„Angekommen – Flüchtlinge erzählen“

Die meisten wissen nichts über Syrien

Ich kam mit dem Flugzeug von Syrien nach Deutschland, nicht illegal über das Meer. Bin ich Auswanderer oder Flüchtling? Was wisst ihr über mich?

Menschen laufen auf der Straße und fahren Fahrrad, im Hintergrund Marktstände

Ich trieb irgendwie bodenlos dahin, seit ich Syrien verließ: Aleppo im September 2015.  Foto: reuters/Abdalrhman Ismail

Werden wir Teil der deutschen Gesellschaft sein?

Ich kam auf legalem Weg nach Deutschland, nicht übers Meer. Zwar hatte ich davor in Syrien und Jordanien so einiges durchgemacht, das Meer aber habe ich zumindest nur aus dem Flugzeugfenster gesehen. Seinen Anblick ertrug ich kaum. Nach so viel Tod als Antwort auf unseren Traum von einer demokratischen Heimat war es schwer auszuhalten, am Horizont nur Wasser zu sehen – aus dem Flugzeugfenster. Zweifellos war dies leichter als der Seeweg. Ich war nicht der Kälte des Wassers ausgesetzt und auch nicht der Gefahr, zu erfrieren oder zu ertrinken. Nicht einen Moment lang befand ich mich in uferlosen Tiefen. Dennoch trieb ich irgendwie bodenlos dahin, seit ich Syrien verließ und in Deutschland ankam.

„Besuchen Sie Deutschland zum ersten Mal?“, fragte mich der Beamte, als ich im letzten November am Flughafen Köln-Bonn landete. „Ja“, antwortete ich, „das erste Mal, dass ich meine Heimat verlasse.“ „Herzlich willkommen“, sagte er, „Deutschland ist Ihre neue Heimat.“ Damals habe ich den Satz nicht ernst genommen. Was ist mit den Erwartungen, die man hat? Den stereotypen Bildern, die einen prägen? Mit der Heimat, in der man gelebt hat, aber nicht einen Tag lang ein Bürger war? Die Begrüßung hat mich erschüttert und jede Menge Fragen aufgeworfen über das Leben hier und über das eigene, völlig neue Leben.

Auswanderer oder Flüchtlinge?

Wir – die Syrer, die zurzeit nach Deutschland kommen – sind uns uneins über die Bezeichnungen, mit denen man uns klassifiziert. Was sind wir? „Auswanderer“? „Flüchtlinge“? Auch die Gründe, aus denen wir hier sind, unterscheiden sich. Die einen sind auf der Flucht vor dem Tod, suchen Sicherheit und ein Minimum an Grundrechten, die ihnen in ihrer Heimat verwehrt sind. Die anderen kommen, um neu anzufangen in einer neuen Gesellschaft, von der sie sich Akzeptanz für persönliche Freiheiten und individuelle Lebenskonzepte erhoffen. Zwischen beiden Fällen muss man trennen.

Ersterer Gruppe passt das hiesige Ordnungssystem wie Lebensart, Arbeitswelt, soziale Gepflogenheiten und Sexualkunde in den Schulen möglicherweise nicht. Diese Menschen wollen eher nicht lange bleiben, sondern bald zurückkehren. Vertreter der zweiten Gruppe dagegen streben nach gewissen Freiheiten und Rechten, nach einer Kultur, die sich anders als die in ihrem Herkunftsland nicht religiös definiert. Sie sind auf der Suche nach einem Ort, an dem sie ihre Überzeugungen frei äußern können, ohne bedroht zu werden. Sie möchten deutsche Universitäten besuchen, am Arbeitsmarkt teilhaben, Familien gründen, ihren Kindern eine Zukunft in Recht und Freiheit bieten. All das sollte, so hoffe ich, die deutsche Regierung erkennen und dementsprechend ihre Politik ausrichten.

