Zukunft der Ernährung

Die Lösung, nicht das Problem

Insekten essen ist die bessere Alternative – ökonomisch, ökologisch und ernährungsmäßig gesehen. Wir müssen uns bald eh dran gewöhnen

Koch mit Insekten

Noch ist das exotisch, jedenfalls hierzulande. Foto: Oudenaarden/ DPA

BREMEN taz | Alles spricht dafür, Insekten zu essen. Jedenfalls aber dagegen, es mit Hühnern, Schweinen oder Rindern zu tun. Und wir wollen jetzt mal nicht mit diesem ewigen Moral-Ding argumentieren. Sondern an die Welt im Großen und Ganzen denken, das Klima, die Zukunft.

Es ist doch so: Warmblüter zu essen, ist total unökonomisch und umweltschädlich, egal wie man es dreht und wendet, egal ob das Fleisch nun „bio“ ist oder nicht. Der ökologische Fußabdruck von Insekten ist immer um Welten besser als der von herkömmlichem Tellervieh. Sagt die FAO, die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen, die sich schon seit Jahren dafür stark macht, Insekten zu essen.

Schweine zum Beispiel produzieren laut FAO bis zu 100-mal mehr Treibhausgase pro Kilogramm Körpermasse als Mehlwürmer. Und verbrauchen dabei viel mehr Wasser: 3.500 Liter pro Kilo, sagen wissenschaftliche Studien. Bei Rindfleisch kann es gar zehnmal so viel sein. Zwar fehlen zuverlässige Vergleichszahlen für Insekten – sicher ist aber laut FAO: Es ist „deutlich weniger“. Mehlwürmer etwa sind dürreresistenter als Rinder. Überhaupt ist allein die Fleischproduktion laut FAO für mehr Treibhausgase verantwortlich als der ganze weltweite Straßenverkehr.

Obendrein sind Warmblüter total ineffizient, was Futterverwertung angeht. Die Zahlen variieren da stark, aber im Schnitt, kann man sagen, braucht es etwa fünf Kilo Futter für ein Kilo Schweinefleisch, bei Rindern eher doppelt so viel. Grillen hingegen brauchen nicht mal zwei Kilo, sagen Studien. Hinzu kommt, dass mehr als drei Viertel einer Grille, aber mühsam mehr als die Hälfte eines Schweins essbar ist, bei Rindern noch weniger. Von der effizienteren Fortpflanzung ganz zu schweigen. Außerdem gehen 90 Prozent der geernteten Nahrungskalorien unterwegs verloren, wenn man erstmal Mais, Weizen oder Soja an Tiere verfüttert, um dann später deren Fleisch zu essen.

Je mehr Vieh, desto mehr Nitrat

Und dann die Grundwasserbelastung! In Niedersachsen beispielsweise ist laut neuesten Zahlen der Bundesregierung das Grundwasser durchweg mit viel zu viel Nitrat belastet. Der zulässige Grenzwert wird teilweise um das 3,8-fache überschritten. Und dieses Nitrat kommt vor allem aus der Landwirtschaft: Je größer die „Viehbesatzdichte“, desto größer das Problem mit Nitrat im Grundwasser.

Wir wollen trotzdem keine Insekten essen, werden viele jetzt sagen. „Müssen wir aber“, früher oder später, sagt Lutz Fischer, leitender Biologe am Klimahaus in Bremerhaven, das unter dem Schlagwort „Grillen-Saison“ auch mal Insektenkost serviert. In den Industrieländern essen die Menschen heute durchschnittlich 80 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr, das sind etwa eineinhalb Kilo in der Woche. Doch schon 2030 werden laut FAO voraussichtlich neun Milliarden Menschen ernährt werden müssen, zusammen mit unzähligen Viechern, die mal als Nutz-, mal als Haustier gehalten werden.

Und da werden wir künftig nicht mehr „den Luxus“ haben, uns unsere Eiweißquelle selbst aussuchen zu können, sagt Nils Grabowski von der Tierärztlichen Hochschule Hannover – sondern „neue Wege“ beschreiten müssen. Zumindest: für Europäer neue. Und Heuschrecken oder Grillen, sagt Grabowski, haben eben einen Eiweißgehalt von fast 80 Prozent im Trocknen.

