BUCHMESSE 2 Die junge syrische Autorin Luna Al-Mousli erzählt über das Politische durch das Private – typisch für viele starke Titel

Sailormoon & Assad

Luna Al-Mousli Foto: Marie-Christine Gollner-Schmid

Luna Al-Mousli strahlt, wenn sie an die Buchmesse 2014 zurückdenkt. Die 25-jährige Syrerin bekam damals vom Verlag Weissbooks aus Frankfurt eine E-Mail, sich doch bitte sofort in den Flieger von Wien nach Frankfurt zu setzen. Man wolle über ihr Buch reden. Exakt ein Jahr später hält sie ihr kleines, zauberschönes Debüt in ihren Händen, das „Eine Träne. Ein Lächeln“ heißt. Es ist typisch für viele starke Titel dieser Messe: Es ist politisch, aber anhand sehr persönlicher Geschichten.

Der Titel verweist auf die Tragikomik ihrer Kindheit und Jugend in Damaskus, wo sie lebte, bis sie 14 war. Es sind autobiografische Prosaminiaturen, die politische, soziale und kulturelle Dimensionen öffnen: Vom Religionsunterricht an der christlichen Schule ist zu lesen, in dem sie als Muslimin lieber Sailormoon mit Katze malte. „Die schönen Erinnerungen sind mir ein so wichtiger Teil wie die schlechten“, sagt Al-Mousli, „weil man nur durch sie sensibel bleibt.“ Wir lesen auch, wie Luna als Schulmädchen pflichtgehorsam Assad-Zitate paukte oder lernte, eine Waffe auseinanderzunehmen und wieder zusammenzubauen.

Die Texte sind zweisprachig, Arabisch und Deutsch. Je nachdem wie man das Buch wendet, ist entweder das Deutsche oder das Arabische zu lesen. Die zwei Sprachvarianten sind keine wortgetreuen Übersetzungen: „Ich habe die Geschichte nochmal geschrieben, so wie ich sie auf Arabisch erzählen würde“, sagt Luna Al-Mousli. Auf Arabisch muss sie niemandem erklären, was das Zuckerfest ist.

Zwischen den Prosaepisoden finden sich Bilder in verblichener Polaroid-Optik, Ausschnitte von Familienfotos, stark vergrößert. „So funktioniert für mich Erinnerung“, sagt Luna Al-Mousli: „Man erinnert sich an bestimmte Details aus größerem Geschehen.“ Die Fotoalben gehörten zu den wenigen Dingen, die die Familie vor 11 Jahren von Damaskus aus mit nach Wien nahm. Als im September 2015 die ungarischen Grenzen geöffnet wurden und Flüchtlinge über Wien fuhren, eilte Luna Al-Mousli an den Westbahnhof, half, Getränke und Schlafmöglichkeiten zu organisieren – bis die Züge um 5.30 Uhr weiterfuhren. Die Schicksale gehen ihr nahe, sie selbst hat noch Familie in Damaskus: Großeltern, Tanten, Cousins.

Mit ihren Eltern spricht sie heute eine Mischsprache zwischen Arabisch und Deutsch – je nachdem, aus welcher Sprache das Wort zuerst kommt. „Als ich mit 14 nach Österreich kam, wollte ich lange mit dem arabischen Teil von mir nichts mehr zu tun haben“, sagt Luna Al-Mousli. „Erst mit dem Arabischen Frühling wieder. Als ob mich jemand zweimal geohrfeigt und gesagt hätte: Du hast doch eine arabische Identität.“ Seit einem Jahr engagiert sie sich in Wien beim Projekt Tanmu (Arabisch für „wachsen“): Ein bis zweimal die Woche gibt sie Lernhilfe für 20 jugendliche Flüchtlinge zwischen 15 und 18. Auf der Buchmesse würde sie sich wünschen, dass auch Flüchtlinge den Weg zu ihr an den Bücherstand finden.

Die Chancen dafür stehen gut: Am Sonntag ist auf der Messe Willkommenstag für Flüchtlinge. Mindestens 500 Flüchtlinge werden erwartet, vor allem aus Eritrea, Afghanistan, Pakistan, Irak, Somalia – und eben aus Syrien. Vier begleitete Führungen soll es dann geben. Es wäre doch schön, wenn sich Teilnehmer daran nächstes Jahr mit einem ähnlichen Lächeln erinnern könnten, wie Luna Al-Mousli, wenn sie an letztes Jahr denkt.

Stefan Hochgesand