, China, Neuseeland, den USA

Aber darum geht es eigentlich gar nicht. „Die Besucher sollen sich nicht von Namen beeindrucken lassen, sondern sich entspannen und dem eigenen Urteil vertrauen“, sagt Becker. Die Enddreißigerin mit den blonden Locken ist selbst Zeichnerin. Damit wäre auch schon geklärt, weshalb die Ausstellung nicht „Anonyme Bildhauer“ heißt. „Von Skulptur habe ich einfach keine Ahnung“, sagt Becker.

„Anonyme Zeichner“ zeigt die gesamte Bandbreite einer immer noch unterschätzen Kunstgattung: Fein gemalte Tuschezeichnungen oder hingekrakelte Kugelschreiberkreise. Figuratives mischt sich mit Abstraktem. Babys mit Bonsaibäumchen auf dem Kopf, ein perfekt gezeichnetes Frauengesicht, das gekritzelte Porträt eines bebrillten Mannes – war da ein Fünfjähriger am Werk? Andernorts ein Schriftzug: „Das ist keine Kunst. Das kann ich auch!“ Neben diplomierten Kunsthochschulabsolventen hängen Künstler, die den Zeichenkurs an der Volkshochschule abgeschlossen haben.

Becker, geboren in Frankfurt am Main, hat in den 90er-Jahren an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee studiert. Schon bald sei ihr klar gewesen, dass die Entscheidung für die Zeichnung das Leben nicht leichter macht: „An den Hochschulen und von Galeristen wird man weniger ernst genommen, wenn man nur mit Papier arbeiten will“, sagt sie. „Ich hatte aber nie Interesse, Malerin zu sein. Das ist eine Typfrage, ob man aus der Farbe oder der Form kommt. Ich komme aus der Form.“ Und wie genau sieht die Kunst aus, die sie macht? „Oje, ich habe meinen Katalog zu Hause gelassen“, sagt Becker. „Das ist wieder typisch: Ich habe mich ganz auf die ,Anonymen Zeichner‘ konzentriert.“

Die Idee für das Ausstellungsprojekt kam ihr 2006, als sie gerade ihren Brotjob verloren hatte. Ein Raum in Prenzlauer Berg, ein paar Tage Ausstellung eher so zum Spaß, den Aufruf stellte sie ins Internet. „Ich dachte, da meldet sich keiner. Wer schickt denn Originale mit der Post?“ Es wurden hunderte von Werken eingesandt. Sechs hat sie damals gekauft. „Das Ganze finanzierte sich über die Bar. Ich dachte damals, wir sollten gepflegt etwas aus unserem Hartz IV machen.“ Die Frau vom Arbeitsamt fand die Idee auch gut.

Seither haben die „Anonymen Zeichner“ eine kleine Erfolgsgeschichte hinter sich. In diesem Jahr wurden Becker 1.690 Zeichnungen zugeschickt – viele davon aus dem Ausland, Russland, China, Neuseeland, den USA. Im Sommer waren sie zu viert mit dem Projekt bei der Kunstmesse „Liste Basel“ eingeladen und verkauften dort 50 Arbeiten.

Leben kann Becker von den „Anonymen Zeichnern“ dennoch nicht. Sie will es auch nicht. „Natürlich macht die Aktion meinen Namen bekannter“, sagt sie. „Aber ich bin keine Galeristin, und wenn ich ständig Zeichnungen von anderen ausstelle, fehlt mir die Zeit für meine eigenen Arbeiten.“

Ein paar Tage später liegt der Katalog von Anke Becker im Briefkasten. Ihre Collagen-Zeichnungen sehen aus wie auseinandergesprengte und neu zusammengesetzte Topografien. Wuchernde Strukturgebilde ohne Zentrum, Himmelsrichtung und potenziell ohne Grenzen. Rätselhafte Utopien. Ein Zettel ist beigelegt: „Grüße Anke. Übrigens: Deine Interviewaufzeichnungen fand ich spannend! Formal sind das Zeichnungen.“

■ „Anonyme Zeichner N° 10“, 11. 12. bis 17. 1. 2010, Kunstraum Kreuzberg/Bethanien