Integration in die Gesellschaft

Die Neuankömmlinge stammen aus unterschiedlichen Ländern. Manche, in europäischen Ländern mit desolater Wirtschaft beheimatet, suchen hier Rettung aus ökonomischen Zwängen. Andere werden von Krieg, Zerstörung und Tod aus ihren Ländern nach Deutschland getrieben. Obwohl die Hintergründe und Motive herzukommen grundverschieden sind, wird auf alle Menschen die gleiche Integrationspolitik angewendet. Der deutsche Staat bietet jedem Ankömmling einen 600-stündigen Integrationskurs inklusive Sprachunterricht sowie 60 Stunden Einführung in die Kultur und Gesellschaft. Das mag wohl für Griechen oder Spanier ausreichend sein, aber für Menschen aus Eritrea oder Syrien etwa bei weitem nicht.

Sowohl der Umfang an Sprachunterricht als auch an Gesellschaftskunde ist für Angehörige eines völlig anderen kulturellen Kontextes sehr knapp bemessen. Insbesondere Menschen aus Kriegsgebieten leiden oft an Konzentrationsschwäche. Gedanklich und emotional hängen sie ihrer Familie und den Freunden nach. Ständig verfolgen sie die Nachrichten, die sich um Verhaftungen, Vertreibung, Tod und Ertrinken im Meer drehen. Oft sind sie traumatisiert.

Darauf wird im Unterricht jedoch keine Rücksicht genommen. So weigerte sich zum Beispiel die Lehrerin der Integrationsklasse, dem Wunsch eines Mitschülers nachzukommen und etwas zu erklären, das er nicht verstanden hatte. Aus Zeitmangel könne sie nicht alles erklären, so ihre Begründung. Heißt das, dass letztlich nur die physische Anwesenheit des Flüchtlings im Integrationskurs zählt und er im Zweifelsfall auch ohne fundierte Kenntnisse der deutschen Sprache in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft entlassen wird?

Sprache und Schreiben

Es vergeht kaum eine Woche, in der der Flüchtling nicht Post erhält von der Stadtverwaltung, dem Jobcenter, der Schule, der Telefongesellschaft, dem Stromanbieter. Und das, noch bevor er den Integrationskurs absolviert hat, geschweige denn der deutschen Sprache mächtig ist. Sämtliche Schreiben sind auf Deutsch verfasst. Ich verlange nicht, dass man den Flüchtling in seiner Muttersprache anschreibt, dass man aber zumindest alternative Lösungen einrichtet wie etwa eine Hotline, an die sich der Empfänger solcher Briefe in seiner Muttersprache wenden kann. Im Wohnungsamt, im Jobcenter, in der Stadtverwaltung – in allen Behörden – sprechen die Mitarbeiter ausschließlich Deutsch. Der Flüchtling muss einen Dolmetscher mitbringen. Was aber, wenn er keinen Dolmetscher kennt?

Nicht wenige Flüchtlinge in meinem Umfeld sind aus sprachlichen Gründen in Schwierigkeiten geraten. So mussten einige extra Gebühren an die Telefongesellschaft zahlen, da diese ihnen ungefragt schriftliche Angebote unterbreitet hat. Bis die Adressaten es jedoch drei Wochen später geschafft hatten, sich den Brief übersetzen zu lassen, war es zu spät. Rechtlich hat der Einspruch innerhalb von zwei Wochen zu erfolgen.

Was wissen die Deutschen über uns?

Die Deutschen sind nett und hilfsbereit. Zumindest die, die ich kennengelernt oder im Zug getroffen habe. Eine angenehme Erfahrung, die ich nicht erwartet hatte. Denn wir haben gewisse Klischees von den Deutschen, ebenso wie sie welche von uns haben. Eine deutsche Familie hat mich in ihrem schönen Zuhause aufgenommen. Zwei Monate habe ich dort gewohnt und in vielen Angelegenheiten Unterstützung erfahren. Christina und Gereon waren für mich eine echte Familie. Ihre Töchter haben ihre Mutter interessiert nach mir befragt und aus Rücksicht auf mich versucht, Englisch zu sprechen.

Wir haben viel über Politik, Religion und Kultur diskutiert. Ich konnte ihnen ein Bild von dem vermitteln, was in Syrien geschieht. Wobei sie sich gut auskannten, was ich nicht von allen behaupten kann, die ich hier kennengelernt habe.