Natürlich könnte man jetzt einwenden: Dann sollen die Leute eben vegetarisch essen! Das wäre prinzipiell natürlich auch „super“, sagt Fischer. Aber trotzdem, auch das sagt er, nicht so gut fürs Weltklima. Denn das Soja, das Vegetarier und Veganer beispielsweise im Tofu essen, der Proteine wegen, vernichtet in Brasilien – nach den USA der weltgrößte Soja-Produzent – die Regenwälder Amazoniens, dazu den Lebensraum indigener Völker. Zumeist landet das Soja aber eh im Tierfutter, womit wir schon wieder beim Fleisch wären.

Und so gesund!

Auch ernährungsphysiologisch spricht vieles für Insekten. So enthalten 100 Gramm Heuschrecken deutlich weniger Fett, aber mit über 20 Gramm etwa ebenso viel Eiweiß wie dieselbe Menge Rinderhack. Zudem liefern Insekten ähnlich viele hochwertige Omega-3-Fettsäuren wie Fisch, und sie sind, laut FAO, reich an Ballast- und anderen Nährstoffen wie Kupfer, Eisen, Magnesium, Zink.

Und sollte jetzt jemand Angst haben, Insekten könnten gefährliche Krankheiten vom Tier auf den Menschen übertragen; Vogelgrippe, Rinderwahn oder was es da sonst noch so gibt: Die Gefahr ist „gering“, sagt die FAO. Dabei lassen sich Insekten auf Küchenabfällen kultivieren – und diese damit, siehe oben, in hochwertiges Eiweiß umwandeln. Um Hausgrillen zu züchten, reichen zwei LKW-Reifen, aufeinander gestapelt; obendrauf ein Drahtgitter, unten drin etwas Kompost aus der Küche. Dann legen Sie einen Eierkarton voll Grillen rein, und gut is‘. Versuchen Sie das mal mit Hühnern! Nein, lieber nicht.

Aber Insekten essen ist eklig! Werden viele jetzt sagen und dabei die Nase rümpfen. Aber in Wahrheit stehen sie damit natürlich ziemlich allein da. Also: bei uns vielleicht nicht. Aber global betrachtet. In Europa gab‘s zwar die Maikäfersuppe – aber nur in der Not. In Amerika, Afrika oder Asien indes essen sie schon seit jeher Insekten – Ameisenpuppen sind in Mexiko das, was bei uns der Kaviar ist.

Der Gedanke daran ist widerlich? Aber mit rohem Fisch – vornehmer: Sushi – war das bis vor Kurzem ähnlich. Zwar schützt uns der Ekel auch, sagt Valerie Curtis, eine führende Ekel-Forscherin – vor Infektionen beispielsweise –, doch was Insekten angeht, gibt es dafür heute keinen Anlass mehr, wenn man die Tiere nicht gerade am Autobahnparkplatz sammelt. Im Mittelalter mag das anders gewesen sein.

Und wie groß ist denn der Unterschied zwischen, sagen wir: Heuschrecken und Garnelen? Beide haben sie lange Fühler, eine harte Schale und innendrin etwas Fleisch. Der Ekel vor Insekten hierzulande ist ein anerzogener, dazu einer, den die Europäer im Zuge der Kolonialisierung in der Welt verbreitet haben: Wer Insekten isst, ist rückständig.

Die Auswahl ist riesig

Heute könnte es anders herum sein: Zucht und Ernte von Insekten bieten viele Chancen in Entwicklungs- oder Schwellenländern, für die Ärmsten der Gesellschaft, Grundbesitzlose, Frauen – in urbanen wie in ländlichen Gegenden, ja: sogar in der Wildnis. Der technische wie der finanzielle Aufwand ist ja minimal.

Und die Auswahl an Insekten – die meisten schmecken leicht nussig – ist riesig: Weltweit gibt es über 1.000 essbare Insektenarten. Man kann sie süß oder herzhaft, geröstet oder frittiert servieren; von Rohkost wird eher abgeraten. Auch Spinnen sind oft essbar, sagt Klimahaus-Biologe Fischer, aber das ist ein anderes Thema, das sind ja gar keine Insekten. Wahrscheinlich haben schon frühere Formen des Menschen Insekten verspeist, auch viele Primaten fressen sie.

Und am Ende ist die ganze Sache vor allem eine Frage der Verpackung, der richtigen Gewürze. Aber das kennen wir ja schon vom Tofu. Und vom Fleisch.

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