Die meisten wissen nichts über Syrien, nichts von der Diktatur dort, nichts von der friedlichen Revolution gegen das Regime und für Demokratie und Freiheit. Vom Islamischen Staat und seinen Verbrechen aber wissen sie sehr wohl. Es ist an uns Syrern, denke ich, das deutsche Volk über das zu informieren, was die Medien verschweigen. Nämlich, dass sich unsere Revolution gegen ein diktatorisches Regime wendet, das eine halbe Million Menschen auf dem Gewissen hat. Dass durch globale und regionale Interessenspiele die syrische Revolution in einen bewaffneten Kampf ausgeartet ist. Dass das syrische Regime friedliche Aktivisten verhaftet und im Gegenzug Kriminelle aus den Gefängnissen entließ, die nun die Führungsspitze der militant islamischen Gruppierungen bilden.

All dies reduzieren die Medien auf eine Frage von zu Opfern gewordenen Flüchtlingen bzw. Auswanderern, ohne einen Hinweis darauf zu liefern, wer die Opfer zu Opfern gemacht hat.

In einer 16-teiligen Serie haben wir Flüchtlinge gebeten, uns das zu erzählen, was ihnen jetzt gerade wichtig ist. Wie erleben sie Deutschland, worauf hoffen sie, wie sieht ihr Alltag aus? In ihren Ländern waren sie Journalisten, Autoren, Künstler. Sie mussten Syrien verlassen, Russland, Aserbaidschan oder Libyen. Jetzt sind sie in Deutschland. Was sie zu sagen haben, lesen Sie im Oktober täglich auf taz.de. Alle Geschichten gebündelt gibt es in der taz.am wochenende vom 2./3./4. Oktober, erhältlich am eKiosk.

Ist Deutschland zu all dem verpflichtet?

Darauf kann ich weder mit Ja noch mit Nein antworten. Die humanitäre Politik, mit der die deutsche Regierung den Flüchtlingen begegnet, ist hoch anzuerkennen und schätzenswert. Einerseits. Andererseits aber entspricht diese Politik im Kern genau dem Image, das sich Deutschland kontinuierlich gibt. Würde sich die Bundesrepublik nicht als Land der Menschenrechte und Freiheit par excellence ausgeben, würden wir sie um nichts bitten. Vielmehr hätten wir uns ihr gegenüber so verhalten wie den anderen Ländern, in die sich Syrer geflüchtet haben wie Jordanien und den Libanon.

Die Tatsache, dass die Bundesrepublik den Flüchtlingen die Tore öffnet, heißt, dass sie sich einen gewissen Nutzen davon verspricht. Das ist selbstverständlich und auch logisch. Andernfalls hätte sie die gleiche Politik an den Tag gelegt wie Großbritannien, Frankreich oder die USA. Sie hätte nur einer begrenzten Zahl von Flüchtlingen die Einreise erlaubt. All diese Menschen jedoch ihrem Schicksal zu überlassen ohne einen echten politischen Plan, sie in den Arbeitsmarkt, die Gesellschaft und Kultur zu integrieren, bedeutet neue Probleme für den Staat und die Gesellschaft. Daher ist es dringend erforderlich, dass die Regierung offiziell mit den zivilen Einrichtungen, den politischen Parteien und der Gesellschaft kooperiert.

Aus dem Arabischen übersetzt von Leila Chammaa

 

Weltweit sind mehr als 60 Millionen Menschen auf der Flucht vor Kriegen, Verfolgung und Armut. Im Mittelmeer sterben Zehntausende. Und die EU setzt auf Abschottung.

5. 10. 2015

Die Person: Ramy Al-Asheq, 1989 geboren, ist syrisch-palästinensischer Dichter und Journalist. 2011 wurde er bei friedlichen Protesten gegen das syrische Regime mit dem Leben bedroht, floh nach Jordanien und kam in ein Gefängnis für Palästinenser.

Das Werk: Aus der Haft entkommen, schrieb Al-Asheq im jordanischen Amman sein erstes Buch. 2014 erhielt er ein Autorenstipendium der Heinrich-Böll-Stiftung und wohnt seither in Köln.

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